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It's a Free World…

GB/IT/D 2007. R: Ken Loach. B: Paul Laverty. K: Nigel Willoughby. S: Jonathan Morris. M: George Fenton. P: EMC Produktion, Sixteen Films, Tornasol Films, SPI Int., FilmFour, BIM. D: Kierston Warening, Juliet Ellis, Leslaw Zurek, Joe Siffleet u.a.
92 Min. Neue Visionen ab 27.11.08

Detailkatastrophen

Von Werner Busch Seit Carla's Song aus dem Jahr 1996 bilden Ken Loach und Drehbuchautor Paul Laverty ein höchst erfolgreiches und produktives Gespann. Nach ihrem ultimativen IRA-Historien-Drama The Wind that Shakes the Barley, der Gewinner der Goldenen Palme 2006, sind beide nun wieder auf den Straßen der bitteren britischen sozialen Wirklichkeiten unterwegs. Wieder einmal ist es vor allem Lavertys intensiven Recherchen und seinem Können als Dramatiker zu verdanken, daß It's a Free World… ein über weite Strecken interessanter und fesselnder Film geworden ist. Immerhin tragen die Plakatgestalter dieser letzten beiden Filme der Bedeutung des Drehbuchautors Rechnung und stellen die Namen von Loach und Laverty gleichwertig nebeneinander. Die Güte ihrer Filme und die besondere Bedeutung des Drehbuches in diesem britischen Erzählkino verursacht aber in letzter Konsequenz auch, daß die Unstimmigkeiten einer Figur in genau zwei Szenen, die man nicht nur einem gemeinen Actionfilm, sondern auch den meisten Dramen gnädig verziehen hätte, den Filmgenuß hier deutlich schmälern. Loachs vielbeschworener filmischer Realismus legt auf schmerzhafte Weise das Drehbuch als das offen, was es immer ist: eine Konstruktion.

Es beginnt wie ein Feel-Good-Film: Die geschaßte Agentin einer Zeitarbeitsagentur nutzt die Chancen, die sie nicht hat, und schafft es mit jeder Menge trotziger Energie und Intelligenz samt gut eingesetztem Sex-Appeal, eine eigene, illegale Agentur in einem Hinterhof mit meist ausländischen Arbeitssuchenden aufzubauen. Wenn du etwas aus deinem Leben machen willst, setz dir ein Ziel und gebe alles daran, es zu erreichen. Du kannst alles erreichen, was du willst, wenn du deine Ziele nur ehrgeizig genug verfolgst. Kein Weg ist dir versperrt. »Es ist eine freie Welt«, sagt unsere Protagonistin irgendwo in der Mitte des Films.

Natürlich ist It’s a Free World… kein Feel-Good-Film. Abstoßend und menschenunwürdig ist dieses knallharte Geschäft mit der abrufbaren Arbeitskraft für ein paar Stunden oder Tage, die man aus einem Heer der Unglücklichen und Gescheiterten abrufen kann, die von der Hand in den Mund leben müssen. Es ist dieser moderne Sklavenhandel, in dem unsere Protagonistin Angie sehr schnell Erfolg haben wird. Und mit dem Erfolg, mit dem Geld, beginnen natürlich die Probleme. Schließlich ist Ken Loach bekennender Trotzkist. Wie schon immer wollen seine Sozialdramen aber nicht Film gewordene, mit gen Himmel geballter Faust getätigte Ausrufe à la »An Ihren Händen klebt Blut, Mrs. Thatcher!« sein. Loach und Laverty wollen nicht nur die Auswüchse des Systems Zeitarbeit kritisieren, eine kleine – hoffentlich – vorübergehende Episode der Zeitgeschichte porträtieren, sie stellen den Kapitalismus insgesamt in Frage. Die große Kunst ist nun, diese übergroßen und gleichzeitig einfachen Botschaften, die man auch als »Pathos« bezeichnen könnte, in kleinen, realistischen Milieustudien zu erzählen. Es sind individuelle Geschichten mit ganz bestimmten, sehr eigenen Figuren und Ereignissen. Loachs Filme erscheinen nicht als das, was sie sind. Sie sind weit davon entfernt, lediglich Vehikel für eine Botschaft zu sein.

Analog zu Sweet Sixteen wird das Streben der Protagonisten in einem System erzählt, in das sie ohne ihr Zutun hineingeraten/-geboren sind – dort der Kleinstadt-Drogenhandel, hier die Welt von Zeitarbeitern in London: Sie können dem jeweiligen System, ihrer unmittelbaren Umgebung, der sozialen Wirklichkeit, nicht entkommen und machen so schlichtweg – auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück – das Beste daraus. Es ist wunderbar, daß der Zuschauer permanent darauf wartet, daß die Protagonisten zu Gunsten einer moralischen Wertung ihres Verhaltens »erwischt« werden. Aber das passiert nicht. Liam in Sweet Sixteen wird nicht von der Polizei geschnappt, und auch Angies illegale Firma wird nicht enttarnt, beide haben sie in ihrer jeweiligen Halbwelt schlichtweg Erfolg. Aber was dieser Erfolg, das Geld, die Aussicht auf noch mehr Geld, mit ihnen macht, daran sind Loach und Laverty interessiert.

Angie muß kühl und rational handeln, um Erfolg zu haben. Und sie ist tough. So tough, daß ziemlich bald klar ist, daß sich die Beziehung zu ihrem Sohn, der bei ihren Eltern aufwachsen muß, sich nicht verbessern wird. In seiner Bitterkeit erscheint dies nur folgerichtig. Loach und Laverty gaben sich noch nie idealistischen Illusionen hin. Wie auch in den übrigen Filmen erscheint alles sehr lebensnah und realistisch-nüchtern, die Geschichten sind stets stimmig.

Diese besondere Qualität der Loach-Filme wird It’s a Free World… zum Verhängnis. In genau zwei Szenen ist das Geschehen auf der Leinwand absolut nicht stimmig: Gerade am Beginn ihres Erfolges angekommen, nimmt Angie eine sich illegal in London aufhaltende iranische Familie bei sich auf, um ihr zu helfen. Diese edle Großmütigkeit findet sich weder zuvor noch danach bei ihr wieder. Besser noch: An einer anderen Stelle, nur einige Filmminuten später, gibt Angie der Polizei aus niederen Beweggründen einen anonymen Hinweis über den Aufenthaltsort von einigen illegalen Einwanderern. Darunter auch besagte Familie. Diese beiden Szenen stehen sich nicht nur diametral gegenüber, jede Szene für sich erscheint, auch wenn es die jeweils andere nicht im Film gäbe, als drehbuchtechnischer Aussetzer. Beide Szenen zusammen reißen den Zuschauer unweigerlich aus der Filmerzählung heraus.

Das vermeintlich realistische Abbild sozialer Wirklichkeit, wird dem Zuschauer als eine Konstruktion bewußt. Der ansonsten interessante und bewegende Film verliert hierdurch die Schlagkraft und Wirkungsmacht, die er haben sollte und könnte. Der Zuschauer kommt nicht nur mit einigen bitteren Erkenntnissen über neuerliche Auswüchse des Kapitalismus nach Hause, sondern auch mit dieser: »Ein Auge kann das ganze Gesicht versauen.« 2008-11-26 17:00

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