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50 Jahre Oberhausener Manifest

#65 ¦ 01.2012

Mit Beiträgen von Haro Senft, Linda Söffker, Dietrich Brüggemann, Andreas Dresen, Emily Atef, Petra Müller, Matthias Glasner, Irene von Alberti, Sabine Rollberg, Philipp Bräuer, Klaus Lemke, Lars Henrik Gass, Sandra Trostel, RP Kahl, einer Bildstrecke von Anne-Marie von Sarosdy und Illustrationen von Julie Weißbach.
Andreas Dresen am Set von Wolke 9

Wenn es am Ende schneit, habe ich Glück gehabt

Andreas Dresen im Gespräch

Von Dietrich Brüggemann 50 Jahre Oberhausener Manifest – wo stehen wir heute? Ist es wieder so weit? Ist der alte Film tot? Gibt es einen neuen?

Die Fronten verlaufen heute nicht mehr so scharf. Als das Oberhausener Manifest geschrieben wurde, war die Filmindustrie zur Unterhaltung der kleinen Leute da. Es gab wenige Chancen für junge Leute, mit neuen Ideen überhaupt auf die Leinwände zu kommen. Das ist natürlich heute eine komplett andere Situation. Es gibt eine Riesenbandbreite, von Komödien über knallharte Sozialdramen bis hin zur Berliner Schule findet man alles im deutschen Film. Die Filme werden zumindest hergestellt – ob sie auf der Leinwand eine Chance haben, ist eine andere Frage. Insofern ist es jetzt nicht nötig, im deutschen Film einen Aufschrei zu machen, um einer anderen Ästhetik Platz zu geben. Die Möglichkeit besteht, viele Filmhochschulabsolventen nutzen diese Räume auch, gerade für den ersten Film gibt es die ja viel leichter als später. Was ich im Moment allerdings schon feststelle, ist eine Renaissance des biederen Unterhaltungskinos. Das hatten wir in den 90er Jahren schon einmal, wahrscheinlich kommt das in Wellenbewegungen. Damals gab es eine durchaus gelungene Komödie wie Der bewegte Mann und dann die Klone, die in Serie folgten und den Erfolg kopieren wollten. Jetzt gibt es die erfolgreichen Til-Schweiger-Filme und die Eleven, die nun auch anfangen, kleine Til-Schweiger-Filme zu drehen, weil sie auch gern so viel Geld verdienen wollen. Und das finde ich gelinde gesagt zum Kotzen, weil das wenig Originalität versprüht und weil es einem Anspruch von Filmemachen folgt, wo es vorrangig um den Markt geht und weniger um Visionen. Zum Glück gibt es die anderen Filme auch, aber man muß natürlich fragen: Haben die noch Platz auf den Leinwänden? Irgendwann wird es wieder so sein, daß das Publikum überdrüssig ist, die immergleichen Komödienkonstellationen zu sehen, und sich genervt vom deutschen Film abwendet, und das wäre fatal.

Wenn man sich ansieht, was im deutschen Film heute tatsächlich Zuschauer macht, muß man feststellen: Die Mittelklasse ist weggebrochen. Es gibt Til-Schweiger-Filme, die Zuschauer machen, und kleine Filme, die so gut wie gar nicht gesehen werden. Hans-Christian Schmids Lichter haben vor acht Jahren an die 200.000 Leute gesehen. Das ist jetzt schon fast nicht mehr vorstellbar.

Das hat mit Verdrängungswettbewerb in den Kinos zu tun. Es starten so viele Filme, daß die einzelnen Produktionen keine Aufmerksamkeit mehr kriegen. Was auch mit dem Fördersystem zu tun hat. Wenn der Deutsche Filmförderfonds dich fördert, mußt du mit mindestens 35 Kopien in die Kinos. Diese ganzen Filme nehmen sich gegenseitig Platz weg. Welcher Filmjournalist blickt noch durch, wenn an einem Donnerstag acht bis zehn Filme starten? Wie soll der einzelne Film noch Raum kriegen, vielleicht über längere Zeit sein Publikum zu finden? Das führt dazu, daß sich anspruchsvolle Filme gegenseitig von den wenigen Plätzen verdrängen, die Auswertungszeiten immer kürzer und die Kopienzahlen höher werden. Über kurz oder lang führt das zum Verleihersterben. Das hatten wir auch schon mal.

In Deutschland stand in den 50er Jahren quasi ein riesiger Elefant im Raum. Man hatte die Nazizeit irgendwie hinter sich gebracht und wollte gar nicht so genau wissen, wer eigentlich schuld hat und was schiefgelaufen ist. Man hat die Ärmel hochgekrempelt und das Wirtschaftswunder angepackt, aber man spürt immer die Angst, ein gewisses Thema zu berühren, und das macht die Filme dieser Zeit oft etwas lähmend. Ich habe das Gefühl, daß wir heute wieder so ein Klima haben, wo man sich mit bestimmten, gleichwohl ganz anderen Dingen überhaupt nicht beschäftigen will. Wir sprachen gerade davon: Leute haben richtiggehend Bammel davor, sich Halt auf freier Strecke anzuschauen…

Wobei ich das aus menschlichen Gründen schon irgendwo nachvollziehen kann. Das Kino kann und soll auch ein Spektrum abdecken. Es wäre ja schrecklich, wenn in den Kinos nur noch schwerste Sozialdramen laufen würden. Ich habe auch nichts gegen eine gut gemachte Komödie, und wenn ein deutscher Film vier oder sechs Millionen Zuschauer macht, ist das gesund für die gesamte Branche. Es ärgert mich nur, wenn diese Filme ihre Klone nach sich ziehen und daß dann Kollegen nicht originell genug sind, ihren eigenen Weg zu gehen. Und dann entsteht eine Welle von mittelmäßigen Filmen. Dabei ist eine vitale Filmindustrie auch dazu da, sich selber immer wieder neu zu erfinden und das Kino neu zu beleben, mit neuen Gedanken und Entwürfen von der Welt und auch vom Film selbst.

Wobei Deutschland ja mit allem, was irgendwie Komik enthält, so seine Probleme hat. Sowohl damit, es herzustellen – der schlechte Klang des Wortes »Komödie« kommt ja von vielen schlechten Komödien, die man gesehen hat, so daß man irgendwann das Wort nicht mehr in den Mund nehmen will. Und auch in der Wahrnehmung: Der deutsche Intellektuelle kann Komik oft nicht so recht würdigen. War vielleicht der Hauptfehler der 68er und des Jungen Deutschen Films, daß sie humorlos waren?

In Komödien waren sie wirklich nicht die stärksten. Und sie haben es ja spätestens in den 80ern auch geschafft, das Publikum aus den Kinosälen zu vertreiben. Komödie war das, wovon man sich abgrenzen wollte. Das Oberhausener Manifest zielte ja eher darauf, den Finger der Filmkunst wieder in gesellschaftliche Wunden zu legen. Das ist natürlich nicht unbedingt lustig, wobei auch das eigentlich in Komödien passieren kann.

Oder in Filmen, die Komik zulassen, ohne deswegen Komödien zu sein.

Man muß ja nicht immer so sauber im Genre erzählen. Das Leben richtet sich ja auch nicht danach, ob es tragisch oder komisch sein soll. Häufig ist in einer Situation beides vorhanden. Es muß diese Umschlagpunkte geben. Ich persönlich mag das sehr, so ambivalent zu erzählen, daß sich das gegenseitig durchkreuzt. Das ist das menschliche Leben mit all seinen Facetten, und das gehört ins Kino. Kino ist kein Ort für weltanschauliche Diskurse, da kann man am Leben von Menschen teilhaben und indem man mit dem auf der Leinwand gelebten Leben seine eigene Wirklichkeit abzugleichen beginnt, macht man Erfahrungen. Und darüber hinaus ist das Kino ja auch ein Ort für gemeinschaftliches Erleben. Es gibt für mich nichts Schöneres, als in einem vollen Saal mit Leuten zusammenzusein und gleiche Gefühle zu teilen. Deswegen sitze ich so gerne im Kino. Aber nicht in einem leeren!

Wann ist dir das Oberhausener Manifest zum ersten Mal begegnet?

Als ich das erste Mal anfing, mich für Film zu interessieren, und mir die ersten Filmbücher aus dem Westen mitbringen ließ, das muß Ende der 70er Jahre gewesen sein. Lustigerweise habe ich mit einem meiner ersten Studentenfilme, So schnell es geht nach Istanbul, den Preis der Unterzeichner des Oberhausener Manifests gewonnen. Ich hatte da also Berührungspunkte, fand es aufregend und finde es auch nach wie vor spannend. Immerhin hat es da mal eine junge Generation von Filmemachern geschafft, aufzustehen und zu sagen: Hier sind wir. Ich würde mir manchmal wieder so eine Art von Selbstbewußtsein in der Branche wünschen. Auch wenn man das falsch finden mag, aber manchmal gehört auch diese Abgrenzung dazu. Es war ja auch damals nicht konform. Die wurden runtergemacht, die ganze Filmjournaille war gegen sie, jahrelang hat man sich lustig gemacht über die Unterzeichner des Oberhausener Manifests. Aber zu sagen: Hier sind wir und wir wollen etwas. Nicht: Hier sind wir und wollen gern möglichst schnell reich und berühmt werden – das ist etwas, das ich sehr respektiere.

Man wird heute leicht in die Position eines Schülers manövriert. Eine ungute Position zum Filmemachen ist ja: Unter pädagogischer Fuchtel. Eine Krankheit vieler Debüts. Die dann auch mit ihren Figuren pädagogisch umspringen. Am Ende hat unsere Hauptfigur etwas gelernt, kriegt ein Zeugnis und darf in die nächste Klasse gehen.

