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2046

2046. HK/F/I/RC/D 2004. R,B: Wong Kar-wai. K: Christopher Doyle, Lai Yiu-fai, Kwan Pun-leung. S: William Chang. M: Peer Raben, Shigeru Umebayashi. P: Jet-Tone Films u.a. D: Tony Leung, Gong Li, Zhang Ziyi, Takuya Kimura u.a.
127 Min. Prokino ab 13.1.05

Gegenentwurf

Von Daniel Bickermann Wenn einem Regisseur ein nahezu perfektes Werk gelingt, ein international preisgekröntes und allgemein verehrtes Stück Kino, steht er beim Nachfolgefilm meist vor der Wahl, entweder den so erfolgreichen Stil zu wiederholen und als Eigenplagiator beschimpft zu werden oder einen befreienden künstlerischen Bruch zu vollziehen, der ihn aber vom Großteil seines enttäuschten Publikums trennt. Wong Kar-wai, dessen letzter Film In the Mood for Love ihn vorzeitig als souveränen Altmeister etabliert hat, entdeckt und beschreitet mit 2046 einen ebenso schamlosen wie brillanten Weg aus diesem Dilemma: Der Hongkongchinese hat die Motive aus dem lose zusammengefügten Vorgänger herausgenommen und mit ihnen dieselbe Geschichte noch einmal neu erfunden. Das Produkt ist eine zum Niederknien schöne, elegant-romantische Collage geworden.

Da sind sie dann also wieder, die sanften Mamborhythmen, die Frauen, die in Zeitlupe rauchen, und die Männer, die im Regen warten, an braune Ziegelwände gelehnt. Man wohnt wieder in derselben Pension, ißt wieder gemeinsam Suppe und schreibt Kung-Fu-Geschichten in Hotelzimmern, man tauscht wieder vieldeutige Sätze aus und lange, schweigende Blicke. Auf den ersten Blick scheint es, als sei dem sonst doch so vielseitigen Regisseur nichts Neues mehr eingefallen, selbst der Hauptdarsteller und die meisten Figurennamen wurden vom Vorgängerfilm übernommen. Aber was aussieht wie ein Remake und sich rein plottechnisch als Sequel definiert, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als raffiniert ausgetüftelter Neu- und Gegenentwurf.

Der Mann mit Namen Chow Mo-wan ist immer noch Schriftsteller, aber kein schweigsamer Melancholiker mehr, sondern ein charmanter Herzensbrecher, der mit beißendem Witz und kaltem Lächeln das Leben und die Liebe im Dolce Vita der späten 60er Jahre in Hongkong genießt. Su Li Zhen ist nur eines seiner Opfer, die zufällig den Namen einer lange verflossenen Liebschaft trägt und ebenso an seiner Lieblosigkeit zerbrechen wird wie einige andere Frauen. Voller Erstaunen entdeckt man die faszinierendsten motivischen Neubewertungen: Wo die Liebe gefühlvoll und unausgelebt war, gibt es hier explizite sexuelle Eskapaden, denen aber ein Mangel an Emotionen zugrunde liegt. Wo der frühere Film mit einem Geheimnis endete, das in ein Astloch geflüstert wurde, beginnt dieser mit einer runden Öffnung in einer avantgardistischen Holzskulptur. Auch stilistisch durchbricht und erweitert Wong die hermetisch in sich geschlossene Vorlage. Der erneut hinreißend erlesenen Darstellung der 60er Jahre setzt er in einer Binnenhandlung einen irrealen Futurismus entgegen, dessen Bilder zwar unendlich fremdartig, aber nicht weniger betörend wirken. Neben den legendären Zeitlupen der sinnlichen Gesten erfindet er nie gesehene Geschwindigkeitsbrüche innerhalb der Szenen, friert Handlungen ein oder beschleunigt sie spielerisch, ohne jemals die Eleganz zu verlieren.

Mancher wird dem Filmemacher vorwerfen, 2046 wäre nur der Tanz um eine leere Mitte, eine oftmals wirre Sammlung von Figuren und Stimmungen, aber das hieße, den magischen Realismus Wongs zu unterschätzen. Die Liebschaften driften in diesen Film ohne Ankündigung hinein und ohne befriedigenden Abschluß wieder hinaus, weil sie dies im wirklichen Leben auch so tun. Die Figuren verhalten sich inkonsequent, ratlos und fehlerhaft, weil Menschen eben so sind. Es gibt keine Moral, keine Lösungen und keine Vergebung, nur die leisen Klänge von Mamborhythmen und zerbrechenden Träumen. 1970-01-01 01:00

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