Dogville

DK/S/GB/F/D/NL 2003. R,B: Lars von Trier. K: Anthony Dod Mantle. S: Molly Stensgaard. P: Pain Unlimited, Zentropa Entertainments. D: Nicole Kidman, Lauren Bacall, Jean-Marc Barr, Ben Gazzara u.a.
178 Min. Concorde ab 23.10.03

Blick von Außen

Von Thomas Waitz Dogville nimmt in Form einer Allegorie die inhärenten Widersprüche Amerikas ins Visier, die Fundamente eines Kommunitarismus, der nicht ein Kommunitarismus der Gesellschaft, sondern einer der Gemeinschaft ist, einer, die des feindlichen Außens bedarf, um überleben zu können. Ein Selbstbild, das der Film in Buchstäblichkeit schließlich ad absurdum führen wird.

Dogville ist eine abgeschiedene, imaginäre Community in den Rocky Mountains, ein Ort, der aus einer Straße und einigen Häusern besteht. Genau genommen allerdings noch nicht einmal daraus. Von Trier hat Set Designer Peter Grant eine grandiose Kulisse zimmern lassen, die in Form eines Bühnenbildes eine hermetisch-abgeschiedene, klaustrophobische Künstlichkeit bildet. Die Ausstattung und das Set Design sind auf abstrakte, die Grundrisse der topographischen Ordnung reproduzierende Grenzziehungen auf dem Bühnenboden reduziert. Viel der Handlung wird über eine Voice Over-Narration vermittelt, die durchaus gewollt Redundanzen von Bild und Text produziert. Zu Beginn werden die Mitglieder dieser Gemeinschaft vorgestellt, prototypische Figuren, in charakterlicher Hinsicht Stereotype, die allesamt auf die eine oder andere Weise handlungsstrukturierende Funktionen übernehmen werden.

In diese vergessene, ganz auf sich selbst bezogene Gemeinde kommt eines Nachts Grace. Sie ist schön, rätselhaft, vor allem aber: fremd. Und sie ist, so viel scheint sicher, auf der Flucht vor Gangstern. Die Dorfgemeinschaft versteckt sie, aber Grace wird gleichsam als Gegenleistung zusichern, jedem einzelnen in der Stadt Dienst zu tun – ein Versprechen, das sich als große Bürde erweisen wird. Hier reproduziert Lars von Trier einmal mehr eine der für ihn typischen, archaisch konstruierten Erzählungen weiblicher Märtyrer. Aber Dogville stellt eine erhebliche Anreicherung dieser narrativen Konstante dar und nimmt einen größeren Bezugsrahmen in den Blick. Denn wenn Grace mittels eigener Arbeit darum kämpft, zur sozialen Anerkennung des sie umschließenden Außens zu gelangen, dann entsprechen die Pfade ihres anfänglichen sozialen Aufstiegs jenen Weglegungen, welche die amerikanische Gesellschaft des endenden Zeitalters von Exploration und Bevölkerungswachstum, in welcher der Film angesiedelt ist, selbst vorgenommen hat. Protestantische Arbeitsethik, die auf harter Arbeit und Sparsamkeit beruht, prägt dieses Selbstbild. Grace dagegen stammt aus einer Welt, die sich in den Versprechen des Konsums, in Sinnlichkeit, Luxus und Überfluß verortet, und sie muß gerade deshalb eine Außenseiterin bleiben, weil ihre Erscheinung allein körperlich auf einen Entwurf verweist, der den Werten der Gemeinschaft, in die sie glaubt sich integrieren zu können, fundamental entgegensteht.

Ein wiederkehrendes Motiv: Grace kauft sich von dem wenigen Geld, das sie verdient, im einzigen Geschäft des Ortes kleine Porzellanfiguren, die sie über ihr karges Bett stellt. Sie sind keine Kostbarkeiten, als massenproduziertes Kunsthandwerk kaum zum Objekt sozialer Distinktion tauglich, eher als konkrete Evidenz eines sich im Konsum verwirklichenden demokratischen Raumes, an dem in der Ideologie des Amerikanischen Traumes prinzipiell jeder teilhaben kann. In Dogville wird sich die Gemeinschaft nicht nur gegen jeden Individualismus richten, ihn zerstören und entwerten, sie wird sich auch – und diese Erfahrung wird sie machen – gegen Grace selbst wenden. In der symbolischen Handlung der umso grausameren Rache Graces scheint sich jedoch am Ende des Films zu artikulieren, was von Trier vorgeschwebt haben mag und was ihm nachdrücklich gelungen ist: im Bild einer Kleinstadt eine Kritik Amerikas zu zeichnen, respektive dessen, was man sich in Europa unter Amerika vorstellt, im Bewußtsein aller Ver- und Entstellungen des Blickes von Außen.

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #32.

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