Szenenbild aus The Football Factory

Die Beleuchtung von des Fußballs dunkler Seite: der Hooliganfilm

Von Nils Bothmann Immer wieder kommt es bei Fußballspielen zu Auseinandersetzungen zwischen Fans und/oder Hooligans, und die manchmal extremen Auswirkungen sind nicht erst seit dem Fall Nivel bekannt. Immer wieder wird die Frage gestellt, was (vor allem) junge Männer dazu bringt, einander ob einer Sportart dermaßen heftig zu verletzen, die Suche nach einer verständlichen Ursache wird betrieben. Auch filmisch versucht man das Thema Hooligans aufzuarbeiten, wobei Verdammung und Faszination hier Hand in Hand gehen: Ausgerechnet Vinnie Jones, der in seiner Spielzeit bei Manchester United einen Rekord beim Sammeln Roter Karten aufstellte, errang internationalen Ruhm bei seiner folgenden Schauspielerkarriere, gleichzeitig brachte ihm ebenjene Reputation vor allem Parts als Schläger oder Killer wie in Snatch oder The Condemned ein. Zwei Rollen Vinnie Jones’ spielen ganz besonders mit seinem Image: In Mean Machine spielt er einen raubeinigen Fußballprofi, der in den Knast kommt, in Eurotrip den Hooligan-Chef einer Horde von Manchester United-Fans.

Drei andere Filme haben das Hooligantum in den letzten Jahren allerdings genauer untersucht: Nick Loves Groteske The Football Factory, die auf überhöhte Weise einige Wochen aus dem Leben des Hooligans Tommy erzählt. Hooligans, teilweise auch Green Street Hooligans genannt, von der ehemaligen deutschen Kickbox-Meisterin Lexi Alexander, in welchem der junge amerikanische Student Matt nach seinem Rauswurf bei der Uni durch Pete, den Bruder seines Schwagers, Teil der englischen Hooliganszene wird. Zuguterletzt dann noch Julian Gilbeys Gangsterdrama Rise of the Footsoldier, hierzulande als Footsoldier – Hooligan, Gangster, Legende veröffentlicht, der den Aufstieg des Hooligans Carlton Leach vom kleinen Schläger zum Chef einer Türsteherfirma mit Verbindungen zum kriminellen Milieu nachzeichnet. Vorweg zwei Kommentare: Zum einen beschäftigen sich alle drei Filme mit der berühmt-berüchtigten englischen Hooliganszene. Zum anderen betreffen alle in diesem Artikel getroffenen Aussagen über Hooligans natürlich deren filmische Repräsentation, die zwar eine Möglichkeit aufzeigt, allerdings nicht deckungsgleich mit der Realität sein muß.

Alle drei Filme zeigen auf, daß sich Hooligan-Gruppierungen als »Firmen« bezeichnen, in Footsoldier gar mit eigener Visitenkarte, die verprügelten Opfern in den Mund gelegt wird. Meist tragen diese »Firmen« abgekürzte, prägnante Namen wie ICF (Intercity Firm) in Footsoldier oder GSE (Green Street Elite) in Hooligans. Diese teilweise fast schon familiär organisierten Gemeinschaften bieten den Mitgliedern Zuflucht: Matt in Hooligans integriert sich auf der Suche nach Anschluß in die Gruppe, die Protagonisten von The Football Factory und Footsoldier wachsen in ihre »Firmen« quasi hinein: Carlton Leach beginnt seine Karriere als Hooligan 1975 im Alter von 16 Jahren, Tommy schließt sich mit Jugendfreunden einer »Firma« an. Für die meisten Hooligans ist dies eine Art Wochenendspaß, auf die samstägliche Prügelei freut man sich bereits die ganze Woche über, wie es in The Football Factory heißt. Nicht umsonst erklärt der Protagonist das Handeln seiner »Firma« folgendermaßen: »We were just having a laugh.« Pete in Hooligans setzt bei der Schilderung des Wochenendes Biertrinken, Lachen und Prügeln in eine Reihe, ohne daß die dritte Tätigkeit außergewöhnlich für ihn ist. Gewalt als Abwechslung zum tristen Alltag, häufig, aber nicht immer gepaart mit einem rituellen Besäufnis, um sich anzuheizen.

Gleichzeitig haben die meisten dargestellten Hooligans einen Alltag, in den sie jede Woche zurückkehren. In Footsoldier ist dieser Aspekt am wenigsten behandelt, gleichzeitig thematisiert dieser zum einen eine vergangene Hooligan-Szene, zum anderen rutschen die meisten Hooligans in diesem Film in kriminelle Gefilde ab. Hooligans stellt eine Art Gegenentwurf dar: Im Gegensatz zum exzessiven Wochenend-Geprügel sind die Männer in ihren Jobs ruhige Angestellte, die sich nicht von ihren Mitarbeitern unterscheiden – es sei denn, sie bejubeln gerade das Ergebnis der aktuellen Spielauslosung. Beim Vergleich der früheren und aktuellen Hooliganszene fällt auf, daß das Hooligansein stärker reglementiert wird im Laufe der Zeit. So steigt Carlton Leach in den 1980ern aus der Hooliganszene aus, da die polizeilichen Repressionen stärker werden, und konzentriert sich vollends auf seine kriminelle Karriere. Pete und seine Mannen in Hooligans hingegen müssen Polizisten auf der Suche nach der nächsten Schlägerei umgehen und ihre Gesichter oft verhüllen, um nicht von den allgegenwärtigen Überwachungskameras eingefangen zu werden. Doch all diese Schwierigkeiten hindern sie nicht daran, sich in Gewalt auszuleben.

