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Der freie Wille

D 2006. R,B,K,S: Matthias Glasner. B: Judith Angerbauer, Jürgen Vogel. K: Ingo Scheel. S: Mona Bräuer, Julia Wiedwald. M: Benedikt Schiefer. P: Colonia Media, Label 131, Schwarzweiß. D: Jürgen Vogel, Sabine Timoteo, André Hennicke, Manfred Zapatka, Judith Engel u.a.
163 Min. Kinowelt ab 24.8.06

Theo gegen den Rest der Welt

Von Nikolaj Nikitin Der fast viertelstündige Prolog beginnt irgendwo im Nirgendwo – die Topographie, die reale Örtlichkeit ist nicht von Bedeutung. Theo blickt aufs Meer – das wird auch das Letzte sein, das er am Ende des Films sieht. Sein Blick wirkt befremdlich und auch bedrohlich – ebenso wie sein Verhalten in der ersten Szene mit anderen Menschen, die schnell in einer Gewaltaktion endet. Diese eskaliert baldigst in eine der härtesten Vergewaltigungsszenen der Filmgeschichte. Hart vor allem deshalb, weil Protagonist und Regisseur sich Zeit lassen, dieses Zeitlassen schmerzt uns als Zuschauer besonders – gepaart mit der Brutalität des Vorgehens und dem völligen Fehlen von Erklärungsmustern. Das macht auch eine der großen Stärken des Films aus, denn er bietet dankenswerterweise keine plumpe oder pädagogische Erklärung an und führt zum konsequenten und einzig denkbaren Ende: Es gibt für Theo keine Rettung, keine Maria, auch keine Magdalena und schon gar keine Nettie. Theos Figur, getrieben von einem biologischen, einem psychologischen Determinismus, kennen wir aus der deutschen Filmgeschichte, vor allem aus der Tradition des Expressionismus. In Peter Lorres Hans Beckert aus Langs M läßt sich der wahrscheinlich bekannteste Prototyp erkennen (in Hannibal aus Schweigen der Lämmer sein aktualisiertes US-Pendant), der stellvertretend für eine verbreitete Ästhetik der Weimarer Republik steht.

Vor allem aber wird Der freie Wille getragen durch die Spielstärke von Jürgen Vogel – beachtlich sein tumber, dicklicher, fast autistischer und angsteinflößender Theo aus dem Prolog; eine Figur, die sich in jüngster Zeit selten im deutschen Kino findet. Fast zehn Jahre später ist Theo zwar anscheinend körperlich fit und mental stabilisiert, aber die Triebe dominieren ihn, und er weiß schlußendlich nur einen Weg, sich zu erlösen. Unterstützt wird Vogels Spiel dabei nicht nur von den Schauspielerkollegen (allen voran Sabine Timoteo), sondern auch durch eine bravouröse Kameraführung, die keine Nähe scheut, und einem gekonnten Schnittrhythmus, der sich immer aufs Wesentliche, auf die Figuren konzentriert. Ein deutscher Film, wie man ihn sich häufiger aus deutschen Landen wünschen würde – vor allem, weil er der kreativsten Periode des deutschen Films Tribut zollt, und von einem starken Konflikt zeugt, der gekonnt inszeniert ist, über die gesamte Dauer die Spannung hält und einen Protagonisten bietet, der fesselt, auch wenn er ein »Unsympath« par excellence ist. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #43.

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