Die haptische Art
Von Jenni Zylka
Bei der Berlinale-Pressekonferenz fragte ein britischer Journalist den Regisseur Patrice Chéreau, ob, nun ja, ob denn diese großartige Schauspielerin wirklich… also bläst Kerry Fox Mark Rylance wirklich einen? So ein Film ist Intimacy. Ein Film, der in vielen Menschen dumme Fragen provoziert. Chéreau war sichtlich genervt von solchen Fragen. »Der Film heißt ›Intimität‹!«, sagte er immer wieder. Und Intimität wird gezeigt. Zwei Menschen haben eine sexuelle Beziehung. Eine, über die man zwar nicht viel weiß. Aber das Wichtigste wird so genau dargestellt, daß man es fast greifen kann: Jay und Claire sind scharf aufeinander. Auf eine sehr realistische, haptische, bodenständige Art und Weise: Sie kommt, sie reißen sich die Klamotten vom Leib, sie vögeln, sie geht. Wäre der Film nicht da angesiedelt, wo er ist, nicht von dem inszeniert, der es getan hat, dann wären die Sexszenen weniger greifbar, dafür aber künstlicher, mit mehr glänzenden Oberflächen, einschließlich der perfekten Haut und der in Hollywoodfilmen unabdingbaren Orgasmusszene, die man entweder an der sich um ein seidiges Laken krampfenden Hand der Frau, dem symmetrischen Gestöhne oder dem Anschwillen der Musik erkennt. Aber Chéreau hat einen Film gedreht, der sich in jeder Nachbarwohnung abspielen könnte. Deswegen ist der Sex, den Jay und Claire haben, nicht schlechter als der von Jack und Rose in Titanic, sofern Sex überhaupt eine meßbare Größe ist. Er ist einfach nur wahrer. Daß sich darüber so viele Menschen aufregen, jene Szenen aus Intimacy herausschnippeln, ihn in eine merkwürdige Pornoecke drängen wollen oder sogar argumentieren, er sei frauenfeindlich, weil Claire nicht den sonst üblichen Filmorgasmus vortäuscht, ist schon sehr merkwürdig. Natürlich sieht man in nicht-pornographischen Filmen äußerst selten eine Frau einem Mann einen blasen, was bekanntlich nicht daran liegt, daß Frauen es so selten tun, sondern, daß es sich anscheinend nicht gehört, es zu zeigen: Vielleicht schämen sich Männer dafür, daß sie es fast immer wollen. Chéreau schämt sich jedenfalls nicht dafür und seine Darsteller ebenso wenig.
1970-01-01 01:00