Tritt gegen die Wand
Von Carsten Tritt
Die Dardenne-Brüder wollten einen wirklichkeitsnahen Film schaffen, und anfangs wirkt die Hauptfigur Bruno auch durchaus realistisch. Bruno ist ein Kleinkrimineller, dumm, teils infantil und insgesamt ein Arschloch. Letzteres erfahren wir dadurch, daß er seine Freundin schlecht behandelt und das Kind verkauft. An seine mangelnde Reife wird in Zwischensequenzen erinnert, wenn Bruno gegen eine Wand hüpft oder um ein Auto rennt. Hier stellt sich aber auch gleichzeitig das erste Problem des Films dar, denn die Figur ist nicht nur dumm, sondern auch uninteressant. Das Interesse wird auch nicht durch das filmische Konzept geweckt, vielmehr fehlt – abgesehen vom eingelösten Wunsch der Inszenierung einer Beliebigkeit – ein solches Konzept, bzw. wo es erahnbar ist, funktioniert es nicht. Am deutlichsten wird dies durch die (Hand-)Kamera, die sich gerade im ersten Filmdrittel vornehmlich auf Nah- und Großaufnahmen beschränkt. Unklar bleibt, ob die Filmemacher damit das Spiel der Darsteller intensivieren wollten (wohl eher nicht) oder Unübersichtlichkeit/Orientierungslosigkeit zu erzeugen suchten (schon wahrscheinlicher). Jedenfalls nervt diese Art der Inszenierung und wirkt einer lebensnahen Rezeption gerade entgegen.
Das Schlimmste ist aber, daß das Drehbuch seinen anfangs realistischen Protagonisten im weiteren Filmverlauf verrät und Bruno durch klischeehafte Erkenntnis von Schuld und Sühne zu einem besseren Menschen werden läßt. Zwar suchen die Dardennes, dies zu kaschieren, indem sie dem zentralen Schritt dieser Wandlung eine Verfolgungssequenz, und somit das, was man den dramaturgischen Höhepunkt der Geschichte nennen könnte, vorausstellen, und sicherlich wird das ein Großteil des Zielpublikums, dem das dargestellte Milieu sowieso fremd sein dürfte, kaum stören. Der letzte Grund, den Film zu gucken, ist damit jedoch endgültig entfallen, und es bleibt ein Werk, das in keinem Punkt überzeugen kann.
1970-01-01 01:00