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Dead Man

USA 1995. R,B: Jim Jarmusch. K: Robby Müller. S: Jay Rabinowitz. M: Neil Young. D: Johnny Depp, Gary Farmer, Lance Henriksen, Michael Wincott, John Hurt, Alfred Molina, Robert Mitchum, Mili Vital, Iggy Pop u.a.
120 Min. Pandora ab 4.1.96

Astral Weeks

Von Daniel Hermsdorf \"I know you're dying, baby, and you know it, too.\"
(Van Morrison, Slim Slow Slider)

Mitte des 19. Jahrhunderts: Ein junger Mann auf der Reise zu den äußersten Grenzgebieten, sowohl West-Amerikas, als auch seines eigenen Ichs. Der Name des Mannes ist William Blake, er ist Namensvetter des berühmten Malers und Dichters, von dem er allerdings noch nie etwas gehört hat. Gespielt wird er von Johnny Depp, der immer noch zu den Ausnahmeerscheinungen Hollywoods gehört, weil er sich trotz ungebrochener Popularität dem Kino jenseits des Mainstream verschrieben hat.

Die Reise beginnt in einem Zug, und während der Fahrt fällt Blake immer wieder in einen Dämmerzustand, den die Kamera begleitet, indem sie Szenen abblendet, einen Moment in der Schwärze verharrt, um dann in eine neue Szene aufzutauchen. Später wird der Film dies konsequent fortführen, wenn Blake von einer Kugel getroffen worden ist. Dann allerdings wird es die versiegende Wahrnehmung eines sterbenden Mannes sein: Dead Man, der neue Film von Jim Jarmusch, ist ein Film über das Sterben, über den Tod.

Nun ist das in der mittlerweile hundertjährigen Geschichte des Kinos keine Neuheit mehr – man denke nur an den gnadenlosen Odd Man Out von Carol Reed -, aber noch nie ist die spirituelle Erfahrung des Sterbens so auf den Zuschauer übertragen worden wie in diesem Film. Schon einmal wurde versucht, das Sterben durch Ab- und Aufblenden darzustellen: In Wim Wenders' frühem Kurzfilm Alabama – 2000 Lightyears, einer der ersten Kameraarbeiten von Wenders' langjährigem Weggefährten Robby Müller, der zwischenzeitlich auch zum festen Stab von Jim Jarmusch gehört und dementsprechend ebenfalls für die teilweise exzellente S/W- Arbeit dieses Films verantwortlich zeichnet.

So scheint es auch nicht verwunderlich, wenn man sich bei Johnny Depps Wanderungen durch nicht enden wollende Waldgebiete unwillkürlich an die Sümpfe Louisianas aus Down by Law erinnert fühlt. Auch die Nebenfiguren aus Dead Man scheinen dem bisherigen Personenrepertoire Jarmuschs entnommen zu sein und wirken in ihrer Geschwätzigkeit oft falsch plaziert in diesem sonst so düsteren Film. So läßt es sich Jarmusch nicht nehmen, Iggy Pop in Frauenkleidern eine äußerst eigene Version von »Goldilock und den drei Bären« erzählen zu lassen, und auch kleine Spielereien mit den Namen der Figuren ziehen sich durch den gesamten Film: so heißen zwei US-Marshalls Lee und Marvin, die Killer haben Namen wie Wilson und Pickett… Doch Jarmusch scheint es bewußt zu sein, daß sich dieser Film seinem bisherigen Werk entzieht, und so stirbt eine Person nach der anderen, wird erschossen oder aufgegessen, bis sich das Register der Charaktere nur noch auf die drei wichtigsten und einzigen symbolträchtigen Figuren beschränkt.

Es gibt nur wenige Gitarren-Virtuosen, die es verstehen, einem Film eine eigene Qualität abzugewinnen. Ry Cooder ist einer von ihnen, Neil Young, wie sich jetzt herausstellt, ein anderer. Das Presseheft von Dead Man zitiert dazu »Die Zeit«: »Youngs etwa 25 Alben sind eine éducation sentimentale, die ein einziges Thema traktiert: Wir wandern zum Tode und haben Zeit.« So ist es denn auch zum großen Teil Youngs fieberndem und irritierendem Score zu verdanken, daß der Film zu einer wirklichen Allegorie auf den Tod geworden ist. Cocteau hat einmal gesagt, Kino bedeute nichts anderes, als dem Tod bei der Arbeit zuzusehen – im Grunde meinte er damit diesen Film. 2008-06-18 13:07

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