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Der freie Wille

D 2006. R,B,K,S: Matthias Glasner. B: Judith Angerbauer, Jürgen Vogel. K: Ingo Scheel. S: Mona Bräuer, Julia Wiedwald. M: Benedikt Schiefer. P: Colonia Media, Label 131, Schwarzweiß. D: Jürgen Vogel, Sabine Timoteo, André Hennicke, Manfred Zapatka, Judith Engel u.a.
163 Min. Kinowelt ab 24.8.06

Sympathy for the Devil

Von Daniel Bickermann »Küche, Wohnzimmer, Klo. Ingo, Ralle. Theo.« Mit dem Mut zur Kargheit stattet Matthias Glasner seinen Film und seine Figuren aus, dabei brodeln unter der Oberfläche Konflikte von pathologischen Ausmaßen. Es ist nicht die einzige mutige Entscheidung, die Glasner mit seinem fast wortlosen Drehbuch und seiner konsequenten Regie trifft: Mit dem zutiefst gestörten Theo sucht er sich auch einen äußerst kontroversen Protagonisten aus, einen mehrfachen Vergewaltiger, einen Triebtäter auf Freigang nach neunjähriger Behandlung in der Psychiatrie. Seine Vergangenheit wird nicht als abstrakte Vorgeschichte vorausgesetzt, sondern dem Zuschauer erbarmungslos vor Augen gehalten – die anfänglichen Szenen der sexuellen Gewalt werden den gesamten Film beherrschen und sowohl den Zuschauer als auch den Protagonisten nicht mehr loslassen.

Auf der anderen Seite steht die introvertierte Nettie, selbst Mißbrauchsopfer und voller psychischer Vernarbungen, die bei ihrem allzu liebevollen Vater lebt (dem Manfred Zapatka in wenigen Szenen und fast ohne Dialogzeilen eine berührende Tiefe verleiht). Ganz anders als Theos offengelegte Herkunft setzt sich Netties Porträt dabei als schamvolles Puzzle aus vieldeutigen Blicken zusammen, aus trotzigen Worten und widersprüchlichen Impulsen. Ihre Versuche, erst dem Klammergriff ihres Vaters, dann der darauf folgenden Einsamkeit und schließlich ihrer ständigen Opferrolle zu entfliehen, münden in grotesken Ausbrüchen von Feindseligkeit und Verzweiflung. Glasners Umgang mit diesen Figuren ist beispielhaft. Man kann sich einer gewissen Sympathie zu Theo nicht erwehren, schließlich folgt er dem festen Willen, seine gewalttätige Vergangenheit hinter sich zu lassen. Wenn er bemerkt, daß sein Trieb erwacht, verschließt er sich; wenn er Körperkontakt braucht, macht er Kampfsport. Nur daß all der gute Wille, wie der zweiflerische Titel schon vorschlägt, nicht immer ausreicht. Manchmal überkommt es Theo, dann rückt er der Kamera bedrohlich auf den Leib, und wir stehen plötzlich Auge in Auge mit dem Monster, das hinter seinen Pupillen lauert. Glasners erstaunliche Leistung ist es, daß wir Theo lieben und doch das Monster hassen können. Auch Nettie gehört, in einem der bemerkenswertesten Beispiele von Sympathieführung der letzten Jahre, die Zuneigung der Zuschauer, während man ihr in ihrem selbstzerstörerischen Autismus trotzdem nicht so recht trauen mag.

Natürlich treffen sich diese beiden auf eine pervertierte Weise zueinander passenden Figuren, und natürlich verlieben sie sich. Doch zu einem ernsthaften Versuch, der Vergangenheit zu entfliehen, kommt es gottseidank gar nicht erst: Triebtäterschaft ist wie Alkoholismus vor allem ein ständig lauerndes Problem der Gegenwart, davor kann und will Glasner nicht die Augen verschließen. So schlingern die beiden Figuren einem Ende entgegen, an dem es keine Vergebung geben kann – auch dies eine bittere, aber mutige und konsequente Entscheidung des Filmemachers, die ihn von so vielen seiner Kollegen absetzt. Anstatt dem allgemeinen Trend des deutschen Melodrams zu folgen und die Wehwehchen kommunikationsgestörter Bürgerskinder zu verfolgen, beschreitet Glasner stilistisch wie narrativ den bedingungslosen Weg der Tragödie.

Dabei gelingt nicht nur eine endlich glaubhafte Darstellung der sozialen Ausweglosigkeit, faszinierenderweise findet er ausgerechnet in diesem vermeintlich trostlosen Sujet auch das, was dem deutschen Film der letzten Jahre so oft fehlte: eine spröde Poesie, ein Hauch von Magie. Bezeichnenderweise verläßt Glasner dafür das Land der Großstadtklaustrophobie: Belgien mag nur ein paar Autostunden entfernt sein, aber erst hier reißt der enge Horizont auf und enthüllt die Poesie des offenen Meeres und die üppige Schönheit der Schokoladenproduktion. Hier finden sich plötzlich auch Momente musikalischer Magie, die einem ansonsten nüchternen Film ein emotionales Zentrum geben. Natürlich können die Figuren nur hier den kurzen Sommer ihrer Vergnügens erleben, bevor sie nach der Rückkehr ins die unverändert triste Deutschland ihre persönlichen Katastrophen zu Ende leben. Einen Ausweg aus diesem trostlosen, schmerzhaften Leben können sie dort natürlich nicht finden, dafür geht's dann wieder ans Meer, zur Poesie, zur Freiheit. 1970-01-01 01:00

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