Half Nelson

USA 2006. R,B: Ryan Fleck. B,S: Anna Boden. K: Andrij Parekh. M: Broken-Social-Scene. P: Hunting Lane Films, Silverwood Films, Journeyman Pictures, Original Media, Traction. D: Ryan Gosling, Shareeka Epps, Anthony Mackie u.a.
106 Min. Arsenal ab 27.3.08

Im Griff

Von Daniel Bickermann Der Titel des Films, richtig verstanden, sagt viel über seinen Inhalt aus: Half Nelson bezieht sich weder auf britische Marineoffiziere noch auf südafrikanische Freiheitskämpfer, sondern auf einen Haltegriff im Ringen, bei dem der Kopf des Gegners nach unten gedrückt wird, meist als Vorbereitung, um den Gegner mit einem Hebel in Bodenlage zu bringen.

Was hat das mit Ryan Flecks Spielfilmdebüt zu tun? Alles und nichts: Es geht um eine so frühe und massive Midlife Crisis, daß man es eigentlich schon Kapitulationskrise nennen könnte, es geht um eine öffentliche Schule im tiefsten Brooklyn, um Drogen und bestenfalls noch um ein bißchen Basketball – vom Ringen jedenfalls keine Spur. Und doch paßt der Titel: Sein charismatischer Protagonist Dan Dunne, für dessen ebenso ergreifende wie schillernde Darstellung Ryan Gosling letztes Jahr völlig zurecht für den Oscar nominiert wurde, steckt fest, lebt in einem brutalen Haltegriff, der seinen Kopf immer weiter nach unten drückt: Sein Leben zerfällt in seinen Händen, sein Drogenkonsum nimmt zunehmend überhand, längst sind alle Beziehungen zu Mitmenschen abgerissen oder mutwillig zerstört. Er behauptet, die Drogen unter Kontrolle zu haben, dabei haben sie ihn längst im Griff, drücken ihn nieder und sind drauf und dran, ihn zu Boden zu werfen. Das einzige, was ihm bleibt, ist seine leidenschaftliche Art, Geschichte zu unterrichten, und eine vorsichtige Freundschaft mit der schwarzen Achtkläßlerin Drey. Die lebenskluge Halbwüchsige und der chaotische Endzwanziger treffen sich durchaus auf Augenhöhe, und eine zeitlang bewegt ich ihre Beziehung sogar gefährlich nah an der Romantik entlang. Aber beide sind auf dem Weg nach unten, und wer hier wen retten kann, wird bis zur letzten Einstellung nicht so ganz klar. Daß beide es immerhin versuchen, ist zutiefst berührend.

Regisseur Fleck dreht mit Half Nelson eine Langversion seines eigenen Kurzfilms Gowanus, Brooklyn und zehrt dabei vor allem von seiner Dokumentarfilmerfahrung. Er zeigt mit authentischer Handkamera und trostloser Ausstattung diese Lebenskatastrophe, die vielleicht auch ein Neubeginn sein kann, ohne falschen Glamour oder große Gesten: Die Momente der Drogensucht sind einsam und scheinbar nebensächlich, ruinieren aber doch indirekt durch Lügen, Stimmungsschwankungen und Selbsthaß alle anderen wertvollen Erfahrungen in Dunnes Leben. Dieser Mann gerät nicht außer Kontrolle, verglüht nicht spektakulär, sondern zieht sich immer weiter zurück in den Schatten. Fleck macht daraus einen stillen, farbentsättigten, aber keineswegs niederdrückenden Film voller liebenswerter Figuren und kurzer, erhebender Momente von Komik und Anteilnahme.

Die junge Shareeka Epps ist ein erstaunliches Talent, aber die eigentliche Entdeckung ist Ryan Gosling: Mit nervösen Tics, einer stets schwankenden Körperlichkeit und einem heiseren Flüstern am Rande der Ausdruckslosigkeit verleiht der gebürtige Kanadier, den man derzeit auch in Lars und die Frauen in den deutschen Kinos bewundern kann, einer extrem schwierigen Figur Sympathie und Würde. Von ihm, wie auch von Fleck und Epps, wird noch viel zu hören sein.

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