Martin Sheen als Präsident Jed Bartlet in The West Wing

The Good, the Bad, and the Women

Fiktive und reale US-Präsidenten in Film und Fernsehen

Von Daniel Bickermann Der Drehbuchautor Aaron Sorkin meldete sich kürzlich auf Bitte der beliebten Linkskolumnistin Maureen Dowd in der New York Times zu Wort und verfaßte einen Dialog zwischen Barack Obama und Josiah Bartlet – liberale Wunschträume sind beide, der reale Kandidat ebenso wie der fiktive Amtsinhaber aus Sorkins Serie The West Wing. Sorkin weiß, was er tut: Der Mann hat mehr amerikanische Präsidenten aus dem Hut gezaubert als Henry Kissinger. Namen wie Jed Bartlet oder Matt Santos sind liberalen US-Bürgern längst ebenso ans Herz gewachsen wie Jimmy Carter, Franklin D. Roosevelt oder Bill Clinton.

Und hier beginnen die Verwirrungen: Denn als ein deprimierter Obama den souveränen Bartlet nach dem Geheimnis seines politischen Erfolgs fragt, gibt dieser unumwunden zu: »Für mich ist es einfach, ich bin fiktiv.« Aber was heißt das eigentlich? Sicher: Den von Michael Douglas gespielten Präsident Shepherd in Hallo, Mr. President mit seinen ehrgeizigen Plänen für ein umfassendes Handfeuerwaffenverbot kann man noch getrost als luftig-leichte Liberalismusutopie abtun; aber der hispanische Präsidentschaftsanwärter Matt Santos, der in der sechsten und siebten Staffel von Sorkins Serie The West Wing die Machtinsignien von Jed Bartlet übernimmt, führte einen idealistischen Wahlkampf, den Drehbuchautor Elie Attie auf dem realen Senatswahlkampf eines anderen aufstrebenden Jungdemokraten mit Migrationshintergrund namens Barack Obama basieren ließ. Santos wiederum hat seinerseits mit seinen eleganten Improvisationen und seinen feurig geführten Debatten spürbare Spuren in der politischen Landschaft der realen USA hinterlassen. Die Kunst imitiert die Politik und die Politik daraufhin die Kunst.

Lange Zeit gab es kaum Auftritte von US-Präsidenten im Film: Vor der Politisierung der Filmlandschaft in den 1960er Jahren schienen fiktive US-Staatsoberhäupter anstößig und/oder langweilig, und die wenigen Darstellungen von realen US-Präsidenten im Film waren den Jesus-Darstellungen nicht unähnlich. Henry Fonda macht diesen Zeitenwandel sehr gut deutlich: Als schlanker und gutaussehender Young Mr. Lincoln scheint er 1939 unter John Fords Regie noch vom Schicksal selbst erwählt; in Sydney Lumets Fail Safe macht er knapp dreißig Jahre später dagegen eine wesentlich verzweifeltere Präsidentenfigur – er ist seinem hilflosen Pendant Peter Sellers in Kubricks ironischer Verfilmung des gleichen Stoffs unter dem Titel Dr. Seltsam keineswegs unähnlich. In den 1970ern, den Katerjahren von Vietnam und Watergate, wurde auch die Beziehung zu den historischen Landesherren deutlich komplexer, wie man bereits an Brian Keiths vielschichtiger Darstellung des Draufgängers und Wahlkämpfers Theodore Roosevelt in John Milius’ Der Wind und der Löwe merkt. Vollends zuende ist die Romantisierung der realen Präsidenten dann spätestens mit Oliver Stone. Während in seinem Verschwörungsthriller JFK der Präsident noch eine spekulative Nebenrolle bleibt, stellt er in seinen beiden Biographien Nixon und W. zwei höchst problematische Figuren aus dem Oval Office in den direkten Fokus. Stones Vorteil ist dabei ein untrügliches Gespür für das Genre einer Amtszeit. Seine Sicht der Nixon-Jahre als klassische Tragödie eines Getriebenen, der an seinen eigenen Dämonen scheitert und alles verliert, hat sich bis in die Geschichtsschreibung durchgesetzt. Ähnlich scharfsinnig war Stones Bemerkung anläßlich seines neuesten Films, das Leben des George W. Bush wäre nur als Satire erzählbar. In der unromantischen Postmoderne wurden dann selbst unumstrittene Nationalhelden wie John F. Kennedy in Thirteen Days oder John Adams in der gleichnamigen HBO-Miniserie von Bruce Greenwood respektive Paul Giamatti zweiflerisch, fehlbar und nur allzu menschlich dargestellt (als Ausnahme dieser Regel steht der unsägliche Fernsehfilm DC 9/11: Time of Crisis im Raum, der das Kunststück vollbringt, George W. Bushs absurden Auftritt am Ground Zero zur hemdsärmeligen Nationenführung umzudeuten).

