Die Spule ist rund, und ein Film dauert 90 Minuten
Wie der Fußball eben doch zum Film passt
Von Oliver Baumgarten
Fürst Tusker ist ein keltischer Tyrann, der sein Volk in Angst und Schrecken versetzt. Eines Tages macht sich ein Krieger auf, um dieser Unterdrückung auf ewig ein Ende zu bereiten. Er findet Tusker, und nach langem und blutigem Kampf kann er ihn überwinden und schließlich töten. Zum Beweis schlägt der Held Tusker den Kopf ab und bindet ihn an den Sattelknauf seines Pferdes. Während seines Ritts zurück in die Stadt bohren sich die Zähne des Tyrannenschädels immer wieder tief ins Bein des Helden. Die Wunde entzündet sich, und mit letzter Kraft schleppt er sich auf einen Turm am Marktplatz, schleudert den Schädel in die Menge und stirbt. Erbost ob des Todes des tapferen Helden, kicken die Bürger das Haupt des Tyrannen durch die Stadt. England, die Wiege des Fußballs.
Die Ursprünge des Fußballs lassen sich heute natürlich nicht klar benennen. Und makabre Legenden wie diese keltische Mär (die übrigens noch heute Jahr für Jahr im schottischen Kirkwall nachgestellt wird) gibt es zuhauf und dienen eher zur Ausstattungsanregung für eine Geisterbahn denn als ernstzunehmende Grundlagenforschung. Fest steht allein, daß der moderne Fußball 1863 in England mit der Gründung der Football Association seinen Anfang nahm – als spielerische Leibesübung, zur freudvollen Körperertüchtigung und zur Zerstreuung des Alltags.
Die erste Filmvorführung fand 30 Jahre später statt, 1895 in Berlin. Die berüchtigten Brüder Skladanowski hatten ihr Bioskop erfunden – der Zerstreuung des Alltags sollte er dienen. Aber nicht zuletzt auch, um in den Varietés und auf Jahrmärkten kräftig Kasse zu machen. Dieser Erfindung eines neuen Mediums war das Geldmachen praktisch in die Wiege gelegt mit der ihr immanenten Anlage zum Spektakel und zur Identifikation. Immer neue Schauwerte beleben die Attraktivität des Films bis heute, und seine Macht der Bilder findet ganz besonders im Identifikationssog des Kinoerlebens seinen Ausdruck.
Spektakel, Attraktion und Identifikation als Anziehungskraft auf Breitenebene vermochte der Fußball hingegen erst später zu entwickeln mit der immer stärker aufkommenden Fankultur und der Entdeckung, daß sich mit dem Fußball und seinem ausgeprägten Starsystem kräftig Kasse machen läßt.
Doch die Gemeinsamkeiten von Film und Fußball erschöpfen sich nicht in äußeren Merkmalen wie Identifikation, Schauwert und finanzieller Lukrativität. Ihr beider Erfolg fußt auf etwas wesentlich Fundamentalerem, nämlich darauf, daß beide eine Sprache verkörpern, die weltweit verstanden wird. Sie kommunizieren mit einem außerlexikalischen Vokabular über jede ethnische und politische Grenze hinweg. Das mag als Binsenweisheit gelten und wie ein vorgeschobenes Pathos den Blick auf wirtschaftliche Wirklichkeiten verdecken. Dennoch findet sich in dieser Tatsache ein ganz entscheidender Aspekt, warum die Verbindung von Film und Fußball eigentlich eine ganz besondere sein könnte, obwohl sie bisher nur sehr selten erquicklich oder gar fruchtbar ausgefallen ist.
Das, was man vielleicht gemeinhin als Fußballfilm bezeichnen könnte, gibt es so gut wie überhaupt nicht. Und das, obwohl in den USA der Sportfilm geradezu ein eigenes Genre stellt. Boxen (von
Wie ein wilder Stier bis
Rocky), Baseball (von
Der große Wurf bis
Eine Klasse für sich) oder Football (
An jedem verdammten Sonntag) werden mit Spieldramatik und einbezogener Umfeldstudie regelmäßig in sehr erfolgreiche Filme umgesetzt. Selbst der potentiellen Filmdramatik eher unverdächtige Sportarten wie Golf (
Tin Cup) oder Bowling (
Kingpin) fanden im Film mit gelungenen Spielszenen und sportlichem Heroismus ihre Würdigung. Der Plot des amerikanischen Sportfilms stellt dabei meist einen Sportler in den Mittelpunkt, dessen privates Leben sich an einem Scheidepunkt befindet. Diese persönliche Krise drückt sich im Sportlichen aus und wird dort auch (auf dem Platz) schlußendlich gelöst. Der Sport ist hier Katalysator privater Befindlichkeiten. Diese Plotline ist verpackt in spannende Spielszenen, pathetische Momente und privaten Schmalz.
Dem Fußball wurde ein solcher Film noch nicht gewidmet – mit einer kleinen Ausnahme vielleicht: In John Hustons Film
Flucht oder Sieg aus dem Jahre 1982 soll ein Match zwischen alliierten Offizieren in deutscher Gefangenschaft und dem deutschen Nationalteam den Offizieren zur Flucht verhelfen. Besetzt mit ehemaligen Fußballstars wie Pele und Bobby Moore steht auch hier der aktive Sport und seine ihm eigene Dramatik als Motor für das Leben einzelner im Mittelpunkt. Davon abgesehen aber findet das Genre Sportfilm ohne den Fußball statt.
Eine häufig zu lesende Begründung, warum dies so sein könnte, fußt auf die Annahme, daß die Integration realistischer Spielszenen in die Handlung so gut wie unmöglich sei. Da unser Auge durch die Fernsehauflösung von Fußballspielen über die Dauer von Jahren an einen Standard gewöhnt worden sei, würde es schwer fallen, Schauspieler auf den Platz zu stellen und sie authentisch wirken zu lassen. Bei erwähntem
Flucht oder Sieg behilft sich diesbezüglich übrigens John Huston zum einen damit, daß er einige Ex-Profis besetzt und sie (leidlich) schauspielern läßt, und zum anderen dadurch, daß viele der Figuren schon laut Drehbuch gar nicht wirklich Kicken können (Sylvester Stallone vor Anpfiff des entscheidenden Spiels zu einem Mitspieler: »Where do I stand for a corner kick?«). Trotzdem: Dieses Argument darf eigentlich keinen Bestand haben. In Zeiten, in denen Techniken neue Möglichkeiten der Inszenierungen zulassen, sollte es kreativ möglich sein, Spielszenen realistischer aussehen zu lassen als noch 1981 in
Manni, der Libero. Madonna ist schließlich auch kein Baseball-Profi und macht in
Eine Klasse für sich keine schlechtere Figur als sonst.
Weitaus einleuchtender, warum das Genre Sportfilm ohne den Fußball auskommt, erscheint die banale Feststellung, daß der Fußball in den USA weit weniger populär ist als die anderen erwähnten Sportarten, und wir Europäer mit der dem Fußball inhärenten Dramatik, dem Heroischen und dem Pathos im Film von jeher nichts anzufangen wußten. Insofern verwundert es nicht, daß das Genre Sportfilm ein hollywoodeigenes geblieben ist. Im Rest der Welt wird nämlich Fußball im Film anders eingesetzt und erfüllt damit zwei deutlich unterschiedliche Funktionen.
Vor allem ist er sicher das: Statist und Dekor vor dem Hintergrund beliebiger Geschichten. Besonders in Deutschland wird der Fußball gerne als Randerscheinung eingesetzt, bleibt willkürlich und austauschbar. In
Männer wie wir beispielsweise wird eine Geschichte um einen schwulen Fußballer erzählt, die in Zusammenhang mit Schach oder Halma nicht schlechter funktioniert hätte. Auch
Fußball ist unser Leben, in dem Fans einen Profi-Kicker entführen, gibt durch seine typisierte Milieustudie letztlich nur vor, vom Fußball und seinem sozialen Umfeld zu erzählen. In Wirklichkeit macht Regisseur Tommy Wigand nichts weiter, als das nostalgisch umwaberte Ruhrpott-Proletariat zu exploitieren – was immerhin nicht ohne Humor abgeht. Bezogen auf den Fußball stehen die Figuren in vielen dieser Filme als passive Konsumenten dar. Sie haben die gleiche Position dem Fußball gegenüber wie auch der Kinozuschauer in seinem normalen Leben: von der Tribüne aus nämlich. In Filmen wie
Fußball ist unser Leben, selbst im erfolgreichen englischen
Fever Pitch, bedeutet das auf der Bildebene, genau die Ästhetik geboten zu bekommen, die sich an jedem Samstag im Fernsehen abspult. Der Kinozuschauer konsumiert gewöhnliche Fußballausschnitte aus der Perspektive eines Konsumenten. Das ist dann also gleich doppelt gewöhnlich und eine Enttäuschung für das Kinoauge. Es ist nicht einsehbar, warum es keine kinogerechte Inszenierung dieses Sports geben soll. Einzelne Sequenzen in Sönke Wortmanns
Das Wunder von Bern können durchaus als einen Schritt in die richtige Richtung angesehen werden.
