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DoppelPack

D 2000. R,B: Matthias Lehmann. B: Eckhard Preuß. K: Jo Heim. S: Edith Eisenstecken, Evi Oberkofler. M: Attila the Stockbroker u.a. P: Catapult/Prokino D: Eckhard Preuß, Markus Knüfken, Jochen Nickel, Margret Völker, Edgar Selge, Jeanne Tremsal, Manfred Zapatka u.a.
88 Min. Prokino ab 17.8.00

Heute ein König

Von Carsten Tritt Handlung ist überflüssiger Ballast. Das richtige Leben hat auch keine Handlung. Und Matthias Lehmanns Film ist ganz nah dran am richtigen Leben. Seine Helden, die Pilstrinker Hoffi und Lehmi, lassen sich 88 Minuten sinnlos durch Dortmund und den Tag treiben. Sie besuchen den Zoo, machen ein Paßfoto, kaufen eine Postkarte, wandern durch den Park: »Wir sind die Könige des Westparks.«

Die wohl auf realen Personen beruhenden Ralf »Hoffi« Hoffmann und Matthias »Lehmi« Lehmann, von Markus Knüfken und Eckhard Preuß gespielt, tauchten zuerst vor drei Jahren auf, im Kurzfilm Pas de deux. Seitdem hat sich wenig verändert. Lehmi ist jetzt Student. Aber beide sind weiter Ignoranten der Leistungsgesellschaft geblieben. Solange sie ausreichend Bier dabei haben, nehmen sie das Leben, wie es kommt. Manches, was ihnen begegnet, während sie die Trinkhallen, also die Schönheiten Dortmunds abklappern, taucht sogar wieder auf. Wie Horst, der Werbung für ein mittelalterliches Punkkonzert macht, oder wie die Ananas vom Hawaiitoast von heute morgen. Anderes eben nicht, zum Beispiel der kleine »Pimmelkopp« mit seinem Frisbee.

Die Leichtigkeit, die schon Pas de deux ausmachte und die auch diesen Film trägt, verdankt er zu einem guten Stück Preuß und Knüfken, aber auch Nickel, Völker, Tremsal und Zapatka in den Nebenrollen. Die von ihnen dargestellten Charaktere wirken ungekünstelt, das sind Menschen, denen man – zumindest im Ruhrgebiet – jeden Tag auf der Straße begegnet. Was aber DoppelPack zum eigentlichen Genuß macht, ist die scheinbare Systemlosigkeit, mit der nicht nur die beiden Hauptfiguren vorgehen, sondern mit der auch Regisseur Lehmann herkömmliche Erzählmodelle ignoriert. Insgesamt wirkt sogar der Film selbst nicht wie das Ergebnis harter Arbeit, sondern wie an einem Tag abgedreht und fertig geschnitten aus der Kamera gefallen.

Die meisten Filmemacher bemühen sich, Geschichten bedingungslos auf einen Punkt hin zu erzählen. Oder zwängen sie, wenn sie keinen Punkt haben, zumindest in eine aufgesetzt wirkende Rahmenhandlung. Lehmann verweigert sich dem, schaut lieber nach links und rechts, und kaum einmal geradeaus. Er reiht Szenen und Momente aneinander, die wohl von jedem anderen als unwichtig herausgeschnitten würden. Dabei sind es gerade diese Augenblicke, die das Leben lebenswert machen, Augenblicke, die man vielleicht bald schon vergessen haben wird, die man aber im Jetzt genießt.

Es gibt keine straight story, und deshalb ist auch nie vorhersehbar, wie es weitergeht oder ob überhaupt noch was passiert. Wie im richtigen Leben. Das ist nicht dümmlicher Proloklamauk à la Bang Boom Bang, dessen Charaktere Idioten sind und der Lächerlichkeit preisgegeben werden; es gelingt DoppelPack vielmehr, auf unterhaltsamste Weise eine Lebenseinstellung darzustellen, die auch auf den Zuschauer ansteckend wirken wird. Folglich wäre es Unsinn, dem Film vorzuwerfen, er habe kein System. Lehmi sagt bereits zu Filmbeginn (und DoppelPack hält sich zum Glück konsequent an diese Worte): »Ich habe schon ein System. Das ist bloß nicht das System der anderen Leute.« 1970-01-01 01:00

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