— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

It's a Free World…

GB/IT/D 2007. R: Ken Loach. B: Paul Laverty. K: Nigel Willoughby. S: Jonathan Morris. M: George Fenton. P: EMC Produktion, Sixteen Films, Tornasol Films, SPI Int., FilmFour, BIM. D: Kierston Warening, Juliet Ellis, Leslaw Zurek, Joe Siffleet u.a.
92 Min. Neue Visionen ab 27.11.08

In die Magengrube

Von Patrick Hilpisch Das große »Aber« schwebt bereits über dem Titel. Es sind diese drei kleinen Auslassungspunkte, die aus einer Aussage, einer Feststellung einen Rechtfertigungsversuch, eine Anklage machen. Bereits in den ersten Einstellungen von It's a Free World… führt Ken Loach vor Augen, wie diese schöne freie Welt tickt. Da gibt es kein langes Vorgeplänkel und aufwendiges Etablieren. Wie am Fließband werden hier in einem Zeitarbeitsrekrutierungsbüro polnische Bittsteller um Arbeit abgespult. Der Stuhl bleibt der gleiche. Die Charaktere, Geschichten und Schicksale wechseln. Aber das interessiert hier nur am Rande, denn es geht um Geld, eine Menge Geld. Und das läßt der 72jährige in dieser kurzen, nüchtern gehaltenen Sequenz glasklar durchscheinen.

Das soziale Gewissen des britischen Films legt hier abermals den Finger in die Wunden einer vermeintlich gleichen, freien und gerechten Welt. Coreforce Recruitment heißt die Firma, die bei den Auswanderwilligen die Hoffnung auf ein besseres Leben im neoliberalen England schürt. Allein der Name spricht hier Bände, und auch mit dem Firmenlogo (ein Puzzlestück) will Loach die ganze Branche als Teil eines Systems entlarven, das auf maximalen Gewinn und somit auf die Ausbeutung der Schwachen aus ist. Dabei verfolgt der Regisseur jedoch nicht exemplarisch das Schicksal eines oder mehrerer dieser Leiharbeiter. Ins Zentrum seiner Abrechnung mit der Maschinerie des Kapitalismus setzt er eine Insiderin.

Entlassen und von den Praktiken ihres ehemaligen Arbeitgebers frustriert, entschließt sich die toughe Angie, zusammen mit ihrer Freundin Rose eine eigene Arbeitsvermittlung zu gründen.
Angie & Rose Recruitment – das hört sich doch schon viel persönlicher an. Und der freundliche Regenbogen, der auf dem Logo über der netten Dame auf dem schweren Motorrad (Angie) strahlt, scheint geradezu herauszuschreien: Hier wird alles besser. Angie gründet ihre Firma trotz der Warnungen aus ihrem Umfeld und ohne die nötigen Genehmigungen. Die will sie besorgen, wenn der Laden einigermaßen läuft. Die Aussicht auf schnellen Profit bringt sie jedoch von ihrem Plan ab, und die Probleme fangen an, sich zu häufen.

Angie mußte selbst lange genug am unteren Ende der »Nahrungskette« existieren. Als alleinerziehende Mutter und Frau mit Ambitionen will sie nun auch ein Stück vom Kuchen. Dies soll allerdings nicht – wie bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber – auf Kosten der Menschlichkeit gehen. Ken Loach etabliert eine Protagonistin, die schnell die Sympathien des Publikums auf ihrer Seite hat. Was unter anderem auch der eindringlichen Schauspielleistung von Kierston Wareing zu verdanken ist. Hier traut sich jemand zu sagen, nein, so kann es nicht weitergehen. Angie nimmt trotz widriger Umstände ihr Leben und das anderer in die Hand, um es besser zu machen. Um dies zu erreichen, greift sie sowohl auf die altbekannten Waffen der Frauen als auch auf ihre Erfahrungen im Job zurück.

Loach entwirft ein emanzipiertes Frauenbild, das allerdings im Laufe der Handlung immer mehr Brüche und Relativierung erfährt. Die sexy Biker-Blondine im engen Leder-Outfit erweist sich als ausgefuchste Vertragspartnerin, ist aber gleichzeitig mit ihrer Rolle als Mutter überfordert. Akten purer Selbstsucht folgen Akte der Barmherzigkeit und vice versa. In dem Maße, in dem die Ambivalenz der Hauptfigur zunimmt, unterfüttert der Film die zwangsläufige Korrumpierbarkeit durch die kapitalistische »Logik« des Systems. Die selbstbestimmte Frau des 20. Jahrhunderts trifft auf die globalisierte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Und Ken Loach sagt: »Willkommen im Leben.«

It's a Free World… entgeht einer überzogenen Stereotypisierung und platten Moralisierung, indem er lediglich Schlaglichter auf die Sphären der Leiharbeiter und der Bosse wirft. Im Zentrum steht Angie. Sie büßt zwar schnell ihre Rolle als moralischer Anker ein und verfällt dem Reiz und der Dynamik des Geldes. Trotzdem fühlt und hofft man mit ihr, daß sich noch alles zum Guten wenden wird, denn eigentlich ist sie eine von »uns«. Ein Optimismus, den der Regisseur allerdings nur bedingt teilen kann, und das läßt er den Zuschauer spüren.

Ken Loachs neuestes Werk ist mitreißend inszeniert und exzellent besetzt. Und Routinier George Fenton hat einen Score geschaffen, der den größten Vorzug des Films meisterhaft auf der Tonspur aufgreift: Man kann It's a Free World… intellektuell durchdringen, ihn analysieren und ob seiner Ausrichtung kritisieren, doch zuallererst manifestiert er sich in seiner Offenheit und Schonungslosigkeit körperlich – in einem unguten Gefühl in der Magengrube. 2008-11-26 17:00

Weitere Autoren

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap