Kolya

CZ 1996. R: Jan Sverak. B: Zdenek Sverak. K: Vladimir Smutny. S: Jiri Jezek, Pavel Solc. M: Ondrej Soukup. D: Zdenek Sverak, Andrej Chalimon, Libuse Safrankova, Ondrez Vetchy u.a.
112 Min. Buena Vista ab 17.7.97
Von Ralf Möller Seit 1947 gibt es den Oscar für den best foreign-language film. Klangvolle Namen wie Vittorio De Sica oder Federico Fellini, zwei Seriensieger, oder auch der große Akira Kurosawa konnten eine Trophäe mit nach Hause nehmen. In diesem Jahr traf es den tschechischen Filmemacher Jan Sverak und seinen Film Kolya, ein naives Fernsehfilmchen, das mit großem Kino nicht viel zu tun hat.

Irgendwie hat man bei Betrachtung des Werkes das Gefühl, daß die Auszeichnung eher zu einer Art Entwicklungshilfe à la Hollywood verkommen ist. Scheinbar ist es schick, Filme aus »exotischen« Ländern zu puschen. Oder aber sollte diese Entscheidung gar eine Entschuldigung an den aus der ehemaligen CSSR stammenden Regisseur Milos Forman sein, den man mit nur zwei Nominierungen für The People vs. Larry Flynt so schamlos übergangen hat? Dabei war schon eine davon für ihn.

Oder sollte sich Forman mit den anderen tschechischen Emigranten in Hollywood, wie z.B. dem großartigen Kameramann Vilmos Zsigmond (dessen grandiose Arbeit für The Ghost and the Darkness bei den Nominierungen ebenfalls übersehen wurde) zusammen getan und Publicity für ihren Landsmann gemacht haben? Spekulationen über Spekulationen. Tatsache ist, daß Kolya gewonnen und mit Patrice Lecontes Ridicule der bessere Film verloren hat.

Natürlich sind es nicht die großen Namen, die die Qualität eines Films ausmachen. Es sind immer noch die Geschichten und die Figuren. Auf den ersten Blick scheint auch Kolya mit einer schönen Story daherzukommen. Der schon etwas in die Jahre gekommene Cellist Frantisek lernt durch den kleinen Kolya eine Lektion über das Leben, während im Hintergrund die CSSR langsam ihrem Ende zugeht. Eine menschliche Geschichte vor der politischen Umstrukturierung eines Landes.

Leider kann der Regisseur beides nicht unter einen Hut bringen. Die gesellschaftliche Situation macht sich nur an Klischeefiguren wie der Russen hassenden Mutter Frantiseks oder dem sturen Parteikopf Capt. Novotny fest. Sverak läßt seinen Schauspielern einfach keinen Freiraum, die Figuren zu entwickeln. Dabei waren es fast immer die nicht so stereotypen Charaktere, welche die Qualität des osteuropäischen Kinos der letzten Jahre ausmachten. Als ein Beispiel sei an dieser Stelle Emir Kusturicas Time of the Gypsies genannt.

Auch inszenatorisch läßt Kolya viel zu wünschen übrig und steckt voller Peinlichkeiten. Beispiel gefällig: Kolya will sich von Frantisek zu Anfang nicht an die Hand nehmen lassen. Der Mann ist ihm zu fremd. Eine kurze Zeit später folgende Szene: Beide stehen an einem Zebrastreifen, und Kolya sieht das Schild mit dem großen Strichmännchen, welches das kleine an die Hand nimmt. Nächste Einstellung: Kolya nimmt Frantisek an die Hand. Das Vertrauen zwischen den beiden wird durch ein Schild hergestellt. Zum Schreien – oder sollte ich den Subtext verpaßt haben? Wohl nicht.

Wenn man bedenkt, daß sich der Film hauptsächlich mit der Beziehung zwischen dem Cellisten und dem kleinen Jungen beschäftigt, sieht das Ende wie ein schlechter Witz aus. In einer völlig emotionslosen Szene auf dem Flughafen trennen sich die Wege der beiden wieder. Doch für Frantisek beginnt dann das große Happy End mit neuem Job, einer Frau und einem eigenen Kind in einem »besseren« System, denn die politische Revolution ist auch vollzogen.

So wird dann auch das im Film immer wieder angesprochene Vorurteil widerlegt, daß ein guter Musiker keine Familie haben kann. Platter als Kolya am Ende seine Botschaften verkündet, kann man dies wohl kaum machen. Wo der letztjährige Oscar-Gewinner Il Postino die traurigen Augen von Massimo Troisi und die Poesie des Pablo Neruda besaß, kann Kolya eigentlich mit nichts aufwarten.

Wie man die tschechische Geschichte mit der menschlichen Tragödie kongenial verquicken kann, hat Phillip Kaufman mit seiner Umsetzung von Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins gezeigt. Diesen Film sollte sich Jan Sverak als Anschauungsobjekt für richtiges Kino schnellstens zu Gemüte führen, weil sonst sein nächster Film wieder nur für das Kleine Fernsehspiel in Frage kommt, aber nicht für die große Leinwand. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #07.

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