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Pornographie und Film

#64 ¦ 04.2011

Mit Beiträgen von Louise Lush, Georg Seeßlen, Manuela Kay, Lukas Foerster, Kevin Clarke, Marco Siedelmann, Silvia Szymanski, Jochen Werner, einer Bildstrecke von Tom Gallant und Illustrationen von Marie-Hélène Turcotte.
Sturzgeburt der sexuellen Freiheit: Porno-Pionierin Annie Sprinkle (Herstory of Porn, 1999; © Joegh Bullock)

PorNo? PorYes!

Über Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Chancen einer feministischen Pornographie

Von Louise Lush Pornos sind – wenn überhaupt – nur etwas für Manner, und eigentlich werden darin eh nur männliche Machtfantasien bedient, so der Konsens. Die Künstlerin und Filmemacherin Louise Lush blickt auf den sex-positiven Feminismus und die Pornographie von und für Frauen.

»There can be no equality in porn, no female equivalent, no turning of the tables in the name of bawdy fun. Pornography, like rape, is a male invention, designed to dehumanize women…«
Susan Brownmiller, Against our Will (1975)

Feminismus und Pornographie sind Todfeinde, zumindest lautet so die weitverbreitete Meinung. Seit den späten 1970er Jahren, als Andrea Dworkin, Catherine McKinnon und Gloria Steinhem Pornographie als frauenfeindlich erklärten, prangern Feministinnen sexuell explizites Material als Ursache für Vergewaltigung, Menschenhandel, Ausbeutung und Entmenschlichung an. Pornogegnerinnen wie Gail Dines behalten diese Wut bei und vertreten heute noch die Auffassung, daß Pornographie zur Aufrechterhaltung der patriarchalischen Unterdrückung der Frau beiträgt, indem sie Männer zu Objektisierung und Verachtung ermutigt.

In diese Kerbe schlägt die feministische Pornobewegung. Als verhältnismäßig junge Bewegung lehnt diese Susan Brownmillers These, daß es in der Pornographie keine Gleichberechtigung geben könne, ab. Munter übergeht die feministische Pornobewegung Dworkins Thesen der Ausbeutung und Versachlichung der Frau und versucht, die Landschaft pornographischer Medien zurückzuerobern und diese positiv und in ihrer ganzen Komplexität darzustellen.

Den Ausdruck »Feministische Pornographie « gibt es noch nicht sehr lange, obwohl diese Art von Pornographie schon seit einiger Zeit existiert. Der Ausdruck wurde 2006 bekannt, als der kanadische Sex-Shop »Good for Her« einen »Feminist Porn Award« ins Leben rief. Dieser Preis, der nun zum sechsten Mal und hauptsächlich an weibliche Filmemacherinnen vergeben wird, trug zur Identifizierung mit und Verbreitung von alternativen Vorstellungen von Sexualität bei. Seitdem ist die Zahl der Filmemacher, Drehbuchautoren und Darsteller, die sich selbst als Vertreter des feministischen Pornos sehen, stark gestiegen.

Aber was genau ist »feministischer Porno«? Wie sieht er aus? Was stellt er dar? Und was bedeutet er?

Definitionen

Es ist sehr naheliegend, zur Definition von Pornographie den Richter Potter Stewart zu zitieren: »Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe.« Beide Wörter aber sind schwierig zu definieren. Ebenso schwierig ist es, die feministische Pornographie an bestimmten Merkmalen festzumachen. Das Genre, wenn man es als solches überhaupt bezeichnen kann, ist sehr vielfältig und umfaßt unterschiedlichste sexuelle Ausrichtungen, Neigungen und Sexpraktiken. Auch die ästhetische Darstellung kann sehr unterschiedlich sein, aber gerade diese Vielfalt der Darstellung ist ein wichtiges Merkmal der Bewegung.

So zählen auch die Arbeiten von Madison Young, einer Künstlerin und Darstellerin, die eine Galerie in San Francisco leitet, regelmäßig bei Pornofilmen mitspielt und Regie führt, zum feministischen Porno. In ihren Filmen werden extreme SM-Szenen mit Heteros, Lesben und Schwulen, Analsex und Masturbationsszenen mit weiblichem Ejakulat gezeigt. Die Filme sind oft im Gonzo-Stil, also mit Handkameras und spärlicher Deko, gedreht.

