— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Rohschnitt

Von Gerhard Schumm Was habe ich kürzlich in einem Filmbuch gelesen? »Der Cutter erstellt seinen Schnitt, indem er die Einstellungen in der vorgesehenen Reihenfolge hintereinander setzt und sie nach Bedarf kürzt.« Echt putzig. Viele stellen sich das so vor. Aber so schlicht ist es nicht. Nicht beim Spielfilm, nicht beim Dokumentarfilm, auch nicht beim Experimentalfilm. Naja, vielleicht bei der Montage von kurzen journalistischen Beiträgen.

Montage ist viel eher die Arbeit, im Material, also in Bildern und Tönen, den späteren Film aufzuspüren. Es geht beim Montieren um ein aufmerksames Suchen, ein Finden, Auffinden und Herausfinden, seltener um ein Erfinden. Montage ist eine entdeckende, aufdeckende Arbeit an der Struktur des Films.

Dokumentarfilme z.B. entstehen meistens erst im Schneideraum. Auch Spielfilme erhalten hier ihre gültige und endgültige Gestalt. Da kann das Drehbuch noch so genau geschrieben und beim Drehen artig befolgt worden sein: Im Schneideraum muß man erkunden, was im Material schlummert, was es zu sagen hat. Und man muß mit einem frischen, unvorbelasteten Blick erforschen, was von den ursprünglichen Vorstellungen, Bildideen und Filmplänen im Material vorhanden ist. Das ist gelegentlich ein feines Wiederentdecken, oft ein wunderbares Neuentdecken, manchmal auch eine kritische Inspektion und heikle Revision.

Wie man das macht, wie man Material auswählt und anordnet, dafür gibt es erstaunlicherweise keine Regeln. Es gibt jedoch Methoden. Allgemeine Methoden und persönliche Methoden. Montagebücher – mit ihren Ausführungen zu Montageregeln – vermitteln da oft einen falschen Eindruck. Glaubt man ihnen, könnte man meinen, der Weg wäre reguliert und vorgezeichnet und es käme nur darauf an, nach allen Regeln der Kunst zu verfahren. Das täuscht.

Montage besitzt keine Verkehrsregeln, keine Rezepte für das Gute und Richtige und keine Tricks gegen böse Fehler. Der einzige mir bekannte Schnittfehler ist: Halbherzigkeit und Lauheit beim Montieren. Montage ist ein erstaunlich offenes Gestaltungsverfahren. Jeder Film muß zu seinem ihm eigenen stimmigen Ausdruck finden. Für jeden Film gilt es, eine – nämlich seine – Sprache erst aufzuspüren.

Montage ist zum einen: Sichten. Das meint die Auseinandersetzung mit dem Material durch superintensives Anhören, Ansehen, durch Nachsinnen und Nachdenken. Immerzu. Tagelang. Wochenlang. Monatelang. Montagelang.

Montage ist zum andern: Materialkomposition. Man muß eine Auswahl treffen und herausfinden, wie das Material angeordnet werden will und wie man es selber anordnen will. Das nennt man Rohschnitt. Hier umreißt man das Ganze: die Makrostruktur.

Montage ist zum dritten: Materialinterpretation und -artikulation. Im bereits angeordneten Material sind Akzente zu setzen, Trennungen und Überbindungen einzuarbeiten. Das Material straffen, ballen, dehnen. Es rhythmisieren. Es phrasieren. Es flüssig oder stockig machen. Das nennt man Feinschnitt. Hier kümmert man sich um die Details der Mikrostruktur.

Diese Prozesse laufen nicht schematisch hintereinandergeschaltet ab. Sie lassen sich nicht stur trennen. In der lebendigen Arbeit durchdringen sie einander. Es hätte auch heißen können: sichtendes Anordnen, auswählendes Sichten, auswählendes Anordnen, anordnendes Auswählen.

Material unter dem Aspekt der Montage zu sichten, bedeutet: einen Blick auf das Material richten, der es als auswählbar, umstellbar, kürzbar, verlängerbar begreift. Das ist ein Blick, der Materialzusammenhänge als veränderbar wahrnimmt. In der Montagearbeit entwickelt man eine besondere Sensibilität gegenüber den eigenen Montageimpulsen und -ideen. Man achtet auf sie. Man merkt sie sich. Man spürt, hier könnte das Material vielleicht in neuer, anderer Weise zueinander oder auseinander stehen, dort würde ich gern etwas zusammen- oder auseinanderrücken wollen. Solchen Blick empfinde ich in seinem spezifischen Veränderungsimpuls als etwas sehr Spezielles. Er ist ein sonderbarer Blick auf Sichtbares und Hörbares. Im Leben schaue ich mir die Umwelt normalerweise so nicht an, daß ich denke, der Baum sollte vielleicht besser hier stehen oder lieber ganz weg sein.

