Die innere Sicherheit

Die innere Sicherheit. D 2000. R,B: Christian Petzold. B: Harun Farocki. K: Hans Fromm. S: Bettina Böhler. M: Stefan Will. P: Schramm. D: Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Bilge Bingül u.a.
105 Min. Pegasos ab 1.2.01

Zeitstillstand

Von Natalie Lettenewitsch Ein Mädchen, das nie eine Schule besucht hat, sitzt am Strand, lernt Worte in der fremden Sprache. Die Eltern, immer im Hintergrund, immer präsent: eine Familie. Auf der Flucht, länger schon, als es Jeanne, die Tochter, gibt. Warum verstecken sie sich, was haben sie getan? Wo befinden sie sich überhaupt?

Es dauert lange, bis man sich zurechtfindet in Christian Petzolds mit fast hypnotischer Langsamkeit erzählten Bildern, um später um so schwerer wieder von ihnen entlassen zu werden. Wir müssen uns die Vergangenheit selbst erahnen, eine Zeit, die so historisch scheint und für diese Figuren doch nahezu stehengeblieben ist.

Durch die Geduld und den konsequenten formalen Minimalismus, mit dem Petzold seine symbiotisch verschmolzenen Protagonisten studiert, schafft er eine Atmosphäre, die jeden Moment zu implodieren scheint. Der Diebstahl letzter Ersparnisse zwingt das Trio zurück nach Deutschland, wo ihre Geschichte so veraltet ist wie die Geldscheine, die einmal für Notzeiten vergraben wurden. Nebelferne Hinweise auf die damaligen Zusammenhänge: Jeanne gerät doch noch in ein Klassenzimmer und sieht dort den Holocaust-Film Nuit et brouillard, wie einst Barbara Sukowa und Jutta Lampe in Die bleiernen Zeit.

Wo Volker Schlöndorff, der gleichfalls am postterroristischen Danach interessiert war, die Vorgeschichte in Zeitraffer-Tableaus und platten Schlagwort-Dialogen noch einmal erzählen wollte, verweigert Petzold die klare Rücksicht aus der historischen Distanz, versucht das Damals gar nicht erst zu visualisieren, sondern läßt Leerstellen, die sich in den Köpfen mit ungleich wirksameren Assoziationen füllen.

Während Die Stille nach dem Schuß den Neuen Deutschen Film der 70er, der den Terrorismus einst mit einer Mischung aus Sympathie und lähmender Distanz begleitete, stellvertretend geradezu demontiert, erzählt Petzold souverän aus der Sicht einer Nachgeborenen. Gleichwohl stand ihm mit Coautor Harun Farocki ein scharfsinniger Beobachter zur Seite, dessen Filmographie u.a. durch den dffb-Mitstudenten Holger Meins und Agitationsfilme wie Nicht löschbares Feuer mit der Entstehungszeit der RAF verknüpft ist. Und, wichtiger noch: ein grandioses Darstellertrio – besonders Julia Hummer, die die langen Einstellungen mit unglaublicher Kraft trägt.

Eine apolitische, ahistorische Kriminalgeschichte? »Innere Sicherheit« ist hier auch oder vor allem psychologisch zu verstehen. Alles bleibt scheinbar privat – aber weist doch schier unbegrenzt über sich selbst hinaus. Kühl reduziert, unaufgeregt und dabei doch alles andere als teilnahmslos. Petzold denunziert nicht, sondern ermöglicht einen bitteren Blick auf Menschen, die einmal Gesellschaft gewaltsam zu verändern suchten und am Ende nur sich selbst zerstörten. Ein Blick aus einer Zeit heraus, der es irgendwie gelungen ist, diese Menschen so derart fern und irreal erscheinen zu lassen – the state we are in. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #21.

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