Die Filme von Jennifer Lyon Bell, einer US-Regisseurin, die in Amsterdam lebt, zählen aber auch zum feministischen Porno. Sie handeln überwiegend von heterosexuellem Sex, mit Schwerpunkt auf den Charakteren und den Orten. Sie erregten wegen des hohen Produktionsaufwands und der detaillierten Darstellung große Aufmerksamkeit.

Der feministische Porno ist – natürlich – feministisch. Obwohl man Feminismus unterschiedlich definieren kann, und er für jeden Einzelnen etwas anderes bedeutet, so kann man jedoch davon ausgehen, daß feministischer Porno für die Darstellung von gleichberechtigtem Sex ist. Diese Gleichberechtigung gilt nicht nur für cisgender Heterofrauen, sondern für alle Geschlechter, Schichten und Ethnien. Der Feminismus lehnt somit jede strenge Kategorisierung von Geschlecht und Geschlechterrollen ab.

Der feministische Porno ist außerdem Teil der sex-positiven Bewegung. Der Sexpositivismus ist jeder Art von Sexualität gegenüber positiv eingestellt, sieht in ihr eine gesunde Handlung, die durch Aufklärung und durch sicheren Sex gefördert werden muß.

Den feministischen Porno kann man am besten definieren, indem man sagt, was er nicht ist. Größtenteils ist er eine Reaktion auf die bestehende Pornolandschaft. Die negativen Aspekte des kommerziellen Pornos werden abgelehnt. Dieser basiert auf Stereotypen, festgelegten Geschlechterrollen und Sexismus. Häufig ist er rassistisch (»O nein, in meiner Mutter steckt ein Neger!«), Abweichungen werden schnell zum Fetisch abgestempelt und Silikonbrüste sind weit verbreitet. Der kommerzielle Porno ist immer aus Männersicht inszeniert, da Männerfantasien abgebildet werden und die Befriedigung des Mannes im Vordergrund steht. Zum Oralsex-Repertoire gehört ausschließlich der Blowjob, und der echte weibliche Orgasmus ist rar.

Die meisten kommerziellen Pornos werden außerdem wie am Fließband produziert, so schnell und billig wie möglich, mit einfacher Ausstattung, wenig Ästhetik und schlechter Beleuchtung gedreht. Produktion und Vorführung lassen häufig zu wünschen übrig. Den Darstellern wird bei der Vermarktung der Filme wenig Respekt entgegengebracht. Kurzum, es gibt jede Menge schlechte Pornos.

Der feministische Porno versucht, neue Wege zu beschreiten. Die sexuelle Vorreiterin und Künstlerin Annie Sprinkle hat es auf den Punkt gebracht: »Die Lösung kann nicht sein, keine Pornos zu machen, sondern bessere.«

Geschichte

Der feministische Porno entstand in den 1970er Jahren, als Feminismus und sexuelle Befreiung zu Massenbewegungen wurden. Helen Gurley Browns Entscheidung, einen nackten Mann auf einem Poster in der Cosmopolitan vom April 1972 abzubilden, war ein Meilenstein. Eigentlich als einmalige Aktion geplant, inspirierte das Centerfold mit dem sexy nackten Burt Reynolds auf einem Bärenfell andere Magazine, wie das australische Magazin Cleo, im November 1972 ein eigenes Pin-Up mit dem Schauspieler Jack Thompson zu veröffentlichen. Knapp ein Jahr später kam Playgirl, eine Zeitschrift, die sich ausschließlich an weibliche Leser richtete, auf den Markt.

Mit diesen Magazinen traten die Frauen für ihr Recht ein, selbst zu schauen, und nicht nur angeschaut zu werden. Die Magazine gaben Frauen Raum, über Sex zu sprechen und aktiv Männer zu bewundern. Aktivitäten also, die ihnen vorher nicht unbedingt zugebilligt wurden.

