Szenen einer Ehe
Von Kyra Scheurer
Sie ist eine brillante Schauspielerin – seit ihrem fünften Lebensjahr dabei, mit elf gewann sie ihren ersten Darstellerpreis. Sie hat mit Regisseuren wie Atom Egoyan, Hal Hartley, David Cronenberg und auch mit Wim Wenders gearbeitet, hat ihre oft schwierigen Rollen mit viel Bedacht ausgewählt und sich – besonders in der Zusammenarbeit mit Regisseurin Isabel Coixet – immer wieder tief auf labile, durch Krankheit geschädigte Figuren eingelassen. Ob als junge, krebskranke Mutter in
My Life Without Me oder als stark traumatisierte Arbeiterin in
The Secret Life of Words: Die von ihr mit großer Sensibilität verkörperten Charaktere werden aus ihrem bisherigen Leben gerissen und sind gezwungen, sich auf neue Erfahrungen und Emotionen einzulassen, auch wenn es zum letzten Mal sein sollte. Jetzt hat sie ihren ersten Langfilm als Regisseurin vorgelegt und kann dafür auf genau diesen Rollenerfahrungen und einer sehr präzisen Beobachtungsgabe aufbauen. Das von ihr verfaßte Drehbuch stützt sich zudem auf eine Kurzgeschichte von Alice Munro und auch ihre eigene Lebensgeschichte. Der mit elf Jahren erlebte Krebstod der eigenen Mutter mag zur beeindruckenden Genauigkeit dieses Regiedebüts beigetragen haben. Und doch ist es ein bißchen unheimlich, daß sie einen so einfühlsamen, einen so reifen, so stimmigen, man möchte fast sagen: so weisen Film über das gemeinsame Altwerden, die Liebe in Zeiten von Alzheimer gemacht hat. Denn Sarah Polley, von der hier die überschwängliche Rede ist, Sarah Polley ist erstaunliche 28 Jahre jung.
An ihrer Seite verweist schon im Titel auf die Erzählperspektive. Der Blick ist der des Anderen, des Begleiters, dessen, der die Veränderung des geliebten Menschen wahrnimmt, die sukzessive Entfernung erlebt und zurückbleibt. Grant ist dieser Zeuge, und sein seit 44 von Zärtlichkeit und Humor geprägten Ehejahren geliebter Mensch ist Fiona. Die weitsichtige, unabhängige, lebenslustige und scharfzüngige Fiona. Die wunderbare Fiona, die auf einmal eine gerade abgespülte Bratpfanne »zurück« in den Kühlschrank stellt, die sich schließlich im winterlichen Ontario auf dem Heimweg auf Skiern verirrt und dann die Entscheidung trifft, in ein Heim für Demenzkranke zu ziehen. Jede Alzheimer-Erkrankung ist anders, und jeder Umgang mit diesem Schicksal wird sich unterscheiden. Und während Fiona noch nach der ersten intensiven Suche nach Informationen lernt, ironisch und sogar liebevoll mit dem Verlust ihres Verstandes und ihrer Ehe umzugehen, brechen doch immer mehr Untiefen im Miteinander auf. Eine lange »verziehene« Affäre Grants spült ins löchrige Bewußtsein, schließlich erkennt sie ihn nach der isolierten Eingewöhnungsphase im Heim nicht mehr und wendet sich hingebungsvoll einem anderen Patienten zu. Auch der hat eine Frau, auch die bleibt zurück, nur zusehen kann sie nicht ganz so selbstlos wie Grant, der sich einredet, auf den letzten einsamen Metern seiner Ehe eine alte Schuld zu begleichen. Gibt es etwas Schmerzvolleres als die Vorstellung, daß einen eines Tages der geliebte Mensch nicht mehr erkennt? Und doch ist dieser Film herrlich unsentimental und ehrlich. Denn neben der emotionalen Verletzung und dem Verrat, den Grant durchlebt – und der dem Zuschauer durchaus das ein oder andere mal die Kehle eng werden läßt – neben der Frage von Vergessen und Verlust bleibt viel Raum für Reflexionen über das Erinnern und darüber hinaus für das, was man bekommen kann, wenn man die Erinnerung verliert. Was passiert, wenn jemand befreit ist von Konventionen und Gewohnheiten, von gemeinsamem Erleben und einsamer Schuld. Die nächste Stufe der Liebe – das mit anzusehen ist beglückend und beängstigend zugleich.
Der Film ist eine Hommage an Julie Christie, zu der Polley eine sehr enge Beziehung hat. In der erstaunlich leichten Inszenierung ohne falschen Kitsch gelingt Christie etwas Großes: Sie verleiht einer Alzheimer-Patientin nicht nur Würde, sondern fast Grazie. Das wichtigste Element ist hierbei die leise Ironie und der wärmende Humor, der über das davon geprägte eheliche Miteinander hinaus lebendig bleibt. Aber nicht nur Christie trägt diesen Film, auch Gordon Pinset agiert herausragend, und im gesamten Ensemble findet sich keine der oft in »Krankheitsfilmen« so nervigen Schau-Performances. Ein ebenso leiser wie großer Film einer sehr jungen Frau, von der noch viel zu erwarten sein wird.