Herz- und Beinbruch
Ein Blick auf das aktuelle israelische Kino
Von Franziska Schuster
Auf einer Israelreise im April 2008 – kurz vor dem 60. Jahrestag der Staatsgründung am 14. Mai 1948 – begegnen mir in Gesprächen mit jüdischen Filmschaffenden wiederholt drei Aspekte. Der bereits vor Reiseantritt vielfach beschworene und im Lande von Kritikern und Filmemachern gleichsam – mit wenigen Ausnahmen – unangefochtene Konsens besteht darin, daß der israelische Film in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt, der auch auf internationalem Parkett für Aufsehen sorgt sowie darüber, daß dieser Aufschwung in großen Teilen der Reform des israelischen Filmförderungsgesetzes vor zehn Jahren zu verdanken ist. Dieses durchaus berechtigte Eigenlob wird begleitet von und ist zugleich Ausdruck einer rastlosen Suche nach der jüdisch-israelischen Identität, der Geschichte und Gegenwart des Volkes Israel einen eigenen, dringenden Unterton verleihen. Als eine Art Gegenreaktion ist es zu verstehen, daß immer wieder eine mitunter trotzig geführte Diskussion darüber aufkommt, wie mit der Erwartungshaltung des internationalen – und allen voran des deutschen – Publikums umzugehen sei, das in israelischen Filmen stets nach Stellungnahmen zu den »großen Themen« suche: dem Nahost-Konflikt und der Shoah.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Versuch plausibel, die derzeit auch auf vielen deutschen Leinwänden zu sehenden Filme zwei Strömungen zuzuordnen: Geschichten, die sich in den von TV-Nachrichtenbildern dominierten Diskurs über – vereinfacht gesagt – das Existenzrecht des Staates Israel einschalten, versus Erzählungen, die sich politischen Fragestellungen weitgehend entziehen, um sich auf die alltäglichen, zwischenmenschlichen Vorkommnisse zu konzentrieren. »Deine Probleme sind unbedeutend«, sagt in Eran Riklis'
Lemon Tree (2008) ein Soldat zu der Palästinenserin Salma Zidane, die sich gegen die Abholzung ihrer Zitronenbäume an der grünen Linie wehren will, und meint: Das Bedürfnis der Israelis, die Sicherheitsvorkehrungen an vermeintlich sensiblen Stellen zu verstärken, wiege schwerer als der Erhalt einer Plantage, die sich seit Generationen in Familienbesitz befindet. Damit folgt er eben jenem Bewertungsschema, das der Diskussion über »große« und »kleine« Themen zugrundeliegt – und führt es gleichzeitig ad absurdum. Denn letztendlich müssen auch die politischen Ereignisse – und hier setzen die spezifischen Ausdrucksmöglichkeiten des Films überhaupt erst an – auf menschliches Miteinander heruntergebrochen werden, um eine Spielfilmhandlung damit füllen und möglicherweise Erkenntnisse jenseits der Berichterstattung beisteuern zu können. So ist es in
Lemon Tree die Metapher des Zitronenhains, eingebettet in eine Geschichte über Familie, Liebe und eine Annäherung über scheinbar unüberwindbare Grenzen hinweg, die die persönliche Dimension der permanenten Territoriumsverletzung durch die israelischen Besatzer greifbar macht. Das dramaturgische Konzept funktioniert so gut, daß der Film auf der 58. Berlinale zu einem kleinen Überraschungserfolg wurde; nicht zuletzt verdankt er den Panorama-Publikumspreis wohl dem beharrlich intensiven Spiel der Hauptdarstellerin Hiam Abbass.
Auch die ARTE-Koproduktion
Jellyfish – Vom Meer getragen (2007) von Etgar Keret und Shira Geffen kam auf Festivals gut an und gewann in Cannes 2007 die Caméra d'Or für den besten Debütfilm. Ähnlich wie Joseph Pitchhadze in seinem Episodenfilm
Shnat Effes – Die Geschichte vom bösen Wolf (2004) fokussiert das Regie-Duo ausdrücklich nicht auf »israelische« Themen und landet damit, wie das Autorenpaar selbstironisch anmerkt, in der Schublade »merkwürdiger-Film-der-weder-mit-dem-israelisch-palästinensischen-Konflikt-noch-mit-dem-Holocaust-zu-tun-hat«. In geschickt miteinander verknüpften Episoden erzählt
Jellyfish von drei jungen Frauen, die an gebrochenen Herzen oder Beinen leiden und ein wenig unbeholfen ihre Leben wieder in Ordnung zu bringen versuchen. Die wunderschön fotographierte Tragikomödie spielte – wen wundert es nach der Einführung noch – an deutschen Kinokassen das bisher schlechteste Ergebnis außerhalb Israels ein.
Politischer, aber auch tragikomisch kommt die Kibbuzgeschichte
The Galilee Eskimos (2006) von Jonathan Paz (Regie) und Yoshua Sobol (Buch) daher, in der eine Gruppe alter Menschen in einem aufgegebenen Kibbuz sich selbst überlassen wird. In einer letzten großen Anstrengung versuchen die Alten, vergangene Zeiten wiederaufleben zu lassen, müssen aber schließlich doch dem Untergang der früheren Ideale ins Auge blicken. Ganz anders
My Father My Lord (2007), in dem man komische Elemente vergebens sucht: Das preisgekrönte Spielfilmdebüt des aus einer ultraorthodoxen Familie stammenden David Volach ist die monumentale Neuinterpretation der biblischen Erzählung von Abraham, der bereit ist, den einzigen Sohn seinem Gott zu opfern. Obwohl sich der junge Regisseur von seinem familiären Umfeld losgesagt hat, ist
My Father My Lord keine Abrechnung mit der Religion, sondern ein in erster Linie hervorragend gespielter und inszenierter Film – »der beste israelische Film überhaupt«, sagt Hauptdarsteller Assi Dayan (
Liebesleben). Ähnlich ernsthaft, aber viel leiser schließlich der Film
Tehilim (2007) von Raphael Nadjari, in dem ein Familienvater eines Tages wie vom Erdboden verschluckt ist. Daraufhin stürzt seine Frau in finanzielle und der pubertierende Sohn in psychische Nöte, die der Jugendliche durch die Hinwendung zur Religion zu lindern versucht. Das einfühlsam erzählte Drama findet mitten in der israelischen Gesellschaft statt, in der auch die Furcht beim Besteigen eines Linienbusses zum Alltag gehört. Ohne explizite politische Aussage zeigt damit auch
Tehilim, daß eine Trennung zwischen »großen« und »kleinen« Themen und damit eine Kategorisierung des aktuellen israelischen Kinos nicht funktionieren kann, weil jede Zeit untrennbar mit den Menschen verbunden ist, die in ihr leben, lieben, leiden und lachen.
Weitere sehenswerte Filme:
Beaufort (2007) von Joseph Cedar,
Sweet Mud (2006) von Dror Shaul,
Love & Dance (2006) von Eitan Anner und
Close to Home (2005) von Vidi Bilu und Dalia Hager.
2008-06-09 12:42