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25 Stunden

25th Hour. USA 2002. R: Spike Lee. B: David Benioff. K: Rodrigo Prieto. S: Barry Alexander Brown. M: Terence Blanchard. P: 40 Acres and a Mule u.a. D: Edward Norton, Philip Seymour Hoffman, Barry Pepper u.a.
134 Min. Buena Vista ab 15.5.03

Paradise Lost

Von Thomas Warnecke Die Stunden des Abschiednehmens gehören zu den schönsten Stunden im Kino, weil das Kino erfüllt, was sich die vielleicht zum letzten Mal Versammelten wünschen: daß diese Zeit des Zusammenseins, die schon Erinnerung ist, für immer festgehalten würde.

Neben vielem anderen macht der Schnitt 25 Stunden zu einem der berührendsten Filme der letzten Zeit. In kleinen Momenten ermöglicht er Wiederholungen oder doch wenigstens Verzögerungen, wenn er Umarmungen mehrmals ansetzen läßt und so das unerbittliche Fortschreiten der Zeit aufzuhalten versucht. Unterbricht er die Bewegung der Figuren, so handelt es sich dabei nicht um Jump Cuts, sondern um kaum merkliche Versuche, noch einmal von vorne zu beginnen, so als wüßte die Technik vom Wunsch des Protagonisten nach einer zweiten Chance, den dieser freilich nie ausspricht.

Gleichzeitig fügt die Montage Betrachter- und subjektive Wahrnehmung zusammen, wenn beispielsweise Montgomery im Schuß-Gegenschuß seinem Spiegelbild gegenübersteht. Daß sich dem Flußabwärts des Films grobkörnige Video- und Traumsequenzen oder einfarbig blau oder rot ausgeleuchtete Einstellungen einfügen und dieses Fließen auch während Rückblenden nie Rhythmus oder Richtung verliert, verdankt sich vor allem Barry Alexander Browns Editing, dem Rodrigo Prietos Kamerabewegungen eher zu folgen scheinen, als daß sie ihm vorausgingen.

Alles fließt – nichts drängt sich in den Vordergrund: Zurückhaltend wie die Darsteller und die Künstler hinter der Kamera ist auch die Handlung selbst, die auf Zuspitzung verzichtet und dergestalt ereignisarm jede Einstellung zum Ereignis macht. Als Montgomerys Freunde befürchten, die Gefängnishaft könne das Ende für ihn sein, blicken sie dabei auf Ground Zero hinab. Daneben steht wie ein verlorenes Paradies der Moment, als Montgomery im Park erstmals seiner Naturelle begegnet und die Luft zu leuchten scheint.

Den Fluch, den er vorm Spiegel über alle ethnischen und sozialen Gruppen der Stadt ausspricht, beantworten diese am Ende mit einem freundlichen Abschiedsgruß, begleitet vom grandiosen und auch komischen Epilog des Vaters, der ein bißchen nach altem Indianerhäuptling klingt. Ein Glück: Spike Lee hat sich Ironie bewahrt und damit New York eine bittersüße Liebeserklärung gemacht. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #30.
© 2012, Schnitt Online

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