Gewalt wird stets als Männlichkeitsbeweis angesehen, für die Hooligans ist ihre Reputation das Wichtigste. Nicht unbedingt die Reputation eines Individuums, sondern die der »Firma«. Pete bewertet Fußballclubs in Hooligans nach zweierlei Maß: Zum einen die Leistungen der Mannschaft, zum anderen die Leistungsfähigkeit der jeweiligen »Firma«. Trotz dieser Kollektivleistungen kennt die Hooliganszene eigene Helden: In Footsoldier gilt als moderner Achill, wer einen gegnerischen Hooligan durch ein Absperrungsgitter hindurch verletzen kann – mit heißem Kaffee. In Hooligans ist die fast schon mythisch überhöhte Figur des »Major«, des ehemaligen GSE-Anführers, bereits in der ersten Szene im Dialog präsent, ehe er im letzten Drittel des Films tatsächlich erscheint.

Abwesend im Bild ist allerdings Fußball selbst: Obwohl Carlton Leach in der Off-Einführung von Footsoldier erklärt, am Beginn habe Fußball gestanden, so kommen in den Filmen nur wenige (Hooligans, Footsoldier) oder gar keine Szenen von den eigentlichen Fußballspielen (The Football Factory) vor; meist findet das Geschehen außerhalb des Stadions statt. Trotzdem ist Vereinsdenken der Motor des Hooligantums, ein »wir« gegen ein »die«, obwohl beide Kategorien konstruierte sind. Innerhalb der »Firmen« gibt es ebenso Rivalitäten, während der Feind jede Woche wechselt, man gegen die Person auf der Gegenseite an sich gar nichts haben muß. In The Football Factory machen ein Dealer und sein Kunde regelmäßig Geschäfte, als Anhänger unterschiedlicher Vereine dreschen sie am Wochenende trotzdem aufeinander ein. Tatsächlich beschreiben The Football Factory und vor allem Footsoldier eine Nähe zum kriminellen Milieu, in beiden Filmen wird auch darauf eingegangen, daß die Droge Ecstasy mit ihrer beruhigenden Wirkung die englische Hooliganszene in den 1980ern gar ein wenig abmilderte. Da die Hooligans jedoch mit den teilweise recht harten, unter Umständen sogar mit Waffen wie Ziegelsteinen, Knüppeln oder gar Äxten ausgetragenen Konfrontationen sowieso immer einer Verhaftung nahe sind, ist der Schritt in Richtung Kriminalität nicht unbedingt ein so großer, vor allem in der Hooliganszene der frühern 1980er: Carlton Leach erhält als bekannter Schläger einen Job als Türsteher, steigt schließlich zum Chef einer Türsteherfirma auf, wobei er in erster Linie Hooligan-Kameraden einstellt: Die Verbundenheit des Milieus wirkt sich auch hier aus.

Nach dem Ende der großen Erzählungen, wie Jean-François Lyotard es postulierte, funktionieren politische Weltanschauungen nur noch bedingt als Heilsversprechen. Fußball ist da eine ebenso gute Ideologie für die Orientierungslosen – vielleicht eine kleine Analogie zum Terrorismus. Die Vereinsideologie will mit radikalen Mitteln durchgedrückt werden, weshalb die »Firmen« in The Football Factory und Footsoldier ein andauerndes In-der-Gewalt-Sein zeigen, vor allem auf sprachlicher Ebene: Jeder, der den Hooligans nicht paßt, wird rüde als »cunt« bezeichnet. Diese permanente Inklusion von Gewalt in die Szene erinnert ein wenig an Skinhead-Darstellungen in Romper Stomper und American History X. Im Gegensatz zu diesen Gruppierungen sind die Hooligans allerdings nicht rassistisch eingestellt, Vereins-, nicht Hautfarben kreieren das »die«, gegen das man in die Schlacht zieht.

Im Gegensatz zu den geordneten Formationen von Werken wie 300, Gladiator oder Troja treten die Hooligan-Fraktionen direkt ungeordnet auf, doch nach Beginn der Kampfhandlungen ähneln sich Hooligan- und Historienfilm in ihrer Inszenierung durchaus. Der Chef der »Firma« in The Football Factory bildet seine Leute auch quasi militärisch aus, setzt Jung-Hooligans als Späher ein usw. Die Hooligan-Filme lassen zudem Parallelen in der Inszenierung der Schlägereien erkennen. Um ein Mittendrin-Gefühl zu erzeugen, werden diese Szenen mit der Handkamera gefilmt, die einen oder mehrere Blickpunkte innerhalb des Geschehens einnimmt. Reißschwenks, schnelle Schnitte und gelegentliche Unschärfen spiegeln dabei die Wahrnehmung eines Beteiligten wider. Doch auch der Spaß, den die Hooligans proklamieren, wird wiedergegeben: Häufig werden die Schlägereien mit treibender Rock- und Punkmusik untermalt. Konsequenterweise sind die beiden Prügeleien in Hooligans, die schmerzhafte Wendepunkte im Leben der Protagonisten darstellen, mit einer ruhigeren, dramatischeren Musik unterlegt.

So mögen beim Thema Hooligans Mythos, Film und Realität nicht deckungsgleich sein, doch gerade die Übereinstimmung der Darstellung läßt Kongruenzen erkennen, die vermutlich nicht aus der Luft gegriffen sind. Der talentierte B-Filmer Jesse Johnson, der zuletzt mit The 5th Commandment Kinoluft schnuppern durfte, hat vor kurzem das Hooligans-Sequel Green Street 2: Stand Your Ground abgedreht, welches die Erlebnisse eines Hooligans im Gefängnis schildert. Es bleibt abzuwarten, ob und was Johnsons Werk zur Darstellung des Hooligans im Film beitragen kann. 2009-01-13 10:51
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