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Ein Quantum Trost

Quantum of Solace. GB/USA 2008. R: Marc Forster. B: Paul Haggis, Neal Purvis, Robert Wade. K: Roberto Schaefer. S: Matt Chesse, Richard Pearson. M: David Arnold. P: MGM, Columbia Pictures, Eon Productions, United Artists. D: Daniel Craig, Olga Kurylenko, Mathieu Amalric, Judi Dench, Giancarlo Giannini, Gemma Arterton, Jeffrey Wright u.a.
106 Min. Sony ab 6.11.08

Bum Bum Bond

Von Jakob Stählin Allzu menschlich ist es freilich, das sich Laben an gewaltreichem Gehacke und Geprügel, und so ist die Tradition von Filmhelden, die einem Menschen nach dem anderen die Birne kaputthauen, wegschießen oder anders agil das Lebenslicht auspusten, natürlich groß. Ohne jetzt unnötig in Elternabendargumenten zu schwelgen und eine Medienzensur nach irgendeinem asiatischen Vorbild zu fordern, sei dennoch gesagt, daß ein putzig zerplatzender Pappmachékopf mit vulkanartig entfleuchenden Blutfontänen von jedem westlichen Otto als eher amüsant denn als verstörend empfunden wird, doch kühle, blutleere Fließbandgenickbrüche in pseudorealistischen Szenarien bisweilen unterbewußt zu schocken vermögen. Alles nichts, worüber man sich großartig aufregen darf, aber festzumachen ist, daß die Zielstrebigkeit, mit der Sean Connery damals halbunschuldige Hartz IV-Lakaien seines Überkontrahentens hinterrücks eliminierte, für Nachwuchscineasten ernüchternd wirken konnte. Die beseitigten Tropfe bekamen – und hier rebelliert der gesunde Demokrat – keinen Prozeß. Da nützt der schönste Anzug und das schickste Auto nichts: James Bond ist ein Rüpel und ein Killer.

Verwunderlich also, daß vor zwei Jahren, nachdem man im Vorfeld ordentlich auf Daniel Craig rumhackte, plötzlich behauptet wurde, die 007-Franchise sei komplett neu erfunden worden, denn – und eine seelenlosere Argumentation hätte sich im Medientenor nicht tummeln können – Casino Royale sei realistischer, weil roher, und böte ganz viele tolle Querverweise zu irgendwas, was momentan aktuell ist. Ein Schwachsinn, der sich wie eine verordnete Brille vor die Augen der Masse zu drängen anschickt, eine Tour de Farce des Schulterklopfens. Plötzlich ist Nolans The Dark Knight eine brillante Parabel auf den Terrorismus und jeder Film, in dem ein Amerikaner das Wort Öl erwähnt, politisch absolut brisant und zeitnah. Tatsächlich sind Blockbuster stets ein absolutes Zeitzeugnis, exhalieren immer den Zeitgeist, das liegt in der Natur der Sache. Doch dem eigentlichen Wert solch gearteter Filme wird man mit der oberflächlichen Subtextschnitzeljagd keineswegs gerecht: die Rede ist von Schau- und Hörwerten. Welche Substanz darf man also von einem neuen Bond erwarten, der mal eben 225 Millionen Dollar Produktionskosten nicht zuletzt in Platzpatronen, Autos und ordentlich Schwarzpulver umgesetzt hat?

Regisseur Marc Forster – ein Mann mit einem sehr erfunden klingenden Lebenslauf – hat eine äußerst seltsame, aber beeindruckende Filmographie aufzuweisen. Zwischen der etwas mißglückten Komödie Stranger than Fiction und dem kitschigen, aber guten Wenn Träume fliegen lernen tummeln sich Dramen wie Monster’s Ball und Drachenläufer. Eine klare Handschrift sieht anders aus. Insofern ist es natürlich spannend, einen solch variablen Filmemacher an ein populäres Konsensprodukt wie 007 zu setzen. Um die Action kümmert sich zwar ohnehin primär die 2nd Unit, die laut Presseheft begeistert war von dem gesamten Team und natürlich von Marc: Eine eingeschworene Setfamilie, wie man sie aus Tausenden von DVD- Extras erzählt bekam. Tatsächlich zeichnet sich Ein Quantum Trost durch die Harmonie einer soliden Arbeitsteilung aus. Besonders die Choreographen haben bei den Actionszenen ganze Arbeit geleistet und lassen dem Zuschauer nicht viel Zeit zur Entspannung. Der arme Craig hetzt von Straße zu Straße, von Dach zu Dach und natürlich von Land zu Land. Ohne Unterlaß wird geballert und geprügelt, daß es nur so eine Freude ist. Besonders beeindruckend ist eine Sequenz im österreichischen Bregenz vor der Aufführung der Oper Tosca (man verwendete die Originalschauplätze), die raffiniert geschnitten im Wechselspiel zwischen Bühnenstück und Hatz ein Feuerwerk des audiovisuellen Genusses zündet. Das groteske Rotieren zwischen oberflächlichen Schauwerten und gewollt brisanten Themen ist eine der großen Stärken des Films. In absurder Weise werden dem Zuschauer Themen zugeworfen wie Umweltschutz und seine kapitalistische Instrumentalisierung; eine solch zynische Aktualität kann und muß in diesem völlig bewußt überzogenen Firlefanz als Parodie genossen werden.

Ein Quantum Trost ist ein guter Film und übertrifft seinen Vorgänger in sämtlichen relevanten Punkten. Grundsätzlich hat sich zwar nicht viel geändert: Daniel Craig zieht seine zwei Schnuten, hat immer noch etwas gewollte Muskeln und scheint den Glamour, den er als Bond auszustrahlen hat, hinten und vorne nicht zu verstehen; doch das ist korrekter als der tatsächlich schicke Bond der Connerys und Brosnans, der – wie oben erwähnt – in schizophrener Manier seine englische Kinderstube wie seine Feinde ausknipsen konnte. Neben der hinreißenden Action ist das Fehlen einer verworrenen Story der Knackpunkt, weshalb Forsters Film so unbändige Freude macht. Paul Haggis’ Drehbuch nimmt sich klassisch heraus, alles Böse auf eine Person zu projizieren: Mathieu Amalric als Dominic Greene. Mit weit aufgerissenen Augen gibt er die hinterhältige Umweltschlange, die den Fluß nicht vergiften, sondern besitzen möchte. Da der Mann weder eine ordentliche Kung Fu-Ausbildung noch wie James eine solide Agentenschule besucht hat, ist sein Kampfstil, lapidar gesagt, höchst rustikal, was zu einem der schönsten Filmhöhepunkte der Bondhistorie führt. So ist Bond 22 ein dreckiges Unterhaltungsfilmchen geworden, das völlig auf der Höhe seiner Möglichkeiten thront: Eine brisante, zeitnahe und brillante Parabel auf Männlichkeit, Pistolen und Autoverfolgungsjagden. 2008-11-04 16:22

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