— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Falscher Bekenner

D 2005. R,B: Christoph Hochhäusler. K: Bernhard Keller. S: Stefan Stabenow. M: Benedikt Schiefer. P: Heimatfilm. D: Constantin von Jascheroff, Manfred Zapatka, Victoria Trauttmansdorff, Nora von Waldstätten, Devid Striesow u.a.
90 Min. Piffl Medien ab 18.5.06

Neben der Spur

Von Nikolaj Nikitin Eine besonders große und leider zu selten verbreitete Regiekunst ist die gekonnte Gestaltung einer Exposition, die uns als Zuschauer möglichst schnell den Protagonisten näherbringt und bereits zu Anfang auf den Verlauf des Films hinweist, ohne zu viel zu verraten. Christoph Hochhäusler belegt mit den ersten vier Minuten seines zweiten Spielfilms Falscher Bekenner, wieviel er von dieser Kunst versteht, indem er uns in der Eröffnungssequenz und der darauffolgenden Einstellung den Protagonisten Armin und den Handlungsverlauf in einer bewundernswerten Art und Weise vorstellt.

Armin spaziert auf dem »Lost Highway« durch die Nacht und nähert sich einem geschrotteten Jaguar. Er beobachtet den Unfallort, nimmt die Kopfhörer ab, baut akustischen Kontakt zu seiner Umwelt auf, sonst vegetiert er den größten Teil seines Leben in einem Kokon. Den gegen das Lenkrad gebeugten toten Fahrer betrachtet er ohne jegliche Anteilnahme, wie sein gesamtes Leben bis dato an ihm vorbeigefahren ist. Langsam gleitet sein Blick ohne Emotionen auf ein Autoteil – eine Spurstange – er nimmt sie mit. Die nächsten 90 Minuten wird er neben der Spur fahren, wird versuchen, den Lenker seines tristen Lebens in der Vorstadt umzureißen.

Schnitt – Armin wacht auf. Ein langsamer Schwenk über sein Bett, wir sehen eine Autozeichnung (der letzte Abend?), die Fotographie einer startenden Rakete (etwas wird nun endlich in seinem Leben passieren), ein Autobahnpfosten (eine Vorahnung?). Langsam gleitet die Kamera weiter durch den Raum - drei laszive Fotos, zwei Männer und nur eine Frau (seine schwulen Sexphantasien werden später expliziter) – weiter die Bücherwand entlang hin zum Computer, seinem Arbeitsinstrument, das er zweckentfremdet, um der Isolation des bürgerlichen Elternhauses zu entkommen. Statt Bewerbungen schreibt er später Bekennerbriefe – statt »Bezugnehmend auf Ihre Anzeige«: »Dieser Unfall war mein Werk« – und zeigt sich somit selbst an.

Schnitt – Armin wartet auf ein Bewerbungsgespräch, und wir sind mitten im Film. »Einsamkeit hat viele Namen« – in unserem Fall ist es: »Armin«. Ein Film aus Deutschland, dabei jedoch kein typisch deutscher Film. Zu stark wirkt die Tradition des europäischen Films, vor allem des französischen. Das Faszinierende außer der virtuos gebauten Exposition: uns für eine Person einzunehmen, die uns eigentlich unsympathisch sein sollte. Der Schluß: Zum ersten Mal fühlt Armin Freiheit und Stärke, zum ersten Mal ein Lächeln auf seinem Gesicht, die Frisur sitzt. Er fühlt sich cool, er hat seinen Platz gefunden, und wir mit Sicherheit einen der spannendsten Filmemacher aus deutschen Landen. 1970-01-01 01:00

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