Medientransfer
Von Nikolaj Nikitin
Big Brother is watching you. Wenn die scheinbar subjektlose Perspektive der Überwachungskamera zur Kunst erhoben wird, bzw. im Ready-Made-Verfahren im Rahmen eines Kunstwerks benutzt wird, ist Haneke nicht der erste, der dies tut, aber seit langer Zeit mit Sicherheit einer der brillantesten. Jüngst setzte diese Ästhetik Christian Petzold in
Wolfsburg ein (Hanekes letzter Film hieß übrigens _Wolfzeit_…), vor allem aber benutzen Videokünstler die Überwachungskameras in ihren Arbeiten – zuletzt u.a. Julia Sher.
Appropriating Aesthetics. Dabei steht das Vortäuschen von Alltagsnormalität, das in der Kunst so ein beliebtes Thema ist, auch in den aufgenommenen Videobildern bei Haneke im Vordergrund. So wirken die dem Paar im Film zugeschickten ruhigen, fast aktionslosen Straßenaufnahmen wie die, die wir aus dem musealen Kontext kennen. Vor allem erinnern sie an jene gelungenen Arbeiten, die sich den Wahrnehmungsbedingungen des Ausstellungsraums anpassen und eine ähnlich geartete Betrachtung wie Gemälde erlauben und nicht den leider oft vorherrschenden Fehler begehen, eine länger andauernde narrative Handlung erzählen zu wollen.
Look now! Es geht also ums konzentrierte Sehen und ums Nichtsehen, ums Auslassen, um das Nichterkennen, um das Verborgene, um das Versteckte, ja auch das Geheime – so sei jedem empfohlen, sich auf die letzte Aufnahme des Films im besonderen zu konzentrieren.
Radio Killed the Video Star. Bei Haneke ist trotz des DVD-Zeitalters die gute alte VHS das Leitmedium, das die Wirklichkeit definiert – oder auch nicht. Der moderne Fernseher hingegen, der in die Bücherwand eingefaßt ist, wirkt wie die Fotographien des vielleicht besten zeitgenössischen Fotographen Jeff Wall, die auch Alltagssituation zu simulieren scheinen und von hinten beleuchtet sind – und schon wieder hat der Bildschirm etwas Sakrales.
Neben all dem Spiel mit dem kunsttheoretischen Diskurs (nicht umsonst ist der Protagonist ein Literaturkritiker und somit als mögliches Alter ego Hanekes zu sehen) ist es bemerkenswert, wie Haneke auf mehreren Ebenen das große soziale Integrationsproblem Frankreichs thematisiert und gekonnt in die Handlung einbindet. Die globale Welt der Nachrichten strahlt vom Fernseher und ist eingebettet in die Welt der Bücher, und Majids finaler Akt könnte auch von den Wiener Aktionisten stammen. Sein Blut an der Wand erinnert vage an Pollocks Werke. Alles fließt und kommt schlußendlich doch wieder zusammen – wie auch am Ende des Films die Söhne der Väter.
1970-01-01 01:00