Was man von den Oberhausenern lernen kann, ist eine gewisse Frechheit. Ein Anspruch an die Welt, an die Filmkultur. Daran kann man sich dann reiben. Nicht alle haben ja diesen Weg bis zuletzt eingeschlagen. Viele von den Erstunterzeichnern kennt man gar nicht. Mit dem Neuen Deutschen Film werden viele Namen in Verbindung gebracht, die da gar nicht drinstehen. Ich finde eine Art Manifest als Aufschrei in bestimmten filmpolitischen Situationen durchaus hilfreich, und manchmal würde ich mir auch wünschen, mit Kollegen enger in Kontakt zu sein. Mit einigen bin ich das auch. In manchen Situationen ist es wichtig, zusammenzurücken und zu sagen: Bis hierher und nicht weiter. Es gibt Dinge, die kann man besser gemeinsam bewältigen. Heutzutage gibt es ein paar filmpolitische Fragen, wo eigentlich die gesamte Branche zusammenhalten müßte, wenn es zum Beispiel darum geht: Schafft man es endlich mal, Film so weit vom Rummel wegzurücken, daß ein Land sich bereiterklärt, das in die Bildung einfließen zu lassen? Warum spielt Film eigentlich in der Schulbildung so gar keine Rolle?

Wird da nicht schon dran gearbeitet? Es wurde doch schon vor Jahren eine Art Kanon verabschiedet…

In der Praxis kostet es Geld. Du mußt Lehrer ausbilden, Materialien bereitstellen, einzelne Schulen machen das, aber in den Lehrplänen ist es nicht drin, und das ist fatal. Film und audiovisuelle Medien sind eine Sache, mit der Jugendliche viel mehr zu tun haben als mit der Oper des 19. Jahrhunderts. Ich mag auch Oper, aber eigentlich müßte man die Jugendlichen erstmal heranführen an das, was mit ihnen passiert, wenn sie Bilder mit Tönen sehen, und wie Wirkungen funktionieren. Die ungebildeten Jugendlichen von heute sind die Filmzuschauer von morgen. Wenn das so weitergeht, werden wir für unsere tollen Arthouse-Filme kein Publikum mehr haben, die Leute gehen dann nur noch ins Multiplex, weil sie keine Haltung zu Film und nie vermittelt bekommen haben, daß Kino mehr sein kann als in dicken Sesseln zu sitzen, zwei Stunden lang die Welt zu vergessen und Popcorn zu fressen. Und das hat damit zu tun, daß die bürgerliche Welt Film noch nicht so richtig in ihren kulturellen Schoß aufgenommen hat. Das merkt man im Bildungsbereich, man merkt es aber auch daran, daß am anderen Ende Filme nicht vernünftig archiviert werden. Ich möchte nicht wissen, wie viele Filme in den letzten Jahren schon verlorengegangen sind. Eigentlich müßte ein Land doch sammeln, damit man in 20 Jahren sehen kann: Welche Filme entstanden damals und wie sah es da aus im Land und den Seelen? Filme sind ja auch Zeitzeugen. Bei solchen Aufgaben würde ich mir viel stärker wünschen, daß die Filmakademie da reingeht und sich nicht immer nur um den deutschen Filmpreis kümmert, den ich nun nicht so bedeutend finde, daß er eine Akademie mit über 1.000 Mitgliedern das ganze Jahr beschäftigen müßte. Ich gehe schon nicht mehr zu den Versammlungen, weil es dort meist nur um den Filmpreis geht. Ich finde es ja schön, wenn mal alle Kollegen alle Filme sehen, immerhin wird dann mal darüber geredet. Aber immer nur darüber zu diskutieren, welches Auszählungsverfahren nun das gerechteste ist, dafür ist mir meine Zeit zu schade.

Man hat manchmal die Sehnsucht, eine Band zu sein, die nur von den Leuten lebt, die sie auch tatsächlich hören wollen, die auf die Konzerte kommen und von denen ich sicher weiß: Die sind wegen mir da und nicht weil ich öffentlich gefördert bin. Wenn man sich das eigene Filmschaffen und das der anderen anschaut, dann weiß man nicht so genau: Man hängt an öffentlichen Töpfen, stellt man da ein Kulturgut her, das gemäß den Regularien des Förderinstituts zur Aufführung gebracht wird und dann war’s das? Es gibt eine Sehnsucht nach dieser Lebendigkeit, man wäre gern eine Band, die sich den Arsch abspielen muß, aber wenigstens weiß: Die Leute wollen uns tatsächlich hören.

Die Band hat aber den Vorteil: Die braucht zwei Kästen Bier, trifft sich ein paar Abende im Probenraum und kann ihr Programm spielen, wenn sie die Instrumente einigermaßen beherrscht. Um einen Film herzustellen, braucht man meistens aber doch ein bißchen Geld. Für eine bestimmte Art braucht man auch ein bißchen mehr Geld. Ich mache nun keine teuren Filme, aber ein Minimum braucht man da auch. Der Bandgedanke ist toll – ich mache das ja mit meinen kleinen Produktionen teilweise so. Wir haben bei Halbe Treppe einen Film zwar nicht ohne öffentliche Gelder, aber ohne Förderung hergestellt. Trotzdem habe ich selber leider nicht so viel Kohle, daß ich einen Film aus eigener Tasche finanzieren könnte. Das geht wohl den meisten so.

