Caché

F/A/D/I 2005. R,B: Michael Haneke. K: Christian Berger. S: Nadine Muse, Michael Hudecek. P: Wega, Bavaria u.a. D: Juliette Binoche, Daniel Auteuil, Maurice Benichou, Annie Girardot u.a.
117 Min. Prokino ab 26.1.06

Sicherheitsverlust

Von Tamar Noort »Erinnerst du dich an Majid?«, fragt George am Krankenbett seiner Mutter. Es ist einer der wenigen Momente, in denen er sich vollkommen schutzlos preisgibt. George ist einer Erinnerung ausgeliefert, die er mit niemandem teilen kann, und hier ist ihm das zum ersten Mal anzusehen. Es ist viel mehr als eine einfache Frage, er fleht seine Mutter um Beistand an. Doch sie runzelt lediglich die Stirn. George bleibt allein.

Seine Einsamkeit kommt von innen. Denn er hat eine schöne Frau, einen zwölfjährigen Sohn, fürsorgliche Freunde und einen erfolgreichen Job beim Fernsehen als Literaturkritiker. George müßte eigentlich glücklich sein. Glück läßt sich nur nicht auf Knopfdruck herstellen, es gibt keine festgelegten Faktoren, die es im Leben zu erfüllen gilt, um anschließend dankend eine proportional zur Anstrengung in Beziehung stehende Ration in Empfang zu nehmen. Wo aber findet sich das wahre Glück? Gibt es überhaupt ein solches Paradies? Wann ist ein Leben als gelungen zu bewerten? Und wer ist verantwortlich für das Glück eines Menschen?

George beginnt erst, sich diese Fragen zu stellen, als sich sein Leben bereits auf den Kopf gestellt hat. Seit einiger Zeit bekommt er immer wieder Videokassetten, auf denen sein Haus zu sehen ist und das Kommen und Gehen seiner Familie dokumentiert wird. Eingewickelt sind die Bänder in grausam blutige Zeichnungen, die aussehen, als seien sie von Kinderhand gemalt. Der anonyme Absender steuert fortan das Leben seiner Familie und fördert damit zu Tage, was seit Jahren unter der Oberfläche brodelt. Denn George wird nicht nur zunehmend an Ereignisse aus seiner Kindheit erinnert, die mit den Kassetten im Zusammenhang zu stehen scheinen. Die Angst, die ihn und seine Frau Anne nun lenkt, macht auch deutlich, wie orientierungslos die beiden nebeneinanderherleben. Zwischen ihnen ist nichts als Alltag. Wenn es etwas gegeben hat, das die beiden jemals wirklich verbunden hat, ist es ihnen schon vor langer Zeit verloren gegangen. Sätze wie »Ich liebe dich« fallen. Aber sie sind leere Floskeln. Georges und Annes Kommunikation basiert nicht auf Liebe, Glück oder Vertrauen, sondern auf ihrer gemeinsam erlebten Realität. Und eben jene gerät mit den mysteriösen Videos ins Wanken. Plötzlich fügt sich eine Realität in ihr Leben ein, deren Bedeutung ihnen verborgen bleibt und somit zwangsläufig Fragen nach dem Sinn ihrer bisher gelebten Wirklichkeit aufwirft.

Schon in David Lynchs Lost Highway drang anhand von Videokassetten eine mediale Realität in die Privatsphäre eines vermeintlich durchschnittlichen Ehepaars ein. Michael Haneke geht mit diesem Motiv jedoch grundlegend anders um. Denn während Lynch den Zuschauer mitnimmt in ein Universum, das dieser nicht in seine eigene Realität zu integrieren braucht, verlangt Haneke von seinem Zuschauer größte Teilhabe. Er schärft dessen Sinne derart, daß dieser letztlich vor Spannung auf der Kante seines Sessels sitzt. Haneke zieht ihn mitten hinein in ein verwirrendes Spiel zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit.

Schon zu Beginn des Films muß sich der Zuschauer fragen, auf welcher Realitätsebene er sich befindet. Ein Haus ist zu sehen, Menschen laufen vorbei, aber die Kamera wirkt wie zufällig aufgestellt. Aus dem Off erklingt ein Gespräch, das der Zuschauer erst verstehen kann, wenn das Bild zu spulen beginnt und ihm klar wird, daß er soeben eine Videoaufnahme gesehen hat, über die sich die Protagonisten unterhalten. Der Zuschauer hat die beiden Protagonisten noch nicht einmal gesehen, und doch sind sie ihm bereits so nah wie möglich: Sie haben seine Position eingenommen. Haneke wiederholt diesen Trick mehrmals. Indem die Bilder, die das Ehepaar zu sehen bekommt, sich kaum von denen unterscheiden, die dem Zuschauer zugedacht sind, beginnt dieser, dem Gesehenen zu mißtrauen. Jedes Bild wird auf seine Gültigkeit überprüft. Damit nimmt Haneke nicht nur seinen Protagonisten, sondern auch seinem Zuschauer die beruhigende und bequeme Sicherheit einer bestehenden Realität. Es gibt eben keine Knöpfe, die man drücken kann, um ein Leben nach Maß herzustellen. Das Paradies bleibt im Verborgenen.

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  • ARD, Morgen, 24:50 Uhr
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    Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #41.

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