Die fabelhafte Welt der Amélie

Le fabuleux destin d'Amélie Poulain. F/D 2001. R,B: Jean-Pierre Jeunet. B: Guillaume Laurant. K: Bruno Delbonnel. S: Hervé Schneid. M: Yann Tiersen. P: Victoires/MMC Independent. D: Audrey Tautou, Mathieu Kassovitz, Rufus, Serge Merlin, Yolande Moreau u.a.
120 Min. Prokino ab 16.8.01

Less is a Bore

Von Annette Kilzer Wenn ganz Frankreich einer Frau zu Füßen liegt, reagiert man als Preuße natur- und quasi pflichtgemäß mit einer gesunden Portion Skepsis auf die neue Ikone unserer kleinen gallischen Freunde und selbsternannten Experten in Sachen l'amour. In diesem Fall jedoch ist es anders. Denn Amélie ist tatsächlich die bezauberndste Kinoheldin seit langem und ihre Darstellerin eine Offenbarung. Man mag kaum glauben, daß Regisseur Jean-Pierre Jeunet sie in einer Werbung für Schöne Venus entdeckte, schließlich hat Audrey Tautou so gar nichts von einer Venus, eher erinnert sie mit ihren dunklen, unschuldigen Rehaugen, hinter denen ein verschmitzter Starrsinn hervorblitzt, an ihre Namensvetterin: Wie die unsterbliche Audrey Hepburn ist auch sie »ein süßer Fratz«. Sie ähnelt aber auch Raymond Queneaus pfiffiger Anarcho-Göre Zazie dans le metro in der hinreißenden Verfilmung durch Malle, so wie Jeunets subversiv-naives Kinomärchen in Ton und Gestus dem des Pariser existentialistischen Rebellen-Poeten Prévert ähnelt, der genau dort am Montmartre lebte, wo Amélies Geschichte spielt.

Auch in Sachen verschwenderischer Opulenz erteilt Jeunet uns sparsam-spartanischen Preußen eine Lektion. Von Prévert übernahm Jeunet die Leidenschaft für Listen, die er bereits 1989 in seinem Kurzfilm Foutaises durch Aufzählungen im Stil von »Ich mag/Ich mag nicht« auslebte und die er hier in exzessiver Konsequenz weiterführt. Amélies Mutter etwa charakterisiert er – wie alle anderen Hauptfiguren auch – durch eine lange Liste geliebter und verhaßter Dinge: So mag sie weder verkrumpelte Finger in der Badewanne noch, wenn Fremde ihre Hand berühren, aber sie liebt die Kostüme der Eiskunstläufer bei Fernsehübertragungen, den Boden zu wienern und ihre Handtasche auszuräumen. Das allein ist noch keine Sensation, aber es kommt in einer Zeit der an der Fünf-Akt-Struktur und Effektivität der Hollywoodblockbuster orientierten Drehbuchschulungen fast einer kleinen Revolution gleich, daß all diese liebevoll in Szene gesetzten Informationen später keine Funktion mehr für die Handlung haben werden: Im Falle von Amélies Mutter, weil sie wenige Filmminuten darauf von einer sich herabstürzenden Selbstmörderin erschlagen wird, aber auch bei den anderen Figuren ist es nichts als unwiderstehlich charmante Redundanz. Wo wir noch stets das Bauhaus-Paradigma »Less is more« beschwören, kontert uns Jeunet mit einem frechen »Less is a bore«. 1999-11-30 00:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #23.

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