Und dann würde man es sich wünschen, daß die Arbeit einem aus den Händen gerissen wird und im Kino läuft und Leute da reinzieht. So wie es in den 50er Jahren war, bevor das Oberhausener Manifest geschrieben wurde.

Das waren aber keine Low-Budget Filme. Das waren teuer produzierte Heimatschinken mit Wein, Weib und Gesang. Wobei man das 50er-Jahre-Kino nicht auf diese Filme reduzieren darf. Es gab auch Bernhard Wicki, Helmut Käutner…

Es gab eine Art verlorene Generation von Leuten, die vom Jungen Deutschen Film weggefegt wurden und im Gedächtnis untergegangen sind.

Große Regisseure, die auch nach den 68ern noch Filme gemacht haben. Man darf das 50er-Jahre-Kino nicht nur über einen Kamm scheren. Im DDR-Kino sah es noch mal anders aus. Da gab es kein Oberhausener Manifest, es gab aber die Filmregisseure, die Mitte der 60er Jahre aufgestanden sind und sagten: Wir müssen unsere eigene Realität in diesem Land mal abbilden. Mit dem Ergebnis, daß eine gesamte Jahresproduktion der Defa in den Keller wanderte. Da waren große Regisseure betroffen wie Kurt Maetzig, der die beiden Thälmann-Filme gedreht hatte und dem das 65er Verdikt über Das Kaninchen bin ich das Genick gebrochen hat. Da gab es eine ganze Reihe, die das erwischt hat.

Ich selber stamme aus dem Westen, habe aber irgendwie das Gefühl, an der HFF in Babelsberg ein wenig von der Defa adoptiert worden zu sein. Die Art, wie man auf Menschen schaut, und die Dokumentarfilmtradition, das ist eine Linie, die auch mich beeinflußt hat. Nicht daß einem irgendwelche Lehrer das aktiv beigebracht hätten, aber man sieht sich um und merkt, daß man in einer Tradition steht, in der ein anderes Interesse am Menschen herrscht als im Kino des Westens.

Das kann ich schwer beurteilen. Natürlich wurde man an der HFF allein schon durch die Dokumentarfilmausbildung erstmal auf die Straße getrieben zu den Leuten. Das war zumindest 1986 so, als ich angefangen habe. Übrigens gar nicht zu meiner eigenen Freude. Ich fand das zu Anfang nicht so toll, daß ich da Dokumentarfilme drehen sollte. Ich habe das im Nachhinein erst als Qualität begriffen und praktiziere bis heute den Ansatz, sich erstmal die Realität anzugucken, bevor man überhaupt eine Kamera einschaltet. Um auf das Oberhausener Manifest zurückzukommen: Im Osten ist tatsächlich eine andere Entwicklung gelaufen. Es gab in den 50er Jahren die Sparte Heimatfilm, Komödie, es gab aber auch die großen Stoffe, die die Auseinandersetzung mit der Nazizeit probiert haben. Das begann ja schon mit der Gründung der Defa, mit Die Mörder sind unter uns von Wolfgang Staudte oder Ehe im Schatten, es gab in den 50er Jahren auch Propagandaschinken wie Thälmann – Sohn seiner Klasse. Und es gab damals schon Filme, die Probleme bekamen. Sonnensucher, einer der ersten Filme von Konrad Wolf, der sofort eingekellert wurde, weil er sich mit Problemen der Arbeiterklasse beschäftigte. Eigentlich war die DDR doch der Staat der Arbeiter und Bauern, aber die Probleme und das wirkliche Leben sollten auf der Leinwand nicht vorkommen. Insofern ist es interessant, daß das Oberhausener Manifest 1962 genau zu einem Zeitpunkt kam, wo die Mauer seit einem Jahr zu war. Zum gleichen Zeitpunkt begann im Osten etwas ganz ähnliches, wenngleich aus anderen Gründen. Den DDR-Filmschaffenden wurde ja immer erklärt: Wir müssen aufpassen, daß wir hier nicht ausbluten, der Klassenfeind hört mit, wir können hier nicht so offen sprechen, deswegen wurden bestimmte Dinge nicht thematisiert, zumindest wurde das als Vorwand benutzt. Als die Mauer dann zu war, hat man zurecht gesagt: Jetzt sind wir doch unter uns, jetzt können wir doch auch mal offen sprechen und benennen, was hier eigentlich schief läuft. Es wurden dann auch eine ganze Menge Filme entwickelt, die 1965 zum großen Eklat führten, als sie plötzlich alle rauskamen. Initiiert worden war es aber ungefähr zum gleichen Zeitpunkt.

Wie weit hat man eigentlich die Entwicklung im Westen verfolgt?

Man hat im Osten mehr die Entwicklung im Westen verfolgt als umgekehrt. Man war in der DDR darauf angewiesen, den Fernseher und die Kinoleinwände als Fenster zur Welt zu benutzen. Ich weiß noch, mit welcher Lust wir zur Dokumentarfilmwoche nach Leipzig gefahren sind. Wir wollten unbedingt da die ganzen Filme sehen. Da konnten wir endlich die Welt sehen, die wir sonst nicht zu sehen kriegten. Man traf plötzlich die Kollegen von überall, konnte sich mit denen unterhalten, plötzlich war dieses geschützte, in sich ruhende System DDR aufgebrochen. Deswegen gab es im Osten eine ganz große Neugierde. Ich habe nach der Wende die Erfahrung gemacht, daß ich sehr viel mehr Filme aus dem Westen kannte als meine Westkollegen, die sich in der osteuropäischen Produktion so gut wie gar nicht auskannten.