In den Neunzigern traten die fiktiven Präsidenten mit der rückkehrenden Politisierung der Gesellschaft zunehmend inflationär auf. Manche davon sind einfache Filmfiguren ohne direkte politische Aussagekraft, egal ob Schurken (Gene Hackman in Absolute Power), Gutmenschen (Morgan Freeman in Deep Impact) oder Massenmörder (Martin Sheen in The Dead Zone). Bei einigen dieser Figuren ist nicht einmal mehr ihre politische Partei bekannt. Daß die restlichen Filmpräsidenten größtenteils Demokraten sind, hat nicht nur mit den linken Tendenzen in Hollywood zu tun, sondern, wenn man dem Drehbuchautor und Ex-Gore-Redenschreiber Elie Attie glauben darf, auch mit dem Tonfall der politischen Programme: »Die demokratischen Ziele sind einfach melodramatischer und romantischer. Es wäre schwierig, einen großen Pathosmoment daraus zu erschaffen, daß der Präsident ans Pult tritt und eine Steuersenkung für Reiche verkündet.« Auffällig ist jedoch, daß meist weniger eine konkrete politische Richtung zur Debatte steht als vielmehr die Korruption einer Figur durch den Wahlkampf. Filme wie Bob Roberts, Primary Colors, The Candidate und viele andere thematisieren jenseits aller Parteizugehörigkeiten die Fallstricke und Verlockungen, die politische Kandidaten auf dem Weg zum höchsten Amt zu lügenden, betrügenden und irgendwann sogar mordenden Individuen werden lassen. Nirgends ist diese Tendenz deutlicher als in Ivan Reitmans hintersinniger Politfabel Dave, wo ein vom politischen Prozeß noch gänzlich ungebrochener Doppelgänger auf einen einst idealistischen, inzwischen zutiefst korrupten Präsidenten trifft und mittels Rollentausch das Amt natürlich deutlich besser ausfüllt.

Manchmal allerdings ist aber schon die Wahl eines Schauspielers als Präsident kontrovers: Als erster schwarzer amerikanischer Präsident trat James Earl Jones 1972 im Polit- und Rassendrama The Man auf – der selbstverständlich nur durch zahlreiche Tode und Zufälle an die Macht kam. Es dauerte über 20 Jahre, bis Morgan Freeman in Deep Impact und Denis Haysbert in der Fernsehserie 24 als proper gewählte Amtsinhaber folgen würden. Bei weiblichen Staatsoberhäuptern ging man ähnlich vorsichtig (und doch der Zeit weit voraus) vor: Glenn Close in Air Force One und Joan Allen in Rufmord – Jenseits der Moral durften zumindest schon mal weibliche Vizepräsidentinnen spielen, erst im neuen Jahrtausend und mit der vorherzusehenden Kandidatur von Hillary Clinton gaben Mary McDonnell in Battlestar Galactica und natürlich Geena Davis in Welcome Mrs President weibliche Präsidenten – allerdings ersparte man auch diesen beiden den kontroversen Wahlkampf und ließ sie stattdessen durch den Tod ihrer Vorgänger aufrücken. Auch hier muß man sich wohl noch ein wenig gedulden, bis eine traditionell zustandegekommene weibliche US-Präsidentschaft im Film zu sehen sein wird. Ähnlich wie in anderen Gleichstellungsfragen übernehmen Film und Fernsehen hier weniger eine Appell- als vielmehr eine Gewöhnungsfunktion: Dem Zuschauer erscheint bald das Bild einer Frau, eines Schwarzen oder eines Mannes mit hispanischen Wurzeln im Oval Office nicht mehr so bedrohlich oder fremdartig.

Die jüngsten US-Präsidenten haben dabei schnell begriffen, daß man die mediale Straße in beide Richtungen befahren kann: Immer mehr von ihnen suchten den Weg ins filmische Medium. Bill Clinton beispielsweise drehte in seinen letzten Amtstagen im Weißen Haus zusammen mit seinem Kumpel Kevin Spacey und unter der Regie des Sitcom-Erfinders Philip Rosenthal die legendäre Sketchparade The Final Days. In diesem Kurzfilm posiert er nicht nur mit Spaceys Oscars vor dem Spiegel, sondern wandert traurig durch ein verlassenes Weißes Haus auf der verzweifelten Suche nach Zeitvertreib, spielt mit gelangweilten Generälen Schiffe versenken, wäscht die Staatskarosse und pflegt den Rosengarten, während Hillary und Al Gore auf Wahlkampf sind. Besagter Gore fiel dann ja nach der gewonnen/verlorenen Wahl gegen Bush Jr. selbst als Filmstar auf, wofür er sich die schöne Mischung aus Oscar und Friedensnobelpreis mitnehmen durfte.

