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Crash

CAN 1996. R,B: David Cronenberg. K: Peter Suschitzky. S: Ronald Sanders. M: Howard Shore. D: James Spader, Holly Hunter, Elias Koteas, Deborah Unger, Rosanna Arquette, Peter MacNeill u.a.
100 Min. Jugendfilm ab 11.10.96
Von Daniel Hermsdorf Bereiten wir die bevorstehende und unvermeidliche Verschmelzung des Menschen mit dem Motor vor.
(Filippo Tomaso Marinetti, Manifest des Futurismus)

Die Welt ist unwiderruflich eine gemachte geworden. Die Idee vom Werkzeug, später vom Motor: eine Abstraktion des Körpers, eine Abgabe von Kompetenz an die Maschine. Ein rasender Zustand ist erreicht, in dem die mittlerweile sinnlosen Körper Selbstvergewisserung verlangen.

James Ballard (James Spader), ein Filmproduzent, lebt in einer isolierten Körperlichkeit, in einer technisierten Welt mit auf Triebe reduzierten Leibern. Sein Beruf bleibt sparsamst illustriert; seine wahre Profession ist sexuelle Lust. Nach Pin-up-Heften kramend, karamboliert er frontal mit einem anderen Wagen, dessen Beifahrer seine Windschutzscheibe torpediert. Helen Remington (Holly Hunter), derart zur Witwe geworden, trifft Ballard erneut, und beide finden sich rasch im Kreis der Jünger Vaughans (Elias Koteas) wieder, der ein seltsames und kaum eingehender erläutertes Projekt verfolgt, das das »reshaping of the human body by modern technology« beobachtet und befördern will.

Vaughan ist zugleich Anstifter und gerufener Geist. Ballard restauriert sein unfallädiertes Bein mit einem komplizierten Gestänge, und in Vaughans Kreis bewegt sich Gabrielle (Rosanna Arquette) allein mit Hilfe von Stützprothesen an beiden Beinen. Ballard ist verheiratet mit Catherine (Deborah Unger), die zu Beginn ein Flugzeug liebkost. Ballard nähert sich ihr, und kurz darauf sagt er: »Maybe the next one.«

Crash ist viel eher Reihung als Erzählung, viel eher Essenz als Erläuterung. Was geschieht, geschieht wieder und wieder. Sex, Unfall, Rauchen, Autofahren, James, Catherine, James, Helen, Vaughan, James, Rauchen. Crash ist eine Befindlichkeit, die nie endet, ein Sog ohne Zentrum, eine befremdliche Wahrheit auf Leinwand.

Bilder, die der autofahrende Mensch erblickt, sind zuvor noch gespiegelt in den Fenstern seines Gefährts. Ballard und alle anderen haben keine Umwelt, keinen wirklich weiten Blick. Crash ist nur im Individualverkehr denkbar; die Observation einer größeren Wirklichkeit geschieht nur mit einem Fernglas. Die gereihten Autoschwärme auf megalomanischen Highways: von weitem betrachtet erhabene Beweise des Funktionierens, verkehrsgeäderte Körperallegorie, Spermienassoziation.

Auf ein rastloses Begehren konzentriert, sind David Cronenbergs Temponeurotiker spracharm, gedämpft in ihren eigenen Lebensäußerungen, ermattet in einer grauen Atmosphäre, in milchigem Licht und flauen Farbwerten (die, laut Cronenberg, rein belichtungstechnisch generiert wurden).

Und da sind die Geräusche: das Knacken der Ersatzgelenke, das Stöhnen, die knirschenden Kollisionen. Eine Tortur wird der Fick in der Waschstraße erst durch die rumorende Tonspur, unheilvolle Brummlaute, wischende und schmatzende Reinigungsbürsten, grollende Mechanik.

Vaughan und die, die er ansteckt, entwickeln ein krankhaftes Bedürfnis nach Unfällen, die zugleich auch ihre menschlichen Begegnungen abbilden. Voyeurismus erscheint als Notwendigkeit beziehungsloser Individuen, das Gaffen als verstümmelte Kontaktaufnahme, der Crash als herbeigesehnte Triebentladung.

Und da sind die Narben: Jede Spur eines Unfalls, ein Riß im Blech und vernarbte Haut, zeitigt ein verhalten staunendes Interesse bei den Figuren, eine ungläubige Gewißheit über das, was geschehen ist. Kein Crash, den Cronenberg dynamisierend aufbereitet hätte: Der Aufprall ist ein Sekundenbruchteil, der die Beteiligten verstört zurückläßt, sich selbst, den anderen, das beschädigte Gerät betrachtend. Marken sind gesucht in einer Zeit, die nicht zu strukturieren ist. Narbe bedeutet immerhin Erinnerung.

Crash ist ein reiner Film über die Begehren, die das Kino mit seinem Augenmerk auf Sex und Geschwindigkeit perpetuiert. Das Tempo von Crash hebt diese kinoindustrielle Zwangsvorstellung wiederum auf: Cronenberg ist ein Widerständler der Zeit, sein Sujet ein ewiges, sein Film eine bleibende Verunsicherung. 1970-01-01 01:00

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