Soweit ich weiß, hat man damals achselzuckend nicht zur Kenntnis genommen, was die da hinter ihrer Mauer machen.

Wir haben im Osten schon eine ganze Reihe Filme gesehen. Fassbinder, Fellini, Bertolucci, Truffaut, Wicki, Margarete von Trotta, das lief alles in der DDR im Kino, zum Teil äußerst erfolgreich. Und was man nicht zu sehen kriegte, guckte man sich sowieso im Westfernsehen an. Da kamen diese Filme zum Glück noch um 20 Uhr 15. Jetzt müßte man bis spät in die Nacht aufbleiben. Ich erinnere mich, daß ich Freitagabend in der ARD Woody Allen gesehen habe. Jetzt läuft das irgendwie um Mitternacht, wenn überhaupt.

Wenn man 1962 überlegt hätte: Was ist in 50 Jahren, hätte man möglicherweise gedacht, da fliegen wir in atombetriebenen Autos herum und Kinos wird es nicht mehr geben, weil man sich jeden Film sofort auf die Netzhaut beamen lassen kann. Da hat sich dann doch vergleichsweise recht wenig geändert. Was ist in 50 Jahren?

Es wird immer noch Kinos geben. Als das Kino entstand dachte man auch mal, das wäre der Tod des Theaters. Es wird natürlich keine Filmkopien mehr geben. Ich selber bin da auch nicht so ein Nostalgiker. Mich würde überhaupt nicht stören, wenn von meinem Film keine Filmkopien mehr hergestellt würden. Ich brauche das nicht. Von mir aus muß das da hinten nicht rattern und das Bild zappeln und ich mich in Abhängigkeit vom Vorführer begeben, daß der den Aktwechsel halbwegs richtig hinkriegt.

Steven Soderbergh wurde mal gefragt: Vermissen Sie eigentlich den 35mm-Film? Und gab zur Antwort: In den 60er und 70er Jahren gab es in Hollywood eine Freiheit des Erzählens, eine Experimentierfreude, die vermisse ich sehr, aber doch nicht diese alten Filmbüchsen.

Genau! Und die kleinen digitalen Kameras eröffnen uns wiederum ein unglaubliches Experimentierfeld. Halbe Treppe, Wolke 9, Halt auf freier Strecke hätte ich ohne diese Kameras allesamt nicht machen können. Das wäre unbezahlbar. Ich bin dankbar für die Entwicklung dieser Technik. Mir ist eigentlich egal, mit welcher Technik die Bilder auf die Leinwand projiziert werden, so lange sie etwas zu erzählen haben. Wichtig ist, daß man etwas zu sagen hat mit den Geschichten, daß man sich der Welt und damit auch dem Zuschauer zuwendet und versucht, eine Form dafür zu entwickeln, die immer wieder das Kino herausfordert. Da schließt sich der Kreis: Film muß als Kulturgut anerkannt werden und nicht nur als etwas, wo man mit großem industriellen Pomp einen Haufen Knete macht.

Genau das war ja die Forderung der Oberhausener: Es muß Kulturgut werden.

Insofern ist diese Forderung immer noch aktuell. Aber es ist eher eine politische Frage als eine Frage der Filmkünstler. Die müssen natürlich beweisen, daß es Kulturgut ist, aber es muß in einer Gesellschaft auch zur Kenntnis genommen werden, daß das Kino in den letzten Jahrzehnten eine Kette von Meisterwerken hervorgebracht und das Leben der Menschen in den letzten 100 Jahren durchaus beeinflußt hat. Und deswegen ist es wert, damit sorgsam umzugehen, es zu archivieren, und Jugendlichen beizubringen, wie sie mit Bildern manipuliert werden, wie sie Bilder richtig lesen, und daß Bilder eine Geschichte haben. Es gibt die Art von Filmen, die die Oberhausener damals machen wollten und die damals wenig Platz hatten. Es war ein Aufschrei, daß die Gesellschaft neben dem kommerziellen Schrott Platz machen muß für ein Kino, das einem anderen ästhetischen und inhaltlichen Anspruch folgt. Dieses Kino existiert jetzt. Die Frage ist bloß: Wo findet es heute seinen Platz?

Wobei du ja einer der wenigen hierzulande bist, die beides hinkriegen.