Daß »Frauen visuell nicht stimuliert werden«, ist ein Ergebnis des Kinsey-Reports aus den 1950er Jahren. In »Das Sexualverhalten des weiblichen Menschen« berichtet Dr. Kinsey, daß 88% der Frauen nicht auf Nacktfotos reagieren würden. Daraus schlußfolgerte er: »…viele Frauen finden das männliche Geschlechtsteil häßlich und abstoßend … das liegt zweifellos daran, daß die meisten Frauen, anders als Männer, sich durch Objekte, die mit Sex in Verbindung stehen, nicht angesprochen fühlten.«

Weiter sagte er: »Die meisten Frauen reagieren gleichgültig oder ablehnend auf derartige Abbildungen, da sie sie wahrscheinlich nicht erotisch finden.« Er wies aber auch darauf hin, daß es kein pornographisches Material extra für Frauen geben würde.

Trotz Playgirl hielt sich der Mythos, daß »Frauen nicht visuell seien« hartnäckig. Als die ehemalige Pornodarstellerin Candida Royalle 1984 begann, frauenfreundliche Erotikfilme zu machen, hatte sie mit den Vorurteilen der Sexbranche zu kämpfen. Da sie darauf bestand, Filme für Frauen zu produzieren und die typischen Pornoszenen wie die externe Ejakulation aussparte, sagten ihr viele einen Flop voraus. Der erste Film Femme (1984) war aber kommerziell sehr erfolgreich. Darauf folgten 17 weitere Filme, bei denen sie Regie und Produktion übernahm und die sich auch heute noch gut verkaufen.

Candida kann man als eine »Gründermutter « des feministischen Pornos bezeichnen, neben ein paar anderen sexpositiven Aktivistinnen, die sich in den 1980er und 90er Jahren rege bemühten, ihre eigenen und neuen Vorstellungen von Sexualität und Erotik zu präsentieren. Die Autorin Susie Bright war 1984 Mitgründerin des lesbischen Sexmagazins »On Our Backs« und rief 1988 die »Herotica«- Reihe mit erotischen Kurzgeschichten ins Leben. Die Wissenschaftlerin Marianna Beck gründete 1989 mit ihrem Partner Jack Hafferkamp das Magazin »Libido: The Journal of Sex and Sensibility« und inszenierte von 1999 bis 2006 sechs erotische Filme, darunter Orgasm: Faces of Ecstasy (2004), in dem ausschließlich Gesichter beim Orgasmus gezeigt werden. Nan Kanney, Mitbegründerin von »On Our Backs«, produzierte 1985 den ersten authentischen Lesbenporno Private Pleasures und hat seitdem eine Reihe von Filmen realisiert, darunter Bend Over Boyfriend, der erste explizite Lehrfilm über »Pegging«.

Annie Sprinkle ist wegen ihrer sexpositiven Fürsprache und der offenen Diskussion über ihre sexuellen Erfahrungen eine weitere »Gründermutter« des feministischen Pornos. Sie hatte sich in den 1970er Jahren einen Namen als Pornodarstellerin gemacht, bevor sie in den 1990er Jahren als Künstlerin und Sexaufklärerin zu arbeiten begann. Ihr Film Deep Inside Annie Sprinkle (1981) zeigt einen weiblichen Pornostar, der die Kontrolle behält und Spaß an der Arbeit hat – weit entfernt vom degradierten und ausgenutzten Opfer, auf das sich die Pornogegnerinnen so gerne berufen. In ihrem Film Herstory of Porn (1999) und in ihrer 1995er »Post Porn Modernist«-Live-Show dekonstruierte sie ihre Position im Porno und der Prostitution, blickte zwar einerseits wohlwollend auf ihre Vergangenheit zurück und stellte sie doch zugleich in Frage. Annie zeigte eine alternative, feministische Vision von Porno, die Pornographie nicht grundsätzlich ablehnte und ihr eine spirituellere und bedeutungsvollere Seite abzugewinnen versuchte.

Aufstieg

Das Internet hat zweifellos zum Anstieg von frauenfreundlichen und feministischen Pornos beigetragen. Die Anonymität und Privatheit des Internets führte dazu, daß weibliche Pornoliebhaberinnen nun explizites Material in einer vertrauten Umgebung erkunden konnten und nicht mehr in schmuddelige Sexshops gehen mußten. Auch konnten die Filme nun einem unbegrenzten Publikum zugänglich gemacht werden – die Fragen des Vertriebs und die Zeiten der Nischenkultur waren vorbei.

