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Troubled Water

De Usynlige. NOR 2008. R: Erik Poppe. B: Harald Rosenløw Eeg. K: John Christian Rosenlund. S: Einar Egeland. M: Johan Söderqvist. P: Paradox Spillefilm. D: Trond Espen Seim, Trine Dyrholm, Stig Henrik Hoff, Pål Sverre Hagen, Anneke von der Lippe, Terje Strømdahl, Frank Kjosas, Lene Bragli u.a.
115 Min. Kool ab 18.3.10

In letzter Minute

Von Christian Lailach Benommen liegst du in deinem Kinosessel und versuchst, noch immer erschöpft vom Tempo der letzten Minuten, zu realisieren, was da eben passierte. Brach nicht gerade eine Welt in sich zusammen? Wohin mit den Gefühlen? Ist dir eigentlich übel? Was bist du jetzt – entsetzt? Überrascht? Enttäuscht? Verletzt? Ja, kotzübel ist dir, wenn du ehrlich bist; und enttäuscht bist du auch. Aber weshalb? Weil all das passieren mußte? Weil du einer Geschichte einfach gefolgt bist? Weil du allen Glauben schenktest? Fühlst du dich schuldig? Wofür?

Dabei ist es nur ein Satz, der Troubled Water aus seinem sonst sehr gleichmäßigen Schritt holt. Scheinbar ist es auch genau dies Unerwartete, dies eigentlich nicht, aber doch Schockierende, was völlig verstört. Ganz ruhig beginnt der Film, wenn Jan aus dem Gefängnis entlassen wird und die Anstellung als neuer Organist in einer kläglich geschrumpften Gemeinde erhält. Daß hier Fragen offenbleiben, Jan sich als Thomas irgendwann der Pastorin Anna öffnen muß, wenn sie sich immer näherkommen wollen, all das ist über lange Zeit der Kulminationspunkt. Daß schließlich die Geschichte aus Agnes’ Perspektive die faktisch gleiche, wenngleich emotionsgeladenere ist; die Mutter des Entführten letztlich als Brandbeschleuniger fungiert, auch dies ist berechenbar. Die kleinen Schockmomente währenddessen, so wird in der Nachbetrachtung klar, eröffnen Perspektiven, wo die Perspektivlosigkeit im Grunde bereits zu groß ist.

Poppe nutzt ein eigentlich bekanntes Mittel, zeigt das Geschehen aus zwei Perspektiven, erhöht um verschiedene Vergangenheitsebenen. Wider Erwarten bleibt dabei alles durchschaubar, ist genaugenommen auch gar keine allzu große Leistung. Viel grandioser sind all die kleinen dramaturgischen Türchen, die plötzlich geöffnet werden und der Geschichte neue Möglichkeiten bieten, wobei keine, wirklich keine das berücksichtigt, was in den letzten Minuten geschieht.

Ein Gefühl der Befreiung stellt sich dann irgendwann, Minuten, Stunden, Tage später ein. Wie lang dies braucht, hängt sicherlich auch ein wenig von deiner Bereitschaft zur Selbsterkenntnis ab. Die Psyche ist nicht so berechenbar wie das Leben, das sie umgibt. Manchmal braucht es einen Moment, der für eine zeitlang alles zerstört, um die Grundlage für die Erkenntnis zu liefern. 2010-03-11 13:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #57.

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