Im Rohschnitt wird die Hauptarbeit der Montage geleistet. Liegt der Rohschnitt vor, weiß man, was der Film will und was gemeint ist. Rohschnitt läßt sich als Festlegung der Auswahl und Abfolge der Einstellungen bestimmen. Die Abfolge entscheidet über Nähe und Distanz von Bildern und Tönen, über ihre Beziehungen und – nicht unwichtig – auch über ihre Nichtbeziehungen. Man stellt Konstellationen im Material her, formt Zusammenhänge zwischen benachbarten und weit entfernten Einstellungen. Doch Trennungen, Einschnitte, Zäsuren, Nichtverbindungen ins Material einzuarbeiten, ist mindestens ebenso wichtig. Es gibt viele Möglichkeiten der Kontaktaufnahme zwischen Bildern und Tönen. Freundschaft und Nähe sind nur eine Möglichkeit. Es können die Bilder auch aufeinanderstoßen, von einander abprallen, sie können eng, lose oder gar nicht zusammenhängen wollen, sie können gegeneinander stehen, sie können sich auseinanderentwickeln. So entwirft man im Rohschnitt durch Auswahl, Anordnung und Variation nach und nach eine Struktur. Entwurf und Material stehen einander dabei nicht gegenüber. Der Montageplan wird nicht auf das Material angewendet und abgearbeitet. Die Idee entwickelt sich vielmehr in Einzelschritten. Material und Idee durchdringen einander und schieben sich wechselseitig voran, in Richtungen, die man weiterverfolgt und auch in Richtungen, die man verwirft.

Feinschnitt beinhaltet die Präzisierung dieser Abfolge an den Schnittstellen. Das sind immer Trennungs- und Verbindungsstellen zugleich. Trennung, weil Getrenntes auf einander trifft. Verbindung, weil das Getrennte sich dicht berührt. Der Feinschnitt interpretiert das Material, indem er an der jeweiligen Schnittstelle die Trennung betont oder indem er sie überspielt und Bindung und Nähe herausstreicht. Markierte Schnittstellen artikulieren die Einschnitte. Maskierte Schnittstellen verbergen den Schnitt. Und es werden Rhythmik und Timing herausgearbeitet. Was ein Film zu sagen, zu zeigen, zu erzählen hat, erkennt man nach dem Rohschnitt. Doch wie er das sagt, zeigt, erzählt, ob flüssig, widerborstig, verborgen, deutlich, mit Tempo oder gestaut, energiegeladen oder schwach, akzentuiert oder unauffällig, weich oder schroff, das weiß man erst am Ende des Feinschnitts. Das unmittelbar Sicht- und Hörbare steht im Zentrum dieser Arbeit: eine Veränderung im Bild, ein Blick, ein Rascheln im Ton, ein Farbwechsel, die Konturen, die Linien in den Bildern. Beim Feinschnitt fährt man mit dem Material hin und her, besinnt sich auf kleinste Bewegungen, Gesten, Sounds, auf Satzmelodie und Timing. Man sieht sich die einzelnen Schnittstellen unglaublich oft an. Dazu muß man so hinschauen und hinhören, als wäre es das erste Mal und muß sich von den Bildern und Tönen überraschen lassen können, aufmerksam und gleichgültig zugleich. Montagemenschen sind auf diese Art gleichsam die ersten Zuschauer des Films. Sie erforschen, was für sie und für andere interessant sein könnte, wie es aussieht, wie es sich anhört und anfühlt. Das ist eine paradoxe Haltung des fremden Blicks: nicht zu zielgerichtet, nicht zu bewußt, nicht zu kritisch. Nicht ganz einfach nach wochenlanger Arbeit, in denen man die Bilder so gut kennt, daß sie einem schon manchmal im Traum wieder begegnen. Aber es funktioniert.

Tja, und was habe ich kürzlich in einem Filmbuch, einem anderen Filmbuch gelesen? »Die Montage ist etwas sehr Angenehmes, Glückvolles. Sie ist ein Prozeß der Intelligenz und der Assoziation. Das macht das Denken fruchtbar. Da bekommt man eine Sympathie für das eigene Gehirn.« 2004-10-01 13:18

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