Dogville

DK/S/GB/F/D/NL 2003. R,B: Lars von Trier. K: Anthony Dod Mantle. S: Molly Stensgaard. P: Pain Unlimited, Zentropa Entertainments. D: Nicole Kidman, Lauren Bacall, Jean-Marc Barr, Ben Gazzara u.a.
178 Min. Concorde ab 23.10.03

Heilige Braut!

Von Thomas Warnecke Im alten Griechenland schaute gelegentlich einer der Götter inkognito vorbei, um den Stand der Gastfreundschaft zu erkunden. Der mutmaßliche Katholik von Trier schickt eine opferbereite Frau, das kalvinistische Amerika in Gestalt des Thesendorfes Dogville zu prüfen. Das natürlich durchfällt: Ethischer Rigorismus kann Heuchelei und Selbstgerechtigkeit nur schwach verdecken und schlägt um in Isolationismus und Sadismus. Wer hätte das gedacht?

Angesichts des neuen Films von Triers stellt sich die Frage, ob nicht wiederum sein experimenteller Rigorismus rund um die Märtyrerinnen seiner Filme langsam zur Routine wird, ein beliebig reproduzierbares Muster wie die alten Heiligengeschichten, diesmal erzählt im Tonfall englischer Erbauungsliteratur des 18. Jahrhunderts. Demnächst schickt er vielleicht Gwyneth Paltrow nach China und Reese Witherspoon zu den Buschmännern… auf dem Grünen Hügel Bayreuths wartet jedenfalls schon Brunhilde, das nordische Pendant seiner selbstlosen Heldinnen – von Trier wird 2006 Wagners »Ring« neuinszenieren. Daß Nicole Kidman am Ende nicht den Weg aller seiner Frauenmythen geht, besagt nicht viel: Das Eintreten des Gegenteils ist die geringste aller möglichen Abweichungen.

Allerdings: Das am offensichtlichsten Experimentelle und Thesenhafte, das spärlich ausgestattete Bühnensetting, ist auch das Spannendste an Dogville, weil es funktioniert. Erst hier wird die Handkamera, was sie in so vielen Filmen zu sein vorgibt: ein Medium der Unmittelbarkeit und Nähe zu den Figuren. Nie vermittelt der Film den Eindruck einer Theateraufzeichnung, selbst auf der quasi-Brecht-Bühne gelingt von Trier, daß wir uns mit Grace identifizieren. Ein Filmkunststück wie vor zwei Jahren Die fabelhafte Welt der Amélie. So wie dort alles nur durch das Kamerabild erzeugt schien, gibt es in Dogville nichts mehr, was jenseits dessen läge, was die Handkamera erfaßt. Das immerhin ist neu gegenüber von Triers bisherigen Filmen. Jetzt fehlt nur noch, daß er sich endlich mal in seine Hauptdarstellerin verliebt, anstatt nur ein Exempel an ihr zu statuieren. Vielleicht ist die Sängerin der Brunhilde ja sein Typ. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #32.

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