Angesichts solcher Beispiele ist unklar, warum manche Kommentatoren nicht diesen linken Selbstinszenierungskünstlern, sondern ausgerechnet republikanischen Präsidenten wie Reagan oder W. Bush eine zu große Nähe zu den Politikinszenierungen in den Medien vorwerfen. Gerade dem ehemaligen Filmcowboy Reagan, der in einem vielverspotteten Ausrutscher schon mal militärische Ausrüstung als »Kostüme« bezeichnete und dem für sein umstrittenes Programm zur Militarisierung des Weltraums kein besserer Name als »Star Wars« einfiel, wurde öfters mediale Verblendung vorgeworfen. Zur Erklärung dieser Anklage muß man die Gung-Ho-Cowboys unter den fiktiven Staatsoberhäuptern hervorheben, die meist in den entscheidenden Momenten auf ihren Hintergrund als Militärs zurückgreifen: Harrison Ford darf in Air Force One die Terroristen noch höchstpersönlich verprügeln, während sich der kreuzbrave Bill Pullman in Independence Day sogar nochmal ins präsidiale Kampfjet-Cockpit schwingt, um höchstpersönlich die Truppen in die letzte Schlacht zu führen. Und ebenso wie alle anderen Filmpräsidenten neigt auch diese Subspezies zu streicherunterstützten und pathosgeladenen Reden von ungeahnter Vollmundigkeit und Radikalität. Hier wird dann auch der Inszenierungsvorwurf an die republikanischen Präsidenten deutlich: Bei Harrison Fords Ankündigung, keinen Terrorismus mehr zu tolerieren und weltweit beim geringsten Zeichen von humanitärer Ungerechtigkeit zu intervenieren, mag noch begeisterte Zustimmung im Kinosaal geherrscht haben; als aber George W. Bush kurz nach dem 11. September erst einen »Kreuzzug« und dann einen »Krieg gegen den Terror« ausrief, kratzten sich weltweit die eher unbeeindruckten Politologen ihre halbkahlen Köpfe und wunderten sich, wie man einen Krieg gegen eine Taktik führen könne – und wann dieser Krieg denn zuende wäre. Der Außen- und Sicherheitsexperte Mark Danner merkte an, ein Krieg gegen den Terror wäre ähnlich sinnvoll wie ein Krieg gegen »den Luftkampf«. Es ist eben etwas anderes, ob man einen radikalen Wandel der Außenpolitik in einem konsequenzlosen Film ankündigt (wie ihn eine Vielzahl der hier beschriebenen Präsidenten verkünden) oder in der ungleich komplizierteren Gegenwart. Und als Bush kurz danach in Fliegerjacke posierte und vor der jubelnden Besatzung eines Flugzeugträgers die Mission für erfolgreich beendet erklärte, wurde schnell klar, daß man auch die Inszenierung der Kriegsreden nicht einfach spiegelbildlich aus den Hollywood-Actionfilmen importieren kann.

Was lernen wir nun aus all dem? Zum einen stellen die Medien eine, wenn auch oft sensationalistisch zugespitzte, »self-fulfilling prophecy« dar: Wie man gesehen hat, sind schwarze Präsidenten im Fernsehen schon häufiger gewählt worden, während fiktive weibliche Amtsinhaberinnen bisher nur per Tod des Amtsinhabers die höchste Stufe erklimmen konnten – ein Vorsprung, der sich beim Vorwahlkampf zwischen Hilary Clinton und Barack Obama durchaus bewahrheitete. Wenn die Medien mit ihren Vorhersagen und gleichzeitigem Gewöhnungseffekt aber tatsächlich Orakelcharakter aufweisen, dann muß man sich nach Jahrzehnten der Ruhe wieder Sorgen um die Gesundheit der Präsidentschaftskandidaten machen. Denn während sich die weiblichen (Vize-) Präsidentinnen zwar schweren verbalen und politischen Attacken ausgesetzt sehen, aber zumindest körperlich unversehrt bleiben, mußten schwarze Präsidentschaftsanwärter seit jeher um Leib und Leben bangen: Sowohl James Earl Jones in The Man als auch Denis Haysbert in 24 werden zu Attentatszielen, und Jed Bartlet in The West Wing wird allein deshalb angeschossen, weil seine Tochter eine Liaison mit einem schwarzen Angestellten hat. Und obwohl man derzeit auf den Wahlkampfveranstaltungen McCains Schimpftiraden gegen Barack Obama mitanhören muß, die durchaus in den Bereich der Todesdrohung fallen, und obwohl Obama zahlreicher und früher Personenschutz erhielt als jeder andere Präsidentschaftskandidat vor ihm, wollen wir an dieser Stelle hoffen, daß sich wenigstens diese sensationalistische Prophezeiung der fiktiven Präsidentendarstellungen als unbegründet herausstellt. 2008-10-16 15:32
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