Ich mach mir darüber nicht so furchtbar viele Gedanken. Ich versuche auf Leute zuzugehen. Ich möchte keine Filme machen, die nicht gesehen werden, aber das heißt nicht, daß ich in der Herstellung Kompromisse eingehe. Ich versuche, so ehrlich wie möglich zu sein. Ob der Film dann kommerziell ist oder nicht, weiß man immer erst hinterher. Ich hätte bei Wolke 9 nie gedacht, daß wegen so einem Film eine halbe Million Leute in die Kinos gehen, ich habe das ehrlich gesagt für einen Experimentalfilm gehalten, und so haben wir ihn auch gemacht. Bei Whisky mit Wodka war ich umgekehrt eher überrascht, daß da nicht so viele Leute reingegangen sind, obwohl der Film nach meinem Gefühl eigentlich viel kommerzieller war. Woran man mal wieder sieht, wie man sich täuschen kann. Ich habe mich da so oft geirrt, gerade was meine eigenen Produktionen betrifft, daß es auch wenig Sinn hat, so anzusetzen: Ist die Idee gut, weil ich glaube, daß da viele Leute reingehen werden? Ich hoffe immer erstmal, daß die Idee mich selber ein Jahr lang interessiert. Das ist ja schon mal viel. Wenn man ehrlich bei der Herstellung ist, hofft man, daß es auch für andere interessant ist. Natürlich kämpfe ich dafür, meinen Film so zu erzählen, daß er die Menschen irgendwie berührt. Aber da denke ich weniger über Kommerzielles nach. Wer hat den Stein der Weisen? Die Leute, die immer sagen, wer besetzt werden muß, damit der Film erfolgreich wird? Gibt es in Deutschland einen Star, der so groß ist, daß er die Leute ins Kino zieht?

Stars sind ja angeblich sowieso nicht dazu da, Zuschauer ins Kino zu bringen, sondern den Film in die Medien.

Es hat sich aber oft genug gezeigt, daß die Leute dann trotzdem nicht ins Kino gehen, wenn der Film sie aus irgendeinem Grund nicht interessiert. Ich finde das auch schön. Es gibt dem Kino die eigene Magie. Zum Glück ist der Geschmack der Zuschauer noch nicht von Technokraten diktiert. Es gibt immer wieder die Ausbrüche, wo selbst die Industriellen in der Branche überrascht sind. Das gehört zur Magie des Ortes, daß man es nicht bis ins Letzte ausrechnen kann, und das finde ich auch sehr beruhigend.

Was könnten wir uns von anderen Ländern abschauen?

Schau dir an, was z.B. ein Ken Loach-Film in Frankreich für Zuschauer macht und in Deutschland. Da kann man sich schon was abschauen.

Jeder beneidet die Franzosen um ihre Filmkultur. Ich war mal in Nantes auf einem kleinen Deutsche-Filme-Festival, um 10 Uhr morgens lief in einer Schulvorstellung Die Welle, wir wollten uns den endlich mal angucken und sind einfach einer Schulklasse hinterhergelaufen, weil wir dachten, das wird schon die einzige Vorstellung um die Zeit sein. Das war dann aber nicht Die Welle, sondern Manche mögen’s heiß im englischen Original mit französischen Untertiteln. Eine ganz normale Unterrichtsveranstaltung, die nichts mit dem Festival zu tun hatte, aber selbstverständlich im Kino stattfand und nicht in einem Multimedienraum.

Da fängt es an. Ein tiefergehendes Interesse dafür zu wecken, was Bilder für eine Bedeutung haben. Man sieht es immer an den Zuschauerzahlen von Arthouse-Filmen, die mir wichtig sind – wenn der letzte Film von den Dardenne-Brüdern in Deutschland mit 20.000 Zuschauern nach Hause geht, kannst du sicher sein, daß er in Frankreich 300.000 macht, wenn nicht mehr. Das deprimiert mich, daß es Filme gibt, die ich persönlich sehr liebe, die hier in Deutschland aber keiner guckt. Ich habe mich ja schon enorm gefreut, daß ein Meisterwerk wie Nader und Simin in Deutschland über 100.000 Zuschauer gemacht hat. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Aber in Frankreich hat er über eine Million gemacht.

Es gibt ja die Theorie, daß die Kultur, die der Adel im 18. Jahrhundert pflegte, diese ganzen uneigentlichen, oberflächlichen Freuden des Lebens zu kultivieren, in Ländern, in denen eine bürgerlichen Revolution erfolgreich war, vom Bürgertum erobert wurden. In Ländern, in denen die bürgerliche Revolution eben nicht erfolgreich war, wurden diese Dinge stattdessen diffamiert, weil man sie nicht haben konnte. Wir Deutschen sind nicht elegant, sondern innerlich, wir leben aus unserer Herzensbildung heraus, der ganze oberflächliche Tand vermag uns nicht zu täuschen. Wir haben nicht Mode, wir haben Anziehsachen.

Das hat auch mit der in Deutschland üblichen Trennung zwischen E- und U-Kultur zu tun. Da gibt’s halt bestimmte Filme, die haben Anspruch, das muß ja dann langweilig sein, und umgekehrt: Alles, was unterhaltsam ist, kann keinen Anspruch haben. Ich finde das abstrus. Warum muß da ein Widerspruch sein? Warum kann ich nicht auf eine Art, die für Menschen unterhaltsam ist, auch schwere Themen erzählen? Für mich ist ein Film, in dem ich mich nicht langweile, schon unterhaltsam. Ich setze mich da rein und bin eingeladen zu einer Reise. Ich will auch im Kino nicht über die Machart eines Films reflektieren, ich will etwas erleben und nach ein paar Minuten vergessen haben, daß ich einen Film sehe.

