Kolya

CZ 1996. R: Jan Sverak. B: Zdenek Sverak. K: Vladimir Smutny. S: Jiri Jezek, Pavel Solc. M: Ondrej Soukup. D: Zdenek Sverak, Andrej Chalimon, Libuse Safrankova, Ondrez Vetchy u.a.
112 Min. Buena Vista ab 17.7.97
Von Mark Stöhr So ein kleiner Junge ist süß. Und wenn er bei einem mit rotzverschmierter Nase vor der Türe steht, weil seine Mutter nach Westdeutschland emigriert ist und ihn nicht mitgenommen hat, nimmt man ihn erstmal herein und zieht ihm Hausschuhe an.

Frantisek und Kolya sitzen am Tisch, Abendessen. Sie können sich nicht unterhalten, denn der eine, Frantisek, ist Tscheche, und Kolya Russe, der Große 55 Jahre und der Kleine sechs. Zwischen beiden stehen fünfzig Jahre Kriegs- und Besatzungserlebnisse und ein Becher Tee. Den will Kolya nicht trinken, könnte ja jeder kommen, und als Frantisek es clever mit einem fremdsprachigen Brückenschlag über das Wort »Tee« probiert, erst recht nicht. Da muß schon das Telefon klingeln und Frantisek dem Kleinen brummelnd den Rücken kehren. Hier werden Reviere markiert, der Beginn einer wunderbaren Männerfreundschaft eben.

Wir sind in Prag im Jahre 1988. Frantisek Louka, ein vormals renommierter Cellist, der wegen der Emigration seines Bruders seinen Job in der Prager Philharmonie verlor, schlägt sich mit Auftritten bei Begräbnissen durch, und manchmal gleitet sein Cello-Bogen von den Saiten ab, direkt zwischen die Beine verheirateter Sopranistinnen. Die finden das nicht schlimm und vertreiben ihm gern seine Freizeit. Aber was ist ein Mann ohne Auto? Wer kann sich das leisten, und dazu noch ein ostdeutsches Fabrikat, einen Trabi, nach dem Frantisek sich sehnt?

Als auch noch die Dachrinne am elterlichen Haus Rostlöcher zeigt, vergißt Frantisek seine Angst vor der Staatssicherheit und seine Single-Sorgen und läßt sich auf die Scheinheirat mit einer Russin ein, die tschechische Papiere braucht. Mit denen türmt sie auch prompt noch in der Hochzeitsnacht gen Westdeutschland. Das ganze könnte Frantisek eigentlich egal sein – er fährt jetzt nicht mehr Straßenbahn –, stünde nicht Tage später jenes verwaiste Häuflein Elend vor ihm, dessen frischgebackener Stiefvater er ist. Und hier ist schon jedem klar, wie es weitergeht. Spannend ist nur noch die Frage, wie gut oder schlecht es gemacht ist und ob die Taschentücher reichen.

Um es vorwegzunehmen: Regisseur Jan Sverak hat einen inhaltlich und ästhetisch rundum stimmigen Film gemacht, der keinem wehtut. Die Geschichte des tschechischen »Unterdrückten«, der sich den übermächtigen sowjetischen »Unterdrücker« in der Figur des kleinen Kolya in die Wohnung nimmt und ihn beschützt; die Geschichte des Beschützten, der in einer Verhörsituation zum Beschützer wird; das immer wiederkehrende Wechselspiel von der feindlichen Außenwelt der patrouillierenden Panzer und verhörenden Staatssicherheitsagenten; die innere Emigration des Lebens in einem Turm und der Gemeinschaft von Freunden und Leidensgenossen – diese politische Ebene ist ganz dezent und fast unmerklich in die wunderschöne »Liebesgeschichte« zwischen Frantisek und Kolya eingeflochten und verliert dadurch ihre eigentlich recht platte Parabelhaftigkeit.

Und auch diese »Liebesgeschichte« bedient in ihrer Treatment-Form eigentlich sämtliche tausendmal erzählten und gesehenen Klischees: Mann kann erst nicht ohne Frauen, Mann kann dann nicht mit Frau und Kind, Mann darf letztlich nur noch mit Kind, aber ohne Frau, bekommt aber am Ende zur Belohnung für seinen Reifungsprozeß beide. Dies alles erscheint aber auf der Leinwand plötzlich ganz frisch und unverbraucht. Man kann die immergleiche Story eben irgendwann nicht mehr anders erzählen, sondern nur noch anders zeigen. Darin liegt die Stärke von Kolya.

Er »lebt« durch seine konkreten Realitätsdetails, die vielbeschworene »Poesie des Alltags«, die knatternden Benzingemischmotoren, die stotternde Mechanik, mit der die Särge hinter einer Klappe verschwinden, die von Braunkohle geschwärzten Hausfassaden, die beschlagenen Scheiben in der Straßenbahn und vor allem durch die Figuren, in deren Ausdruck, jeder Geste, jedem Wort sich der Horizont einer ganzen Lebensgeschichte öffnet.

Es gibt einfach unglaublich viel zu sehen, aber vor allem Andrej Chalimon alias Kolya, den »Engel, der vor der Kamera sein eigenes Leben führte« (Jan Sverak). Dieses kleine ungelenke Bündel Sturheit mit seinen großen ernsten Augen, die schon alles gesehen zu haben scheinen, und seinem melancholischen Russisch stellt alle hinlänglich bekannten Kuck' mal, wer da spricht-Retorten ins Aus. Und wenn er mit der Duschbrause mit seiner Großmutter telefoniert, heult man alle Tränen, die man hat. Das ist ein bißchen schade, weil man am Ausgang die Taschentücher in den Abfall wirft, aber schön ist es doch. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #07.

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