— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Mareys Fotographie eines Stabhochspringers

Montagerhythmus: Timing / Pacing

Von Gerhard Schumm Merkwürdig ist das schon: Die wichtigsten Begriffe eines Arbeitsgebiets sind oft am schwierigsten zu erklären. Für den Bereich der Filmmontage trifft das vor allem auf den Montagerhythmus zu.

Jeder Film hat – weil Film ein Bewegungsmedium, ein Zeitmedium ist – eine charakteristische Zeitgestalt, hat also seinen spürbar eigenen Rhythmus. Der kann im Ganzen oder in Teilen fließend, gleitend, stockig, verhalten, gebremst, treibend, kann flexibel oder durchgehalten, kann sanft, ruppig, allmählich, impulsiv sein …. und sicher noch vieles mehr, wofür mir die Worte hier fehlen.

Die Worte fehlen nicht nur mir. Während Musiker einer Band sich in ihren Pausen ganz wunderbar darüber verständigen können, was rhythmisch gelungen ist oder wie es geändert werden sollte, und das auch Tänzern und Sportlern gut gelingt, da sie eine Sprache für die Zeitgestaltung ihrer Arbeit haben, werden Filmemacher bei Fragen der rhythmischen Gestaltung eher still und fangen zu gestikulieren an: weil es fast keine Ausdrücke für die rhythmische Artikulation des Films gibt. Da Begriffe wie »Filmrhythmus« und »Montagerhythmus« so ungeklärt sind, wird mündliches Erklären oft schwierig.

Doch zwei filmische Rhythmusbegriffe lassen sich an Land ziehen: »Timing« und »Pacing«. Beide Begriffe stammen aus amerikanischen Schneideräumen. Sie sind intuitiv gewonnene – und wie ich finde: überaus nützliche – Verständigungsausdrücke der Montagearbeit. Es sind montagespezifische Ausdrücke. Sie zielen allein auf montagerhythmische Aspekte. Sie reichen bei weitem nicht aus, um den globalen Begriff »Filmrhythmus« auszuloten.

Denn Filmrhythmus ist etwas Umfassendes und Zusammengesetztes: In ihm schichten sich die Rhythmen der montierten Töne und Bilder und überlagern sich. Und in ihn geht die rhythmische Bewegung der Sprech- und der Spielhandlung, die Bewegung der Kamera und der Montage, die der Filmmusik und der Filmerzählung – das Erzählte wie das Nichterzählte – ein. Das ist ein riesengroßer Stapel und ein schwer zu erfassendes Gefüge. Da macht es Sinn, sich erst mal auf den überschaubaren Teilbereich »Timing« und »Pacing« zu beschränken. Ein enger Ausschnitt erleichtert Begriffsbestimmungen. Und so kann ich mit dem Definieren frohgemut loslegen.

»Timing« bezeichnet das Zeitfenster einer montierten Einstellung. (Und – aber das lassen wir jetzt beiseite – die Beziehungen der Zeitfenster zueinander.) Ein normales Zimmerfenster hat einen Rahmen und eine Größe. Das Zeitfenster einer Einstellung hat ebenfalls einen Rahmen. Er wird im Prozeß des Montierens durch das »In« und das »Out« festgelegt, also durch den Moment des Einstellungseinstiegs und des -ausstiegs. Und die Größe des Einstellungszeitfensters: Sie ist die Dauer der Einstellung.

Jetzt bräuchte ich eigentlich eine Leinwand, um an einem Filmausschnitt die Bewegung vom In zum Out und ihre rhythmische Konturierung zu demonstrieren. Was machen, wenn man nur bewegungsloses Papier zur Verfügung hat? Ich weiche auf Bilder der Serienfotographie – genauer: der Chronofotographie – aus. Sie hält Filmeinstellungen quasi auf einem einzigen Foto fest. Sie war eine Vorform des Films. Sie ist ein Zwittermedium: Zwar ist sie zeitorientiert, aber dennoch statisch.

