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Die Arbeit der Montage 2

Montageprozeduren

Von Gerhard Schumm Die Schere als Werkzeug ist lustigerweise immer noch das Symbol für den Filmschnitt. Doch mittlerweile wird an Computern montiert und nicht mehr mit Scheren hantiert. Was aber ersetzt Schere und Filmkitt?

Schnittcomputer besitzen Montagewerkzeuge mit jeweils firmeneigenen Bezeichnungen. Doch sie meinen Gleiches. Jeweils geht es darum, in der Kette aus Bildern und Tönen »einschneidende« Veränderungen vornehmen zu können. Mit diesen Werkzeugen untersucht, variiert und strukturiert die Montage die Form und den Sinn des Materials. Im Detail ermöglichen sie sechs elementare Montageprozeduren: Hinzufügungen und Streichungen am Kettenende (Verketten und Entketten), Einfügungen und Tilgungen, Ersetzungen und Versetzungen innerhalb der Ketten. Spröder ausgedrückt: Montage arbeitet mithilfe der Assemblierung, Disassemblierung, Insertierung, Eliminierung, Substitution und Permutation.

Am digitalen Schnittsystem Avid nennt sich das »Hinzufügen« z.B. »Overwrite«. Mit »Lift« wird diese Prozedur rückgängig gemacht. Dem »Einfügen« entspricht das »Splice-In«. Der zum »Splice-In« komplementären Funktion, dem »Herausnehmen«, entspricht am Avid das »Extract«, dem »Ersetzen« das »Replace« und dem »Versetzen« der »Segmentmode: Extract-Splice In«.

Diese Montagewerkzeuge helfen einem, das Material methodisch – sowohl was seine Form als auch seine Bedeutungsseite betrifft – zu befragen. Sie dienen einem zwar einerseits zur Materialhandhabung. Aber damit verbunden liefern sie zugleich die Methoden der emotionalen und rationalen Erkenntnisgewinnung. Mithilfe der Tools realisiert man eine Materialabfolge. Sobald man spürt, daß etwas noch nicht stimmig ist, erkundet man das Material mithilfe von Montagevarianten. Diese Varianten werden einem Vergleich unterzogen: Welche (formalen und inhaltlichen) Zusammenhänge werden in dieser Version, welche in der anderen deutlicher? Welche Montageversion weist an dieser genauen Stelle größere Trennschärfe, mehr Differenzierung auf? Welche Version hilft, Unzusammenhängendes voneinander abzusetzen? Welches variierte Montagestück dient der Thematisierung, der Spezifizierung des Themas, welches der thematischen Generalisierung, welches dem Themenwechsel? Welche Version erschließt sich beim einmaligen Sehen leichter? Welche birgt mehr Geheimnis? Es gibt hier unendlich viele Fragen, die man sich beim Variantenvergleich stellt, die jeweils von den Montagepräferenzen abhängen, die ein Editor an das Material heranträgt und die das Material ihm zuspielt. Jedes Material will auf seine eigene Art montiert werden und jeder Montierende findet dabei den eigenen Weg.

Das Montagewerkzeug ermöglicht austestendes Probehandeln. Die Eliminierung wird dadurch zur »Weglaßprobe«. Die Insertierung zur »Einsetzprobe«, die Substitution zur »Ersetzungsprobe«, die Permutation zur »Verschiebeprobe«.

Die Verschiebeprobe dient hauptsächlich dazu, die stimmige Plazierung in der Sukzession des Materials auszuloten. Bedeutung und Formwirkungen eines Materialsegments besitzen Mehrdeutigkeit und sind kontextabhängig. Sie erhalten andere Bedeutungseinfärbungen und Anmutungen, abhängig vom jeweiligen Zusammenhang, in dem sie stehen. Material wird aber nicht nur durch den Kontext eingefärbt. Es ist auch kontextstiftend und strahlt inbesondere an das nachfolgende Material ab. Das nachfolgende wird durch das vorausgestellte Material formal und inhaltlich vorbereitet, thematisiert, gefiltert, eingeengt, geweitet oder vom Vorhergehenden abgesetzt. Permutation ermöglicht die Veränderung von Kontexten, und als Verschiebeprobe stellt sie einen Test auf Kontexte dar.

Die Abbildung oben ist ein Diagramm, in dem ich die Montage-Transformationen eines zwölf Minuten langen Dokumentarfilms protokolliert habe. Es ist die abstrakte Darstellung dessen, was in der Montage in grober Näherung geschehen ist. In die oberste Zeile habe ich die Timeline der ersten, aus achtzehn Einstellungen bestehenden Montageversion kopiert. Die unterste Zeile zeigt die Timeline der endgültigen, im Fernsehen gesendeten Filmversion, die neunzehn Einstellungen enthält. Die Grafik zeigt nur den Beginn und das Ende des Montageprozesses. Sie enthält nicht dessen viele Zwischenstufen. Zwischen den beiden Timelines habe ich Linien gezogen, die wie Strippen gespannt sind. An ihnen kann man die Permutationen nachverfolgen.

