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Invincible

D 2001. R,B: Werner Herzog. K: Peter Zeitlinger. M: Hans Zimmer, Klaus Badelt. S: Joe Bini. P: Werner Herzog Filmproduktion. D: Tim Roth, Jouko Ahola, Anna Gourani, Max Raabe, Jacob Wein, Gustav Peter Wöhler, Udo Kier u.a.
130 Min. Zephir ab 17.01.02

Der Mythos der Unbesiegbarkeit

Von Sascha Seiler Der Mythos der Unbesiegbarkeit, der Glaube an einen Mann, dessen übermenschliche Kräfte ihn zum Auserwählten machen, sein Volk zu führen, ist seit jeher stark verwurzelt im Glauben der Menschheit. Vom biblischen Samson über den germanischen Siegfried bis hin zum amerikanischen Superman tragen kulturelle Gemeinschaften jedweder Art diese Hoffnung auf jenen erwählten Befreier in sich, der seinesgleichen vor dem Unheil der Welt zu bewahren im Stande ist. Zeche Breitbart ist die Verkörperung einer modernen jüdischen Ausprägung dieses Mythos, dessen wahre Geschichte nun von Werner Herzog verfilmt wurde.

Ein Jahr vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wird ein Geschäftsmann aus Berlin während einer Reise durch die ostpolnische Provinz auf den scheinbar übermenschlich starken jungen jüdischen Schmied aufmerksam und lockt ihn ins moderne Babylon Berlin. Der herzensgute und naive Zeche folgt nach langem Zögern dem Ruf des Ruhmes und wird in der Reichshauptstadt an den Wahrsager Hanussen vermittelt, in dessen »Palast des Okkulten« er als Verkörperung der germanischen Unbesiegbarkeit im Gewande des legendären Siegfried vor dem zunehmend nationalsozialistischen Publikum auftreten muß. Hanussen selbst ist getrieben von einem Streben nach Macht, deren Ziel er in der Errichtung eines »Ministeriums des Okkulten« unter Hitlers Obhut sieht.

Doch der nur von seinem natürlichen Instinkt und von der Liebe zu Hanussens Lebensgefährtin Marta getriebene Zeche erkennt nach und nach die Gefahr, die dem jüdischen Volk bei einer möglichen Machtergreifung Hitlers droht. Auf der Bühne reißt er sich die germanische Maskerade vom Leib und gibt sich als Jude zu erkennen. Hanussen versteht es, auch diesen Zwischenfall zu seinen Gunsten zu nutzen und verkauft Zeche fortan als Samson, den jüdischen Muskelmann. Zeche, der sich aufgrund seiner scheinbar übermenschlichen Kräfte für prädestiniert hält, das jüdische Volk in den Kampf gegen die Nationalsozialisten zu führen entarnt Hanussens wahre, jüdische Identität und kehrt als selbsternannter Messias in sein Heimatdorf zurück. Dort stirbt der unbesiegbare Retter einen Tag vor Hitlers Machtergreifung – an einer Blutvergiftung.

Wie auch in Fitzcarraldo oder Aguirre ist die Nähe der Hauptfigur zum mythischen Sisyphos stets präsent. Auch in Invincible kämpft ein Einzelner gegen ein allzu mächtiges Schicksal und erringt noch während seines tragischen Untergangs einen kleinen persönlichen Sieg in Form einer mythischen Heroisierung. Daß Werner Herzog seine Figur nicht nur deutlich in die Tradition der unbesiegbaren mythischen Gestalten wie Samson, Herkules oder Siegfried setzt, sondern auch Querverweise auf postmoderne Helden von Superman bis hin zu David Dunn aus M. Night Shyamalans Unbreakable streut, ist ein wichtiger Aspekt, der zum Gelingen dieses Films beiträgt. Zeches Charakter wird – ähnlich wie Shyamalans Dunn – getragen von einem Irrglauben an die eigene Unbesiegbarkeit, von einer mißlungenen Interpretation mythischer Motive, die ihm letztendlich zum Verhängnis wird.

Herzog ist es auch in Invincible gelungen, vor allem durch den Einsatz von Laiendarstellern – Jouko Ahola, zweimaliger Träger des Titels »Stärkster Mann der Welt« und die russische Pianistin Anna Gourani – und einem phantastisch agierenden Tim Roth jenen filmischen Realismus zu erreichen, der seine Filme in den 70er Jahren zu solch überwältigenden Kinoereignissen werden ließ. Mögen viele diesen Film aufgrund der konservativen Art, in der er seine Geschichte erzählt, als altmodisch abqualifizieren – Werner Herzog hat mit Invincible ein großes Werk des modernen Erzählkinos geschaffen. 1970-01-01 01:00

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