Nicht-Orte
Von Thomas Waitz
Einmal, da steht die Familie an einem Stehtisch in einer Autobahnraststätte, die leer ist. Warten auf den Kontakt, der dann doch nicht kommt. Kaum, daß Kamera und Schnitt ihn erkunden. Andeutungen eines Äußeren. Eine einzige, statische, lange Totale. Dann Jeanne in einer der wenigen Nahaufnahmen.
Die Nähe, die Petzold seiner Hauptfigur zufallen läßt, ist eine Frage der Kadrierung, der Anordnung. Sie ist eine Frage der Einstellung. Als Jeanne weggeht, aufs Klo, heimlich rauchen, bleibt der Blick lange auf den Figuren der Eltern, die keine Sicherheit zu geben vermögen, weil es keine Sicherheit gibt. Selbst das wenige, das wir als Zuschauer wissen können, ist nur scheinbar. Schnitt: Jeanne, alleine, eingesperrt auf dem Klo, rauchend. Was ihre Eltern miteinander besprechen, ob sie überhaupt reden – wir erfahren es nicht. Wenn man im Nirgendwo lebt, bleibt man stehen in seinen Erinnerungen, wird später jemand sagen.
Auf eine unbegreifliche Weise hat sich das, was Außen ist, verändert. Das Nirgendwo ist überall: In der Leere der Hotelzimmer, der Treffpunkte in Restaurants, der bedrohten Unterkunft in der leerstehenden Villa. Eine genaue Verortung scheint niemals möglich. Und weil der Schnitt sein Material synthetisch organisiert, immer wieder die Brüche visualisiert und nicht mehr nur nach den Gesetzen einer wie auch immer gearteten, physischen Kontinuität verfährt, tritt der Raum als Raum auch nicht hinter den Raum als Handlungsort zurück, sondern wird zu einem eigenständigen Gebilde: den Nicht-Orten, der Unbehaustheit.
1970-01-01 01:00