Zwischen der Entstehung der beiden Timelines liegen 14 intensive Tage Montagearbeit. Das sind Tage, in denen man das Material und seine sequenzielle Plazierung immer wieder durcharbeitet. Und in denen man nachdenkt, nachsinnt, aufspürt und erörtert, was im Material enthalten und verborgen ist. Es geht darum, das eigene Interesse am Material zu klären und der eigenen Weltsicht darauf Ausdruck zu verleihen. Schrittweise nähert man sich durch Verschiebeproben und Vorher-Nacher-Vergleich von Varianten einer stimmigen Materialanordnung und einer montagespezifischen Ausformulierung des Materials an.

Materialsegmente, die zum Beispiel im oben erwähnten Film anfangs am Kettenende plaziert waren, sind im Verlauf der Montagearbeit weit nach vorn in das öffnende, das eingroovende »Vorfeld« des Films verschoben worden. Die ursprünglichen Anfangseinstellungen wurden später in die Mitte gesetzt. Und das, was in der ersten Montageversion im Zentrum, im filmischen Mittelfeld stand, wanderte in das ausklingende Nachfeld des Films.

Mit den Montagewerkzeugen der Assemblierung/Disassemblierung wird – kurzgefaßt – die Einstellungskette auf Basis einer ersten Montageidee aufgebaut. Das anfangs zu nonlinearen Segmenten getrennte Material wird dadurch sequenziert. Es wird in das Nadelöhr der linearen Einstellungskette eingefädelt. Bilder und Töne werden im Overwrite-Modus sozusagen in eine einzige Filmzeile geschrieben bzw. über anderes Material drübergeschrieben. Der Lift-Modus ermöglicht die Korrektur des Vorgangs.

Mithilfe der Einsetzprobe wird ausgelotet, ob bisher nicht verwendetes Material in die Kette zusätzlich eingefügt werden sollte. In der Graphik erkennt man in der unteren Timeline des fertigen Films eine neu eingesetzte Einstellung. Ich habe sie mit einem Pfeil markiert. Das insertierte Material wurde nicht aus der alten Montageversion bezogen. Es wurde in den Filmresten aufgestöbert. Beim Sichten wird vermutlich ein Mangel spürbar gewesen sein. Ein (inhaltliches, emotionales oder formales) Moment der filmischen Formulierung fehlte. Man hatte in den Resten gesucht, hatte das Material probeweise in die Kette eingefügt und sich durch Vergleich vergewissert, ob die alte oder die neue Version der Montageidee näherkäme.

Die Weglaßprobe arbeitet mit Kürzungen. Kürzen ist normalerweise ein überaus zentraler Aspekt der Montagearbeit. Bei dem oben in der Graphik erwähnten Film hatte mich übrigens anfangs sehr überrascht, daß überhaupt nicht gekürzt wurde. Es lag an der geringen Menge des Ausgangsmaterials, daß die Gesamtdauer dieses Films während der Montagearbeit fast unverändert gelassen werden mußte. In der Regel startet man beim Montieren mit längeren Montageversionen und verdichtet, strafft, konzentriert sie schrittweise. Mithilfe der Weglaßprobe entfernt man Materialsegmente, von denen man annimmt, daß sie verzichtbar sind, weil sie einem z.B. als redundant, abschweifend, formal oder inhaltlich aussageschwach erscheinen. Die gekürzte Version überprüft man nun daraufhin, ob sie verglichen mit der Vorgängerversion größere Intensität aufweist und ob die gekürzte Version Tragfähigkeit besitzt. Gerade eine mit Auslassungen, Lücken, Ellipsen arbeitende Montagefolge besitzt oft größere Dichte – hat doch der Zuschauende nun die Möglichkeit, sich den Zusammenhang durch sog. »Interferenzen«, also unbewußte Schlußfolgerungen, selber zu erschließen. Oft jedoch begreift man erst nach einer Tilgung den inhaltlichen und formalen Reichtum des eliminierten Segments. Es fehlt einem einfach. Es muß wieder rein.

Die Ersetzungsprobe hilft beim Montieren, an einer einzelnen Stelle des Films ein Materialsegment mit einem anderen zu ersetzen und durch Vergleich deren beider formale oder inhaltliche Spezifik und ihr Zusammenspiel zu erfassen. Man bindet in denselben Kontext mal das eine Materialsegment und mal das andere ein. Man studiert dabei, wie sich der Kontext auf das jeweilige Segment auswirkt und das Segment jeweils den Kontext einfärbt.

Nicht sämtliche mögliche Montageproben auf dem Weg zum endgültig montierten Film werden tatsächlich am Material durchgeführt und durch Anschauung geprüft. Viele Umstellungen, Kürzungen, Einfügungen spielt man nur in der Vorstellung durch. Erahnt man schon im voraus, daß die Montageidee nicht sonderlich gut sein wird, beläßt man es beim Montieren im Kopf.

Handelt es sich denn nun bei dieser Arbeit der Variantenbildung und des Variantenvergleichs um ein wildes Herumprobieren? Überhaupt nicht. Es ist eine von Ideen, Interessen, Erkenntnissen, Wünschen, Absichten, Präferenzen und Konzepten gesteuerte und dadurch eine sehr gezielte Suche. Dramaturgie ist dabei nur eines von vielen Konzepten. Montieren ist in der Tat ein erstaunlich offenes, flexibles, plastisches Artikulationsverfahren. Montieren bedeutet, überaus frei in Bildern und Tönen imaginieren und denken zu können. Deshalb ist Montage eine so feine Sache. 2010-01-18 10:59

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