— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Alles über meine Mutter

Todo sobre mi madre. E/F 1999. R,B: Pedro Almodóvar. K: Affonso Beato. S: José Salcedo. M: Alberto Iglesias. P: El Deeo S.A./Renn/France 2 Cinema. D: Cecilia Roth, Eloy Azorin, Marisa Peredes, Penélope Cruz u.a.
105 Min. Arthaus ab 4.11.99

Die absolute Kino-Utopie

Von Fritz Göttler Post-Kowalski – ein Werk aus einer Welt, in der die Stanleys das Weite gesucht haben. Elementares Kino, eine Mutter verliert ihren Sohn, sie verläßt die Stadt, in der sie gemeinsam lebten, Madrid, bricht auf in eine andere Stadt, Barcelona. Sie sucht den Mann, der sie damals, als sie schwanger war, verlassen hat. Alles über seine Mutter wollte der Sohn wissen, ständig hatte er sich Notizen gemacht in sein Schreibheft, seine Neugier lebt nun weiter, obsessiver, weniger naiv, in der Mutter. Sie begegnet drei Frauen, einer Nutte, einem verführten Mädchen aus der Bourgeoisie, einer Theaterdiva, und zusammen entwickeln sie eine Solidarität, wie sie nur noch im Märchen denkbar scheint. Die Familie der Zukunft hat mit den natürlichen und gesellschaftlichen Formen, in denen wir sie verkörpert kennen, nichts mehr zu tun.

Ein elementarer Film, immer wieder Regen und Nacht, Momente von Glück und Verzweiflung, alles in jenen leuchtenden Farben, denen Pedro Almodóvar seit vielen Jahren Gefühle am liebsten anvertraut. Alle Welt – erklärt Almodóvar – weiß, daß es im ganzen Katalog der menschlichen Leiden, der unglücklicherweise so groß ist, nichts Vergleichbares zum Verlust eines Sohnes gibt.

Man darf das nicht patriarchalisch lesen, der Film ist alles andere als eine Tragödie – mehr noch, er führt radikal vor, wie mit dem Kino diese alte, diese alt-väterliche Kategorie ausgespielt hat. Die Fahrt nach Barcelona ist eine Wiedergeburt, aber auch wie eine Rückkehr in den Mutterschoß. Der erste Schauplatz in der fremden Stadt, das ist ein nächtlicher Strich, mit promenierenden Nutten, Einsamkeit, Gewalt. Es ist die Vergangenheit, eine Prähistorie der menschlichen Zivilisation, in der freilich auch die Zukunft der Menschheit sich abzeichnet.

Für Almodóvar ist Blanche die Frau des Jahrhunderts, nicht nur verstörte Diva, sondern auch verhinderte Mutter. Er befreit sie vom Ruch des Neurotischen, zeigt das Potential, das in ihren großen Gesten steckt, im Glauben, daß die Welt sich dem eignen Willen, der eignen Vorstellung nach zu formen hat. Dem Melodram gehört die Zukunft, dem Genre der Frauen, der Töchter und Mütter. Der Welt, in der es Emotionen im Überfluß gibt, weshalb Almodóvar auf Nüchternheit, auf Strenge im Spiel bestand. Ein natürlicher Bruder im Geiste war für den barocken Mann aus Madrid der zynisch gelassene Hollywoodianer aus Philadelphia, Mankiewicz mit All About Eve. Joseph Mankiewicz plus Tennessee Williams gleich Almodóvar. Das Gegenbild zu Blanche und Margo Channing, am Ende, ist der lang gesuchte Mann, Lola – ganz in Schwarz, fragil und krank, furchteinflößend und erbarmungswürdig. Er/sie verkörpert den Tod, aber einen majestätischen. Den Tod der Zukunft. 1970-01-01 01:00

Weitere Autoren

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #16.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap