Unsicherheitsmontage
Von Dietrich Kuhlbrodt
Akzeptiert man, daß der Schnitt der Inneren Sicherheit die innere Unsicherheit der handelnden Personen hervorkehren möchte, so irritiert denn doch die unsichere Balance von subjektiv-realistischen und objektiv-choreographischen Montagen. Es geht in den beiden Szenen, die ich meine, um so etwas Simples wie den Straßenverkehr. In Portugal ist die Verfolgung so geschnitten wie in einem Mainstream-Action-Film; wir sind eingeladen, die Perspektive der Verfolgten einzunehmen. Später dann, an einer Straßenkreuzung in Deutschland, nehme ich an, werden wir dann schnittmäßig eingeladen, uns über die Verfolgten zu amüsieren; in einer Slapstickchoreographie sehen wir Kraftfahrzeugführer, die von allen Seiten her kommend, vor der Ampel anhalten. Der Verfolgte benimmt sich wie ein Hampelmann. Klar ist das befreiend, über den Exterroristen lachen zu können. Wo aber bleibt die dramaturgische Notwendigkeit, von der einen in die andere Perspektive zu wechseln?
In der Schlußsequenz wird diese Montagebeliebigkeit noch merkwürdiger. Spätestens jetzt, denke ich, ist es der Zuschauer, der verunsichert ist. Auf der Flucht aus Deutschland hat der Familienvater beschlossen, sich nach Übersee einzuschiffen, aber noch ist man im Auto; der Dialog hatte erarbeitet, daß die Polizei nur eins will: festnehmen und die Festgenommenen mit allen Mitteln zum Reden zu bringen. Was zeigt die Montage? Wie drei schwarze Limousinen den verfolgten Wagen abdrängen; die Insassen sind tot, verbrannt dazu: ein Spektakel. Das ist wieder die choreographische Draufsicht; zum Reden sollte niemand gebracht werden. Waren die Terroristeneltern, die zuvor soviel Dialog hatten, doof gewesen? Was soll jetzt bewiesen werden? Sollte das Mafia-Klischee die überkompensierende Angst und Unsicherheit der Eltern widerspiegeln?
Aber die Tochter überlebt. Also war der Vorgang real. Was also ist die Botschaft? Die Polizei schickt Killerautos, und die Terroristen waren die tumben Toren gewesen? Wenn das Fazit fraglich bleibt, so mag es bei mir daran liegen, daß ich der Unsicherheits-Montage nicht getraut habe. Ich fand's schon wenig glaubhaft, daß wer in Hamburg mit der Supermarkt-Tüte mutterseelenallein unten an einem Wiesen-Flüßchen längsläuft, um dann – Schnitt! – im Hochwald von einem Berg nach unten herabzusteigen.
1970-01-01 01:00