Schade, daß das Wort »Unterhaltung« so einen schlechten Klang hat.

Das finde ich auch fatal. Das ist übrigens auch eine Folge des Oberhausener Manifests. Man wollte sich vom Unterhaltungskino abgrenzen und hat es als ganzes denunziert. Das heißt ja übrigens nicht, daß die Filme der Oberhausener alle langweilig gewesen wären. Da gab es durchaus unterhaltsame Filme.

Zur Sache, Schätzchen ist aber dann doch ein Einzelstück geblieben.

Das kann man so sagen, ja. Aber bestimmte Fassbinder-Filme würde ich auch zum Unterhaltungskino zählen. Es gibt da ein paar Sachen, wo ich drinsitze und mich vergesse, weil es toll gemacht ist. Großartige Schauspieler und alles, was zum Kino dazugehört.

Ich saß mal mit einem Kollegen zusammen, der eher im Arthouse-Bereich unterwegs ist, und er sagte zu mir: Wir haben ja einen unterschiedlichen Ansatz, du willst ja schon unterhalten, oder? – Nein. Ich will erzählen. Ich setze mich doch nicht hin und überlege: Was ist am unterhaltsamsten. Ich will so erzählen, daß es die Leute betrifft. Daß es in den Herzen und Köpfen ankommt. Eine Nebenwirkung davon ist dann, daß sie sich unterhalten fühlen.

Ich will schon die Menschen unterhalten. Die sollen da reingehen…

…und sich nicht langweilen.

Und das würde ich schon als Unterhaltung bezeichnen. Ich gehe ja auch nicht ins Kino, um mich zu langweilen. Ich will da reingehen…

…und mich kurzweilen.

Genau. Die Leinwand soll aufgehen, ich möchte vom ersten Bild an ganz gefesselt sein und nach anderthalb Stunden völlig überrascht, daß es jetzt leider schon zu Ende ist. Wie bei einem guten Roman, wo man zum Schluß sieht, daß es immer weniger Seiten werden, und sich schon ärgert, daß man diese Welt bald verlassen muß. Das heißt nicht, daß ich mir die ganze Zeit auf die Schenkel klopfe. Es kann auch heißen, daß ich die ganze Zeit weine. Das ist genauso Unterhaltung.

Hätten die Oberhausener vielleicht nicht sagen sollen: Der alte Film ist tot, sondern hätten sie sagen müssen: Der alte Film muß verdammt nochmal besser werden?

Daß etwas tot ist, heißt ja nicht, daß man nicht auf Erfahrungen aufbaut. Das Unterhaltungskino hat ja Erzählformen entwickelt, die es wert sind, bewahrt zu werden. Die man neu mit Inhalten füllen kann. Man muß nicht alles über Bord werfen, um etwas neues zu erfinden.

Diese Spaltung: Eine Gruppe definieren, sich davon abgrenzen und sagen: Wir sind ganz anders. Das hat mit uns nichts zu tun.

Indem man sich von einer bestimmten Art, Film zu erfassen, komplett abgrenzte, hat man über die lange Distanz die Zuschauer verloren. Letztendlich wäre es vermutlich klug gewesen, mit bestimmten Regelwerken des verfluchten 50er-Jahre-Kinos zu arbeiten und das mit anderen Inhalten zu füllen.

Geissendörfer ist ja durch die Institutionen marschiert und bei der Lindenstraße gelandet.

Aber er hat auch immer wieder seine Kinofilme durchgezogen. Das finde ich erstaunlich, daß alle paar Jahre ein Kinofilm von ihm kommt. Er probiert irgendwas aus, verliert damit Geld, weil die Filme vermutlich nicht laufen, aber er macht es trotzdem.
Ich finde es ja auch wunderbar, wenn ein bis zweimal im Jahr eine deutsche Komödie auf sechs Millionen Zuschauer kommt. Ich finde nur, sie sollte originell sein. Sie sollte eine eigene Intention haben. Das stupide Wiederholen von Erfolgsrezepten bringt Kino um.

Funktioniert aber leider.

Auf Dauer nicht. Die Leute sind nicht doof. Sie wollen am Ende doch überrascht werden.

Hollywood macht es uns ja vor, wenn von den erfolgreichsten zehn Filmen eines Jahres acht eine Zahl hinter dem Titel tragen…

Aber Hollywood ist doch, was die Ästhetik betrifft, weitgehend tot. Mittlerweile gibt es die interessantesten Entwicklungen im amerikanischen Fernsehen. Die Serienformate sind viel innovativer und mutiger als das, was im Mainstream-Hollywoodkino passiert.

Wobei einige der großen Erfolge zuletzt doch auch Filme waren, von denen man es nicht gedacht hätte. Black Swan, The Social Network, The King’s Speech – das sind ja eigentlich Arthouse-Filme, die aber enorm eingeschlagen haben. Vielleicht auch, weil sie keine »2« hinter dem Titel haben und das Publikum sich da mal sehr freut.