Im Jahr 1898 nimmt Étienne Jules Marey dieses Foto eines Stabhochspringers auf. Marey hatte sich für seine Bewegungsstudien eine Fotokamera mit einem speziellen Verschluß konstruiert. Diese zerhackt mit einer rotierenden Blende die gleitende Bewegung und macht aus ihr ein Staccato ohne Bewegungsunschärfe. Es hat mich verblüfft, 50 Jahre später das Motiv des »Hochsprungs ohne Anlauf« auf einem Foto in ähnlicher Weise wiederzufinden. Der Fotograph dieses Fotos heißt Harold E. Edgerton.

Anders als Marey arbeitete Edgerton nicht mit einem rotierendenden Verschluß, sondern mit stroboskopischem Blitzlicht. Anders und höher wird jetzt gesprungen. Es gibt nun diese Einrollbewegung, um Höhe zu gewinnen. Und es gibt diese schraubenförmige Drehung beim Flug über die Latte.

Vor allem aber hat mich an dem Bild beeindruckt: Edgerton ist am Gestaltschluß der Bewegung, am Bewegungsausklang und am Fallakzent an der rechten Bildkante gar nicht interessiert. Er läßt den Springer schwebend und schwerelos in der Luft stehen. Seine Bildmontage bricht am Hebeakzent, mitten im Bewegungshöhepunkt, im horizontalen »Fly Away« ab. Er entscheidet sich für ein anderes Timing – ein anderes In und Out – als Marey. Das von ihm in diesem Foto gewählte Zeitfenster öffnet er im Vergleich zu Mareys Foto zwar an ähnlicher Stelle, wie man an der linken Bildkante sieht. Aber Edgerton öffnet sein Zeitfenster nur zur Hälfte. Die rechte Fensterseite bleibt bei ihm quasi geschlossen und schneidet die Bewegung mitten im Flug ab. Das Timing bewirkt eine andere Zeitgestalt: im Bild sieht man einen unabgeschlossenen, offenen Bewegungsrhythmus.

»Pacing« meint die Abfolge visueller oder auditiver Impulse innerhalb einer Einstellung. (Und es meint auch – aber das lassen wir jetzt wieder beiseite – eine Impulsfolge über mehrere Einstellungen hinweg.) Die Impulse können unregelmäßig sein oder können einen regelmäßigen Puls bilden. Man hat hier also einen Begriff, der für Musiker ein wenig verwunderlich ist: Er schwankt zwischen Metrum und Rhythmus.

Marey hat in seinen Bewegungsfotos auch die Pacingimpulse erforscht und offengelegt. Das Foto zeigt ihn in einer schwarzen Kluft, die er sich für seine Untersuchungen hat nähen lassen. An den Gelenken sind weiße Punkte angebracht. Von Gelenk zu Gelenk sind Gummibänder gezogen. Marey macht aus sich ein lebendes Strichmännchen.

Seine Fotos werden zunehmend zu einer Art »Röntgenaufnahme« der Bewegung. Er abstrahiert immer vom Körper und dessen Masse und reduziert das Sichtbare auf die Bewegung. Das Gegenständliche weicht aus seinen Bildern. Sie werden zu abstrakten Graphiken, werden zu Diagrammen. Man sieht die Bewegung jetzt als Schraffur, als graphische Textur. Und man entdeckt: Sie weist verschiedene Dichte auf. Dort, wo sie geballt und dicht ist, tritt der Fuß auf und stößt sich mit einem akzentuierten schweren Impuls vom Boden ab. Und mit einem Mal werden dadurch im statischen Foto die rhythmischen Bewegungsimpulse des Pacings direkt ablesbar. Was man im bewegten Filmbild als regelmäßigen Puls in der sukzessiven Zeitgestalt erst erspüren und aufspüren müßte, Jules Marey hat es in seinen Fotos unmittelbar augenfällig und anschaulich gemacht. 2006-04-01 16:45

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap