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25 Stunden

25th Hour. USA 2002. R: Spike Lee. B: David Benioff. K: Rodrigo Prieto. S: Barry Alexander Brown. M: Terence Blanchard. P: 40 Acres and a Mule u.a. D: Edward Norton, Philip Seymour Hoffman, Barry Pepper u.a.
134 Min. Buena Vista ab 15.5.03

Abstrakt abwesend

Von Sascha Seiler Die verloren wirkenden, in den Nachthimmel New Yorks geworfenen Lichtkegel deuten gleich zu Beginn von 25 Stunden auf die abstrakte Abwesenheit hin, die unterschwellig den gesamten Film über spürbar sein wird. Das Gefühl eines immer wieder scheiternden Verdrängens bestimmt den Werdegang der sorgfältig gezeichneten Figuren.

Spike Lee nimmt sich fast zweieinhalb Stunden Zeit, um dieses Unterschwellige aufzudecken und die Macht unumkehrbarer Entscheidungen schmerzhaft zu illustrieren. Stets wird sein Protagonist, der Drogendealer Monty, vom Zwang, Entscheidungen zu fällen gequält, doch er erscheint als stark, als ob nichts seine innere Ruhe erschüttern könnte und alle von ihm getroffenen Entscheidungen immer die richtigen gewesen seien. Bekräftigt wird dies durch die Eingangssequenz, die Rettung eines halbtoten Hundes: Sein Gangsterfreund drängt ihn, den Hund liegen zu lassen, da man es eilig habe. Monty nimmt sich Zeit für das Tier, das von nun an sein ständiger Begleiter wird.

25 Stunden erzählt mit wenigen Rückblenden die letzten 24 Stunden Montys in Freiheit, bevor er eine 7jährige Haftstrafe antreten muß. In Gesprächen mit seinem Vater, seiner Geliebten und seinen Freunden legt er seinen Werdegang als rein vom unbeeinflußbaren Schicksal bestimmt offen: Für sich und andere hat er stets richtig entschieden, seine Bestrafung nimmt er dementsprechend hin, auch wenn er weiß, daß er den brutalen Knast nicht überleben wird.

Doch es sind vor allem die beiden Jugendfreunde Montys, die in den Mittelpunkt der Erzählung treten. Anders als er trauen sie sich nicht zu, an Wendepunkten ihres Lebens eine Entscheidung zu treffen, sie treiben vor sich hin, und ihre Attacken gegen den Freund gründen sich auf nichts außer einem ausgeprägten Selbsthaß und Neid auf seine Standhaftigkeit. Monty wird sie in dieser Nacht zwingen, sich ihren Sehnsüchten zu stellen. Meist sind es Banalitäten: beim einen die unerfüllte Lust des Lehrers nach einer Schülerin, beim anderen die Unfähigkeit, seiner Wut einen gezielten Ausdruck zu geben.

Doch Lee baut zwei große Einschnitte in die Narration ein, die den Film zur Metapher für etwas Größeres werden lassen. Erstens einen langen Monolog Montys vor einem Toilettenspiegel, zweitens eine Traumsequenz, die nahe legt, daß es im Leben eben doch mehrere Möglichkeiten gibt. Wenn die Stimme des Vaters aus dem Off beschreibt, wie die Zukunft seines Sohns aussehen könnte, entscheide er sich nur für die Flucht, dann sieht man eine glückliche Großfamilie irgendwo im mittleren Westen der USA, in deren Mitte ein ergrauter, aber zufriedener Monty sitzt: »Und du wirst deinen Kindern sagen, daß dieses Leben nur aufgrund einer einzelnen, kurzen Entscheidung niemals passiert wäre.«

Spike Lee betrauert die Toten des World Trade Centers, und gleichzeitig illustriert er die Unmöglichkeit für einen New Yorker, seine Stadt jemals zu verlassen. Er inszeniert seine Allegorie auf die Terrorangriffe und das Leben danach auf zahlreichen Ebenen, die allesamt auf die Frage zielen, inwieweit Richtig und Falsch, Gut und Böse selbst in Krisenzeiten legitime Wertmaßstäbe darstellen.

Daß die Gedanken seiner New Yorker Protagonisten stets nur um den subjektiven Umgang mit der Katastrophe des 11. Septembers kreisen, zeigt Lee in der eindrucksvollsten Einstellung des Films, als die beiden Freunde sich in einem langen Gespräch über Montys Zukunft unterhalten. Philip Seymour Hoffmanns Blick schweift während des gesamten Gesprächs wie entrückt aus dem Fenster. Doch erst nach der Szene erfährt man den Grund: Er starrt direkt auf Ground Zero und sieht sich, wie alle Protagonisten dieses Films, in ihm gespiegelt. 1970-01-01 01:00

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