Tableau Vivant
Von Thomas Waitz
Biopics bilden nicht vornehmlich historische Ereignisse ab, sondern bringen einen Modus der Repräsentation hervor, der in erster Linie die Wertvorstellungen ihrer Urheber widerspiegelt, die sich damit selber und ihr Bild der Geschichte in die Produktionen einschreiben.
Frida ist nun aber eine Künstlerbiographie ohne Kunst und ein politischer Film ohne Politik. Zum einen wird über Motivation und Antrieb künstlerischen Schaffens kein Wort verloren. Bis auf den Diego Rivera zugeschobenen und letztlich tautologischen Hinweis, man male eben, weil man dazu das tiefe innere Bedürfnis verspüre, verweigert sich Julie Taymor jeglichem Versuch, ästhetischer Praxis und sozialem Rahmen ihrer Protagonisten eine Passung zu geben. »Kunst« ist in Frida zuschreibungsfrei ein »Spiegel der Seele«: Immer wieder erwachen die Bilder Frida Kahlos als Tableau Vivant zum Leben und führen ihr Werk auf reale Erfahrungen zurück. Zum anderen wird die politische Dimension ihres Lebens auf ein Bekenntnis zu allgemein-menschlichen Werten reduziert, was letztlich eine solch universelle Anschlußfähigkeit erzeugt, daß sie beliebig wird. Wenn Leo Trotzki in einer Tischrede nicht etwa auf den Kampf für die Ideale der Oktoberrevolution anstößt, sondern auf »Menschlichkeit« und »Solidarität«, fehlt zweifellos nicht mehr viel zur Sozialdemokratie.
Auch wenn der Film die Schwierigkeiten moderner Identitätskonstruktionen thematisiert, scheitert er. Hier wird die Lebenswirklichkeit einer weißen, US-amerikanischen Mittelschicht auf eine noch in der Phase früher Modernisierung verhafteten Gesellschaft Mexikos im Jahre 1927 übertragen. »Ich bin so oft zerbrochen, daß ich nicht mehr weiß, wer ich bin«, sagt Frida auf die Folgen ihres Unfalls angesprochen. Ein deutlicheres Bild für die Erfahrung moderner Identität dürfte sich schwerlich finden lassen.
1999-11-30 00:00