— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Explosionszeichnung

Montage studieren

Von Gerhard Schumm Gerard Schumm ist Professor für Montage an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« und faßt die wesentlichen Grundlagen des Schnitt-Studiums abseits des technischen Know-Hows in sieben subjektiv gehaltene Kapitel.

Die Möglichkeit eines Montagestudiums gibt es im deutschsprachigen Raum mittlerweile u.a. in Köln, Ludwigsburg, Wien und Babelsberg. Die Sudiengänge sind einander nicht fremd. Viele Studierende kennen einander durch die Zusammenarbeit in Filmprojekten und durch Austauschsemester. Lehrende wissen umeinander durch gegenseitige Einladungen und Vorträge. Die jährlichen Treffen bei Film+ in Köln haben viel zu dieser Verbundenheit beigetragen. Jedes Studium hat ein eigenes Profil. Ich will ein paar Dinge notieren, die ich als Lehrer in Babelsberg für ein solches Montagestudium für wichtig halte.

Kino
Wenn mehrere einen Film zusammen machen, ist viel Sprechen nötig. Arbeit im Schneideraum setzt die Entwicklung einer Gesprächskultur voraus. Es geht um kontroverses, um fragendes, um einfallsreiches lautes Nachdenken. Es ist für ein Studium nicht übel, wenn in den Schneideräumen, in den Kinos und den Fluren und den Seminarräumen ein Klima des unverkniffenen, angstfreien Sprechens herrscht.

TheoPrax
Künstlerische Filmmontage ist: denkende Praxis und praktisches Denken. Künstlerische Tätigkeit ist theoretische und praktische Arbeit in einem. Greifen und zugleich Begreifen. Ich habe die Trennung der Begriffe »Montage« – als gestaltendem Aspekt – und »Schnitt« – als angeblichem mechanischem Moment – nie verstanden. Immerzu liest man es. Ich habe es immer zu überlesen versucht. Denn der Schneideraum ist ein Ort der praktischen Arbeit und des Innehaltens, des Sich-Besinnens, des Nach- und Aufspürens. Die theoretisch-praktischen Momente künstlerischer Arbeit verlangen emotionale Klugheit und sinnliches Denken. Im Studium hat man eine echte Chance, beide Aspekte zusammen zu bringen.

Schnittlauch
Ein Studium sollte den langanhaltenden Blick auf die Sache selbst erlauben, die intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenstand und die Entdeckung der persönlichen Haltung ihm gegenüber. Kann ich mit dem Material etwas anfangen? Berührt es mich? Sagt es mir etwas als Bild, als Sound, als Materialkonstellation? Hat es etwas über die Welt, hat es etwas über die, die es gemacht haben, zu sagen? Welche Ausdrucksmöglichkeit hat dabei die Montage? Soll sie dem Material Zeit zur Entfaltung lassen, soll sie es verdichten? Sollen die Schnittstellen das Material streicheln, verbinden, aufrauhen, trennen, spröde machen? Einen intensiven Blick auf die Sache richten, meint etwas ganz Einfaches und ist doch irre schwer: zu sich selber und hinter der Sache stehen können. Das Schielen zur Seite hin, dahin, was gerade angesagt ist, die gibbrige Suche, was wohl von einem gewollt wird, bevor man rausgefunden hat, was man selber will, bringen nichts.

Bonsai
Ein Montagestudium dient nicht der Simulation späterer Berufstätigkeit. Eine Hochschule ist kein Bonsai-TV. Ein Studium ermöglicht spätere berufliche Tätigkeit und ist dennoch keine Berufsausbildung. Ein Studium zielt auf eine Auseinandersetzung mit den eigenen ästhetischen Erfahrungsprozessen. Es bildet einen Überschuß, ein Reservoir: es dient der Entwicklung eigener Persönlichkeit. Der Herausbildung eigener Intensität, Aufmerksamkeit, Sensibilität, Stärke, Selbsteinsicht, Welteinsicht. Wenn man Glück hat, hält das ein Weilchen.

Beller
Hans Beller sagte mir einmal: »Es ist verrückt, daß kein Studio und kein Sender eine Abteilung für künstlerische Forschung hat. Keine Autofabrik, keine Pharmafirma könnte es sich leisten, ohne Experimente und Forschungsabteilung auszukommen.« Tatsächlich kommt den Filmschulen diese Aufgabe zu. Nur zu erfahren, was gängig und üblich ist – so prickelnd ist das nicht. Dafür braucht es kein langes Studium. Montage besitzt von sich aus eine feine Nähe zum künstlerischen Experiment. Sie bedeutet ästhetisches Probehandeln: Man untersucht Sichtbares und Hörbares auf Getrenntheiten und Zusammenhänge. Man bildet Forschungsreihen, Schnittvarianten, vergleicht und erkundet sie. Das ist Materialforschung der besonderen Art: Neugierig ist sie und voller Überraschungen.

Essen
Ist Kunst wichtig für die menschliche Existenz? Es scheint so zu sein. Essen, Schlafen und Autofahren reichen offenbar nicht aus. Künstlerische Arbeit ist Moment menschlicher Lebenstätigkeit. Nicht jede Montage ist künstlerisch. Nicht jeder Film ist Kunst. Ein Großteil der Filme im TV sind Filmpublizistik, Unterhaltung, Werbung, Information oder sonst was. Man kann damit Geld verdienen. Man kann damit Geld auch für anderes – unter anderem für eigene künstlerische Arbeit – verdienen. Es kann sein, daß solche Lebenstätigkeit mit Erwerbstätigkeit in Einklang zu bringen ist. Es muß nicht sein. Das muß man ausprobieren. Sobald man sich dabei vorfindet, an Filmen zu arbeiten, die man selber weder sehen noch hören will, ist es an der Zeit, mal nachzudenken. Wenn man einen Zyniker sprechen hört und merkt plötzlich, das ist man selber, scheint was schief zu laufen.

Pedal
Montage ist Materialinterpretation, -komposition und -artikulation. Durch Auswahl und Anordnung läßt sie einen Film sichtbar und hörbar werden. Wie in der Musik umfaßt auch die Artikulation an den Schnittstellen ein unglaublich weites Feld von Ausdrucksmöglichkeiten. Schnittstellen können markiert und maskiert, überbunden (legato) und voneinander abgesetzt (non legato) sein. Sie können gebunden, gezupft, gehalten, gehämmert, getragen, stockend, federnd oder explosiv sein. Einst vor langer Zeit – als der Stolz der Cutter sich darauf gründete, daß sie und ihre Montage möglichst unbemerkbar waren – gab es die Regeln des Continuity Editing. Das war wie Klavierspiel mit permanent gedrückten rechten Pedal. (Das ist das Pedal, das alle Töne miteinander verschmilzt und bis zur Unerkennbarkeit weichspült.) Damals gab es Rezepte und böse Schnittfehler. Doch die einzigen Schnittfehler sind Halbherzigkeit und Lauheit. Für jeden Film gilt es, seine Sprache erst aufzuspüren. Dazu gehört Mut. 2005-10-01 22:09

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