Solange aber Fußball in der Ästhetik eines
An jedem verdammten Sonntag noch ein Kinotraum bleiben wird, hat er sich neben der Funktion als bloße Handlungsdekoration eine weitaus wertvollere Nische im Film gesucht. Und hier knüpfe ich an die oben angeführte Gemeinsamkeit beider an, ihre Fähigkeit zur Kommunikation mit einem außerlexikalischen Vokabular über jede ethnische und politische Grenze hinweg. Hier endlich treffen sich das Medium Film und der Sport Fußball auf sehr sinnliche Weise.
Der Film hat nämlich den Fußball als Sujet entdeckt, um durch ihn Gesellschaftsbilder zu entwerfen und um auf der Ebene des Plots Brücken zu schlagen zwischen Kulturen. Der 1999 entstandene
Spiel der Götter – Als Buddha den Fußball entdeckte etwa erzählt von den Mönchen eines tibetanischen Exilklosters in Bhutan während der Fußball WM 1998. Regisseur Khyentse Norbu, selbst ranghoher Lama, bedient sich mit Film und Fußball gleich zweier weltlicher Steckenpferde, um vom buddhistischen Klosterleben zu berichten. Der Fußball findet zwar auch in
Spiel der Götter auf der Bildebene nur am Rande statt, doch gründet er die Basis des Allgemeinverständlichen. Er bildet den Zugang zum recht befremdlichen Leben im Kloster. Was in diesem doch recht exotischen Beispiel sehr augenscheinlich wirkt, läßt sich aber zum Beispiel ebenso auf englische Filme übertragen wie
Kick it Like Beckham,
Mein Name ist Joe oder
Fever Pitch. Wird hier über den Fußball erzählt, dann ist dieser keine Hintergrundtapete, sondern fast tragende Figur für den Entwurf eines realistischen Gesellschaftsbildes. Wo der Sport im amerikanischen Sportfilmgenre das Individuum spiegelt, interagiert der Fußball immer häufiger mit dem Bild einer Gesellschaft, reflektiert es und wirft es auf den Zuschauer zurück.
Ein Beispiel eines solchen Films aus Deutschland stellt Adolf Winkelmanns
Nordkurve dar, die fiktionale Studie eines Spieltages in Dortmund. Hier verquickt sich recht vordergründig der Fußball und sein Umfeld zur Sozialstudie par excellance. Als
Das Wunder von Bern herauskam, war überall zu lesen über die soziale Bedeutung der Weltmeisterschaft für die Deutschen 1954. Wortmann hat genau das in seinem Film umgesetzt, wenngleich er ebenfalls versuchte, Spielszenen zu inszenieren – noch dazu aus altem Bildmaterial bekannte. Mit
Das Wunder von Bern ist es Wortmann gelungen, einen Hauch des amerikanischen Sportfilm-Modells in sein Gesellschaftsdrama zu integrieren: Denn mit einem an Dramatik nicht zu überbietenden Fußballspiel löst sich nicht nur für die Hauptfigur (also für das Individuum), sondern auch für die Gemeinschaft ein sozialer Knoten.
Wie perfekt sich der Fußball eignet, um durch ihn Gesellschaftsbilder nachzuzeichnen, beweist wohl das Projekt
Shoot Goals! Shoot Movies!, ein Kurzfilmwettbewerb des Berlinale Talent Campus. In Vorbereitung auf die in Deutschland stattgefundene Weltmeisterschaft 2006 wurden Filmemacher weltweit dazu aufgerufen, Kurzfilme zum Thema Fußball zu drehen. Das Ergebnis war erstaunlich: Fußball und Film als Basis über fünf Kontinente greifender Kommunikation. Es sind Filme entstanden, die vorgeben, über Fußball zu erzählen und damit ein grundlegendes weltweites Interesse wecken. In Wirklichkeit aber spiegeln sie sehr wahrhaftig das gesellschaftliche Umfeld aus den 29 Herkunftsländern der Filmemacher.
Shoot Goals! Shoot Movies! zeigt auf, wie wundervoll sich der Fußball eignet, durch das Medium Film thematisiert zu werden, ohne daß er aufwendig aufgelöst zu werden braucht. Man muß ja nicht gleich mit dem abgeschlagenen Kopf des Despoten Fußball spielen.
2008-09-01 11:08