La Llorona
Von Sascha Seiler
Wie ein Todesengel tritt kurz vor Frida Kahlos Tod Mexikos berühmteste Sängerin, die 83jährige Chavela Vargas, auf und schildert ihr als »Llorona«, einer Art lateinamerikanischen Moritatensängerin, noch einmal den Verlauf ihres schmerzerfüllten Lebens. Um die Künstlerin herum tanzen mexikanische Skelettpuppen, die üblicherweise in der Semana Santa die bösen Geister vertreiben sollen. Der erste von zahlreichen Querverweisen, denn die junge Chavela war im wahren Leben unsterblich in Frida Kahlo verliebt.
Das Leben der Frida Kahlo wird in diesem Film als ein einziger Leidensweg dargestellt – physisch wie psychisch. Die Ehe mit dem weltberühmten Künstler Diego Rivera, dessen riesige realistischen Wandgemälde voller kommunistischer Arbeiterromantik stets im Kontrast mit der reduzierten Subjektivität in der Kunst seiner Ehefrau stehen, ist gleichsam ein Kampf des Pathos gegen die Reduktion. Ihr Rückenleiden, das durch einen dramatischen Unfall in ihrer Jugend verursacht wurde, führt die Künstlerin zur Staffelei, doch versteht es der Film auf intelligente Weise, dieses Leiden nicht als einzige Motivation zur Kreativität zu interpretieren.
Vielmehr unternimmt Julie Taymor den Versuch, Frida Kahlo näher zu kommen, indem sie die Vorzeichen umkehrt und den Schlüssel zu Fridas Leben in ihren Gemälden und deren Adaption mexikanischer Folklore sucht. Wenn Malerei und Realität sich überblenden, so ist das weit mehr als ein Trick, um dem Zuschauer beweisen zu wollen, daß Kahlos Kunst eine reine Abbildung ihres Lebens war. Es ist vielmehr die Thematisierung ihrer mexikanischen Identität, die aus den Bildern der Künstlerin spricht, eine Reduktion des bombastischen sozialistischen Realismus der Bilder ihres Ehemannes Diego Rivera, die immer nur vom Kollektiv sprechen und universelle Antworten auf die Fragen des einfachen mexikanischen Volkes geben wollen.
Frida Kahlo, und das illustriert dieser Film meisterhaft, sucht einen Rückzug vom Politischen ins Private, mexikanische Identität scheint für sie nahezu deckungsgleich mit Folklore zu sein. Und der Film zeichnet diese mexikanische Folklore präzise nach – von den bunten Patios am Anfang und Ende des Films über die Passionsspiele der Semana Santa, bei denen sich auch Frida als Heiland durch die Massen tragen läßt, bis hin zu den Anspielungen auf Volksmärchen im Hintergrund vieler Bilder der Künstlerin. Das mag für den europäischen Zuschauer stilisiert wirken, liefert aber tatsächlich eine akkurate optische Repräsentation mexikanischen Alltags.
Es ist sicherlich von Vorteil für eine Künstlerbiographie, wenn sie eine historische Figur aus einem Umfeld darstellt, dem das Pathetische näher ist als dröger Realismus. Und Taymor gelingt es in Frida, das Lebensgefühl einer Generation zu vermitteln, die sich als Mosaiksteinchen in den »Canto General« eines Kontinents eingliedert – ein Lied, das Zeichen der Erinnerung ist und von den Lateinamerikanern gerne als ihr Amulett bezeichnet wird.