Blame it on the Blame Brothers
Von Lena Serov
Der Plot von Woody Allens Abschlußfilm seiner Londoner Krimi-Trilogie kommt einem bekannt vor, realisierte Sidney Lumet erst kürzlich mit
Tödliche Entscheidung eine Variation: Zwei Brüder mit Geldproblemen träumen von der sozialen und finanziellen Rehabilitierung und sogar vom Aufstieg. Die Lösung der Probleme scheint die eigene Familie bereitzuhalten. Doch dann droht alles aus dem Ruder zu laufen. Anders als bei Lumet, der seine Geschichte fragmentiert, achronologisch, mit wechselnden Perspektiven und völlig schonungslos erzählt, läßt bei Woody Allen die Story viel Raum für eine bunte Mischung aus Familientragödie, Thriller und Komödie.
Ian und Terry Blame sind zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein können. Während Terry das Lebensmodell seiner Eltern nachleben und sich mit der Freundin häuslich einrichten möchte, ist Ian ein ambitionierter Lebemann, der sich aus der heimeligen Enge nach Kalifornien absetzen möchte. Natürlich soll die Realisierung ihrer Wünsche nicht über lange Umwege, sondern bald geschehen. Da Terry jede Menge Geld im Glückspiel verspielt hat und Ian die nötige Investition im Immobiliengeschäft fehlt, entschließen sich beide, ihren reichen Onkel Howard um Geld zu bitten. Dieser stellt seine finanzielle Hilfe in Aussicht, die allerdings ihren Preis hat – als Gegenleistung müssen sie einen Geschäftspartner Howards beseitigen.
Die Dialoge sind wie immer bei Allen Motor der Handlung und umkreisen hier das immer gleiche Problem. Die Perpetuierung der moralischen Frage, ob der Zweck die Mittel rechtfertige, und die Ausweglosigkeit der Protagonisten wird (wenn die Dialoge verstummen) durch das repetitive Moment von Philip Glass’ musikalischem Minimalismus, der bereits mehrere Erfolgsproduktionen edelte, getragen. Die Kamera des gefeierten Vilmos Zsigmond fixiert die Körper der Protagonisten, die der Regisseur unter Londons Brücken und durch labyrinthische Straßen schleust oder sie bei ihrer Planschmiede beobachtet. Hier wird ihre Zerrissenheit offengelegt. Colin Farrell, der als der einfältige und zweifelgeplagte Terry besetzt ist, setzt auf intensives Mienenspiel: Sein verzerrtes Gesicht überträgt sich auf seinen Körper, der immer mehr zusammensinkt, je tiefer Terry in seinen inneren Abgrund blickt, der sich ihm in seinen Albträumen offenbart. Ewan McGregors Performance oszilliert zwischen überschwenglichem Leichtsinn und vorgegaukelter Rationalität.
Wie bereits in
Match Point bietet Allen die Innensicht auf ein Verbrechen. Doch diesmal ist es nicht die Upper Class, die als Folie dient: Allen begibt sich in das Milieu der überehrgeizigen Aufsteiger der Working Class, die er porträtiert, ohne eine Milieustudie nachzuzeichnen. Allerdings reicht
Cassandras Traum nicht an die steile Vorlage seines Vorgängers heran: Werden spannungsvolle Momente allzu bald entschärft, droht die Dramaturgie zu kippen. Sein Potential schöpft der Film vielmehr aus dem aufkeimenden Konflikt um das Brüderpaar Blame, was dem Zuschauer wiederum große Identifikationskonflikte beschert, ist dieser zwischen ihnen hin- und hergerissen. Die von den Brüdern emphatisch heraufbeschworene tautologische Formel der Familienmoral, »Familie ist Familie, Blut ist Blut«, erfährt im Verlauf eine düstere Umdeutung. Was am Ende bleibt, ist jedoch – wie so oft bei Woody Allen – das unheimliche Gefühl, als wäre nichts geschehen. Als wäre nur eine Geschichte aus einem Repertoire von vielen erzählt, nicht zuletzt, weil er sich den erhobenen Zeigefinger und die große Belehrung erspart – und die Gewißheit, daß er noch einige Geschichten bereithält.