Das sind auch nicht wirklich Arthouse-Filme. Das ist mainstreamiger Arthouse…

Es ist aber auch nicht Alvin und die Chipmunks.

Stimmt.

Würde man sich so etwas nicht in Deutschland wünschen? Filme, die selbstbewußt daherkommen und etwas ganz eigenes in die Welt setzen…

Black Swan hatte einen ganz innovativen Umgang mit dem Genre. Man kann das mögen oder nicht, aber es ist auf jeden Fall eine neue Art, mit Erzählformen zu spielen und das auch mit einer Philosophie zu unterbauen. Das fand ich durchaus spannend. So etwas meine ich eigentlich: Man muß originell sein in der Art, wie man Geschichten erfindet und erzählt.

Also, was können wir vom internationalen Kino lernen? Der deutsche Mainstream-Film muß besser werden?

Der muß wirklich besser werden. Und vor allem muß er innovativer werden. Das kann man wirklich aus Hollywood lernen. Jedenfalls von einigen Filmen. Und das sind nicht die großen Studioproduktionen.

Man würde sich doch eigentlich mal wünschen, daß auch hierzulande die Arthouse-Regisseure hinüberwandern in den Mainstream und dort die interessanteren Filme machen. Und daß die Arthouse-Filmemacher auch andererseits das Interesse und die Fähigkeit mitbringen, daß man sie da ranholen kann. Daß jemand wie Christopher Nolan von Following bis Batman Begins quasi eine diagonale Karriere hinlegt. Wer sind dagegen die Regisseure, die hierzulande die Mainstream-Filme machen? Das sind nicht die Leute, die vor zehn Jahren ihren ersten Film in der »Perspektive Deutsches Kino« hatten. Ich dachte mir auf der Filmhochschule oft: Bin ich hier in einem Haneke- und Antonioni-Fanclub, der alles andere scheiße findet? Wo wollt ihr hin? Was habt ihr vor? Wenn man sich die Debüts der letzen Zeit ansieht, findet man dagegen Leute, die einen weiteren Fokus haben. Filme wie Rammbock, Schwerkraft oder Bis aufs Blut.

Durchaus. Da muß mal eine neue Generation her, die das anders aufrollt. Ich habe auch nichts gegen die Berliner Schule. Es muß halt eine Farbe neben anderen sein. Dann ist auch Platz für den jährlichen Til-Schweiger Film, dann gibt es noch unseren Florian in Hollywood, der mit Johnny Depp dreht. Aber der lebt auf einem eigenen Planeten. Und das ist sicher nicht der Planet des Oberhausener Manifests.

Das Oberhausener Manifest ist ja eines von vielen. Es ist Teil der Filmgeschichte, daß immer wieder Manifeste und Positionen und Papiere geschrieben und unterzeichnet werden. Hast du jemals so etwas unterzeichnet?

Nein. Als ich Nachtgestalten im Schnitt hatte, kam Peter Rommel aus Cannes und brachte mir das »Dogma« mit. Ich las das und dachte: Na ja, ein bißchen so etwas hatten wir in Nachtgestalten auch ausprobiert. Dreh ohne Licht auf der Straße, mit Laien, das gab es alles, aber ich würde nie ein Dogma unterschreiben wollen, weil ich genau der gegenteiligen Meinung bin. Man braucht zum Filmemachen Freiheit und Experimentierfreude. Ich hätte keine Lust, mich in ein wie auch immer geartetes selbstgestricktes Korsett einzufädeln. Ich fand viele Dogma-Filme erstaunlich gut und erfrischend, aber ich habe keinen gesehen, der sich an die eigenen Regeln hält. Das war vielleicht auch der Gag an der Sache.

Aber was ihr mit Filmen wie Halbe Treppe und Wolke 9 macht, ist fast schon wie ein Dogma: Wir sind sieben Leute, und notfalls angle ich selber den Ton.

Die Beschränkung liegt eigentlich darin, daß wir kein Drehbuch haben und deswegen am Set bestimmte Dinge auch nicht herstellen können. Wir sind nicht in der Lage, bestimmte Wünsche, die ein Drehbuchautor hätte, umzusetzen. Wir reagieren auf die Gegebenheiten, die wir vor Ort antreffen, und versuchen, das in die Geschichte zu integrieren. Das ist der Trick: Man erschafft keine Welt vor der Kamera, man nimmt einfach die Dinge und Menschen, die man vorfindet und baut die Geschichte darum. Und dadurch kann man diese Filme auch sehr billig herstellen. Man muß sehr klein sein, man muß aber auch bescheiden sein und seine Forderungen sehr zurücknehmen. Ich nehme das, was ich kriegen kann, ich bestelle mir keine Regenanlage, sondern wenn es regnet, dann regnet es. Und wenn es wie bei Halt auf freier Strecke am Ende schneit, habe ich halt Glück gehabt. 2012-01-19 14:27

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Info

Andreas Dresen ist Regisseur (u. a. Halbe Treppe, Sommer vorm Balkon, Wolke 9).

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