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Crash

CAN 1996. R,B: David Cronenberg. K: Peter Suschitzky. S: Ronald Sanders. M: Howard Shore. D: James Spader, Holly Hunter, Elias Koteas, Deborah Unger, Rosanna Arquette, Peter MacNeill u.a.
100 Min. Jugendfilm ab 11.10.96
Von Olaf Adam Ein reichlich übel zugerichteter Toter, der von außen durch die zerstörte Windschutzscheibe in ein Auto hinein hängt. Blick von innen über die verbeulte Motorhaube: das Insignium der Fahrzeugmarke, eine Art Kühlerfigur. Schärfenverlagerung: In dem anderen am Unfall beteiligten Fahrzeug versucht sich die Fahrerin von ihrem Sicherheitsgurt zu befreien, ihre Bluse verrutscht, man sieht ihre Brust.

Diese frühe Szene von Crash vereint alles, was im Film eine Rolle spielen wird: Autos, Gewalt, Zerstörung und Sex, wobei Sex das wichtigste Element ist, im doppelten Wortsinne die Trieb-Feder sowohl der handelnden Figuren als auch des ganzen Films.

Cronenberg versucht wieder einmal, den Zuschauer in die seelischen Abgründe von Menschen, deren geistige Gesundheit zumindest fragwürdig ist, zu führen. Doch anders als z.B. bei Videodrome oder Naked Lunch ist dieser Versuch bei Crash ziemlich erfolglos, der Zuschauer bleibt außen vor, die Figuren und ihre Obsessionen werden lediglich vorgeführt wie in einer Freakshow.

James Spader hat natürlich weder die Intensität eines James Woods noch die Ausstrahlung eines Peter Weller, dennoch hätte er genug eigene Vorzüge einbringen können, wenn seine Rolle des James Ballard es ihm erlaubt hätte. Doch alleingelassen mit einer Figur, die aus dem Nichts kommt und im Nirgendwo endet und deren einzige erkennbare Entwicklung in zunehmend freakigerem Sex besteht, bleibt ihm nichts anderes übrig, als das Ganze ohne Höhen und Tiefen durchzuspielen, was ihm immerhin ein paar Extrapunkte für Professionalität einbringt.

Nicht viel besser ergeht es Holly Hunter als Dr. Helen Remington, eines der Objekte Ballards obskurer Begierde, ihr top-billing als weibliche Hauptrolle ist einfach ungerechtfertigt, da ihre Rolle in Umfang und Bedeutung einfach zu klein ist.

Angenehm fallen hingegen Deborah Unger als Ballards Frau Catherine und vor allem Elias Koteas als manisch-besessener Vaughan auf, wenn auch ihre Rollen ebenfalls daran scheitern, daß sie sich nahezu ausschließlich durch ihr Sexualverhalten definieren.

Diese Figuren, die so wenig Einblick in ihr Seelenleben zulassen, die noch nicht einmal Anzeichen für das Vorhandensein eines solchen zeigen, verweigern sich jeder Identifikation bereits im Ansatz, weshalb dem Zuschauer nichts anderes übrig bleibt, als ihnen bei ihrem Bäumchen-wechsle-dich-auch-wenn-du-dabei-zerbrichst-Spielchen zuzusehen, was manchmal etwas irritierend, meistens jedoch nur langweilig ist. Der Kinobesucher wird zum Voyeur wider Willen.

Ein Film, dessen einziges relevantes Thema Sex ist, hat dementsprechend viele intime Szenen. Doch während Cronenberg für durchschnittliche Kino-Verhältnisse fast gynäkologische Einblicke in die weibliche Anatomie liefert, mag er dem Zuschauer den Anblick nicht eines einzigen männlichen Schamhaares zumuten; und während es beim Heterosex so richtig schonungslos zur Sache geht, schwenkt die Kamera beim schwulen Sex bereits nach ein paar heftigen Küssen schamvoll zur Seite.

Sicherlich muß sich auch ein Cronenberg daran orientieren, was man im Kino zeigen kann und was nicht. Doch ob es jetzt die Schere im Kopf, Anpassung an den Massengeschmack oder pure Absicht waren, die zu diesem Ungleichgewicht in der bildlichen Darstellung geführt haben, das Resultat ist das gleiche: Es wird schlicht und einfach ein männlich-heterosexueller Mainstream-Voyeurismus bedient.

Es mag sein, daß Crash als eine Art bewegte Illustration der zum Kultbuch avancierten Romanvorlage funktioniert, als Film betrachtet ist er jedoch nicht nur überflüssig, sondern geradezu ärgerlich – und, da ein neuer Cronenberg-Film gewisse Erwartungen weckt, äußerst enttäuschend. 1970-01-01 01:00

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