Die große Kunst des Aufschneidens
Von Werner Busch
Der Herr zeigt sich oft auf wundersame Weise. Etwa in Form der Depression, die er auf seinen Sohn Lars von Trier losließ, um ihn über Monate in völlige Apathie zu versetzen. Aber bereits in den Jahren zuvor hatte sich eine Schaffenskrise abgezeichnet: die Absage an die Bayreuther Festspiele, die Aufgabe des
Dimension-Projektes nach 14 Jahren Dreharbeit, und dann erschienen mit
Manderlay und
The Boss of It All gleich zwei Kinofilme, die von Triers geliebte Biestigkeit spürbar vermissen ließen.
Irgendwo in die Zeit der darauffolgenden schweren Depression fiel die Niederschrift seines Drehbuchs für
Antichrist, der der wichtigste Film seiner Karriere sei, wie von Trier mehrfach betonte. Es sei für ihn um die existentielle Frage gegangen, ob er es überhaupt schaffen könne, noch einmal einen Film zu realisieren.
Da der beflissene Kinogänger und erst recht der aufgeklärte Kritiker aber Herrn von Trier kennt, weiß er, daß jeder seiner Äußerungen mit großem Argwohn zu begegnen ist; schließlich sei er »der größte Scharlatan des Weltkinos«, wie der österreichische Standard nach der
Antichrist--Premiere noch einmal ins Gedächtnis rief. Die Äußerungen zu seiner Person und seinem Werk schwankten stets grenzverwischend irgendwo zwischen großer Selbstironie und ehrlichem Größenwahn. Seine Bekundungen konnten im großen Spannungsfeld zwischen übergroßer Ehrlichkeit und blanker Lüge überall und nirgends verortbar sein. Aus Frust über diese Ungreifbarkeit wurde die einzige Konstante der öffentlichen Person Lars von Trier und seines Werkes zum bestimmenden Charakteristikum erhoben, und der Regisseur mit dem beruhigenden Stempel »notorischer Provokateur« versehen. Ein Umstand, der einen freien Blick auf seine Werke verstellt und den der so gescholtene gerne und gut gelaunt befeuert, so auch wieder in diesem Jahr in Cannes, wo er sich mehrfach der Fachpresse als »the best film director in the world« vorstellte.
Antichrist wird kein einfaches Leben haben. Das zeigte das abschätzige Gelächter, als der Abspann des Films mit der Widmung an Andrej Tarkowski begann, die im Zusammenhang mit diesem Film mindestens eine Anmaßung darstellen mußte. Zu prätentiös, zu flach, zu schematisch und auf Effekt getrimmt erschien
Antichrist selbst denjenigen, die sich nach der Vorführung noch als Fans des Regisseurs zu erkennen geben wollten. Die Handlungsführung hier ist augenscheinlich nicht von Triers beste Arbeit als Autor, er selbst deklassierte die Geschichte zur »blanken Notwendigkeit von einem Plot«. Doch wie wir wissen, ist das ja nur vielleicht die Wahrheit.
Da sind diese großartigen und absolut einmaligen Bilder, die Anthony Dod Mantle und von Trier insbesondere für die Traum- und Wachtraumszenen fanden, die in einer extremen Superzeitlupe beinahe zum Standbild werden und kaum den Weg über die weit geöffneten Augen brauchen, um sich direkt ins Gedächtnis zu brennen. Diese extrem stilisierten Aufnahmen eröffnen eine zweite Bild- und Weltebene in
Antichrist, den Film-im-Film-Szenen aus
Epidemic nicht unähnlich. Auch das in der Europa-Trilogie erforschte Thema der Hypnose, bzw. Film als Hypnose, wird hier wieder aufgegriffen und erhält durch den psychoanalytischen Aspekt der Handlung eine neue, besondere Wichtigkeit. Neu ist auch eine assoziative Montagetechnik, die einige Sequenzen angenehm mehrdeutig macht. Ebenso ist die vermeintlich einfache Handlung oft verschiedenartig auslegbar und bietet mit fortschreitender Filmdauer immer interessanter werdenden Zündstoff, selbst für nur schwer erregbare Gemüter. Ebenso durch die angriffslustigen Bilder von Sex und Gewalt: Dort wo üblicherweise weggeschnitten wird, schneidet
Antichrist im mehrfachen Sinn auf – bevorzugt im Close Up. Ohne diese viel kritisierten Elemente wäre der Film nicht das, was er ist: die intensivste Kinoerfahrung, die seit langem auf deutschen Leinwänden zu bestaunen war.
Die gut begründbare Streitbarkeit des Inhalts ist in diesem Falle ein Gütesiegel. Die ebenso streitbare Wahl der Mittel, insbesondere Frontalsymbolismus und die Verwendung von Schwarzweiß-Bildern (als Klischee des Kunst-Wollen-Kinos) zeugen vom Mut zu direkten, ehrlichen Huldigungen an seine Vorbilder Dreyer, Bergman und eben Tarkowski.
Laut eigener Aussage – Obacht! – war von Trier über die gesamte Filmschaffensphase noch nicht von der Krankheit erholt, die
Antichrist zu seinem dringensten und lautesten Film machte. Für diejenigen, die nicht damit leben wollen, daß es sogar ein angeschlagener von Trier schafft, einen Film von einmalig betörender Kraft zu schaffen, der große Aufmerksamkeit erregen will und wird, weiß der Regisseur folgenden Trost: »It was the hand of god, I’m afraid…«
2009-09-04 10:03