Prager Herbst
Von Thomas Warnecke
Es gibt Orte, die sind immer schon gewesen, wenn sie in Literatur und Kunst auftauchen. Die große Zeit der XYs ist vorbei, heißt es dann. Im Kino ist ein solcher Ort vor allem das Grand Hotel. Hat es das jemals gegeben, oder existiert das Grand Hotel nur in der Fantasie derer, die davon erzählen, in Fellinis Amarcord zum Beispiel, oder in dem in Deutschland immer noch viel zu unbekannten Meisterwerk Sacha Guitrys Le roman d’un tricheur von 1936? Es wird erzählt vom Grand Hotel, und die Filme darüber sind im Wortsinne erzählte Filme, die Tonspur von Le roman d’un tricheur enthält fast ausschließlich Voice Over, und es sind Filme, von denen man sagt, daß es sie heute eigentlich gar nicht mehr gibt.
Genau so ist Jirí Menzels Ich habe den englischen König bedient. Seine »Vergangenhaftigkeit« treibt er noch auf die Spitze, indem auch das Heute der Filmhandlung bzw. des Protagonisten lange zurückliegt, im böhmischen Nirgendwo am Rande der alten CSSR. Im Gegensatz zur weltberühmten Romanvorlage von Bohumil Hrabal, die linear erzählt ist, spult sich das Geschehen im Film in Rückblenden ab, gibt es einen jungen und einen alten Jan Díte-Darsteller. Aus der Geschichte eines tschechischen Simplizissimus’, der unbewußt, aus Liebe und Naivität zum Kollaborateur mit den deutschen Besatzern wird, ist bei Menzel das Selbststudium eines trotz allem scheint’s glücklichen Menschen geworden. Zufriedenheit, scheint der alte Jan Díte uns zu sagen, liegt darin, nichts zu wollen, und er fragt sich, ob er derselbe ist, der als Pikkolo im Hotel »Zur Goldenen Stadt Prag« anfing, um Millionär- zu werden. In den Rückblenden aber pulsiert ein geschäftstüchtiges, nach Geld, Glück, Karriere und Schönheit gieriges Leben.
Das Grand Hotel. Die große Welt. Die Sehnsucht. Und bei Menzel auch: Prunk, aber stilvoll und mit tschechischem Pils. Die Eleganz besteht aus reibungslosen Abläufen, im Schwung der Bewegungen der Kellner, bitte sehr, bitte gleich. Inszeniert wie die Revue-Girls der Ziegfield Follies (noch so eine goldene Ära), ein Menü wie von Busby Berkely choreographiert, ein permanenter Tanz der Kellner, Tische, Stühle und Speisen. Und natürlich wird das Ganze erst schön, wenn mal ein Bein gestellt wird, so wie nach Truffaut die Lumièresche Eisenbahn erst von den Amerikanern zum Entgleisen gebracht werden mußte, damit Kino daraus wurde.
Menzel, Protagonist der tschechischen Neuen Welle der 1960er, hatte schon immer eine Begabung für mechanische Abläufe zwischen Schönheit und Groteske, deshalb sind bei ihm auch Sexszenen immer lustig und deshalb nicht überflüssig wie sonst meistens. In Liebe nach Fahrplan (auch nach einer Vorlage Hrabals) wird der erste geglückte Geschlechtsverkehr des Protagonisten mit Liszts »Les Préludes« unterlegt, zu deren Klängen in den Nazi-Wochenschauen die Flieger abhoben und im gleichen Menzel-Film der Besatzungsoffizier mit seinem grotesken Schienenauto im Bahnhof eingefahren kommt. Jan Díte läßt Hodenkneifen und Spermaentnahme durchs deutsche Rassenamt über sich ergehen, um dann die von Julia Jentsch gespielte deutsche Turnlehrerin zu Wagner-Klängen unterm Führerbild begatten zu dürfen. Schon vorher, wenn der kleine Pikkolo sich den ersten Besuch bei den schönen Damen im »Paradies« zusammengespart hat, führt die Initiation zu einer veränderten Wahrnehmungsmechanik: Was dem alten Helden der Blick in den Spiegel, ist dem jungen der Blick durchs Bierglas, durch dessen Verzerrung erst das Wesentliche sichtbar wird. Die politischen Veränderungen um den Helden vollziehen sich fast bruchlos, wie nebenbei (und nebenbei bemerkt: im Unterschied zu vielen anderen Filmen, die in der Nazizeit spielen, ist Ich habe den englischen König bedient angenehm wenig hakenkreuzlastig) geht der Weg vom Bordell zum Lebensborn; die Menschen im Film scheinen nur Objekte einer großen Spieluhr zu sein, die alten Tschechen sehen alle aus wie Bedrich Smetana, die Deutschen tragen alle weiße Socken, die Frauen sind alle unfaßbar schön.
Anstelle eines achterbahnfahrenden Historienschinkens hat Menzel die Welt als klimperndes Kettenkarussell inszeniert, das sich manchmal so unpolitisch gibt, daß man zusammenzuckt, ohne sich jedoch dem Vergnügen entziehen zu können. Und eigentlich geht’s nur um Essen und Sex und das spielerische Vergnügen, an beides heranzukommen. Solche Filme gibt’s heute eigentlich gar nicht mehr.