Purve.com, die erste kommerzielle Sexwebseite für Frauen wurde 1999 von der New York Times als »eine Art kulturelle Revolution« bezeichnet. Es folgten weitere, wie meine eigene ForTheGirls.com, die es seit 2003 gibt. Mittlerweile gibt es viele Sexseiten, die sich auf Fans des feministischen Pornos spezialisiert haben oder diese zumindest berücksichtigen und in der Pornobranche wächst ebenfalls das Bewußtsein, daß sich nicht nur Männer mit Pornographie beschäftigen.

Die Bereitstellung und der Vertrieb von Filmen und DVDs über das Internet sowie die Möglichkeit der Filmemacher, mit ihrem Publikum direkt in Kontakt zu treten (und anstehende Filme zu diskutieren) hat in den letzten Jahren zu einem Boom feministischer Filme geführt. Zu den frühen Pionierinnen wie Tristan Taormino, Anna Span, Petra Joy und der lesbischen SM-Filmemacherin Maria Beatty gesellten sich Filmemacher wie Shine Louise Houston, Anna Brownfield, Erika Lust (die 2005 ihren ersten Film The Good Girl unter einer Creative-Commons-Lizenz herausgab) und Courtney Trouble. Ihre Filme variieren enorm in ihrer Themenwahl, der Sexdarstellung und dem kreativen Feingefühl und verdeutlichen erneut die Schwierigkeit, den feministischen Porno an bestimmten Merkmalen festzumachen.

Hinsichtlich der Ästhetik gibt es eine große Bandbreite. Die Filme von Erika Lust sind hochwertige, spielfilmartige Produktionen, gedreht mit DSLR-Kameras an opulent ausgestatteten Sets und mit sorgfältigem Lichtkonzept. Dagegen sind die Filme von Anna Span und Courtney Trouble oft im Gonzo-Stil, also mit einer einfachen Videokamera und ohne Lichteffekte in privaten Schlafzimmern oder Draußen gedreht. Tristan Taormino hat bei ihren Filmen ein Major Studio im Rücken. Zwar sind die Filme hoch budgetiert, doch Taormino verwendet auch den Gonzo-Stil, dazu gehört die Interaktion mit den Darstellern und das Wissen um Kamera und Publikum. Petra Joy verwendet den Vignette-Stil und siedelt ihre Szenen in stark abgedunkelten Räumen an, die mitunter von farbigem Licht durchflutet werden und gelegentlich verwendet sie auch Weichzeichner. Kurzum, beim feministischen Porno gibt es nicht nur einen ästhetischen Stil.

Auch der dargestellte Sex unterscheidet sich merklich. Es existiert die Annahme, daß Pornos für Frauen »soft« sind, also mit viel Kerzenschein, Romantik, Zärtlichkeit und wenig Hardcore-Sex. Die Frauen, die diese Filme produzieren und konsumieren, zeigen sich aber recht offen für alle möglichen sexuellen Spielarten und Paarungen. Neben dem »normalen« heterosexuellen Sex stellt der feministische Porno genüßlich lesbischen, schwulen, transgender und queeren Sex dar, ebenso wie Fisting, weibliche Ejakulationen, BDSM und andere harte Spielarten, Gruppensex, Selbstbefriedigung und vieles mehr.

Außerdem bricht der feministische Porno häufig mit Tabus, die meist von der Pornobranche selbst aufrecht erhalten werden. Die Angst, homophobe männliche Konsumenten zu vergraulen, hat zu einer strikten Einhaltung der Trennung der Darstellung von männlichem, homosexuellem Sex und heterosexuellem Sex (außer Girl-Girl-Szenen) im kommerziellen Porno geführt. Dennoch vermischen viele feministische Pornos kompromißlos homo- und heterosexuellen Sex. Manchmal mag das an der pansexuellen Einstellung der Regisseurin liegen, die sich auch in der Sexualität widerspiegelt und weshalb die Begierde Faktoren wie Geschlecht oder Orientierung nicht mit einbezieht. In anderen Fällen ist es dem Wunsch geschuldet, die ehemals ungesehene Frauenfantasie von Mann-Mann-Sex oder von Dreiern, bei denen die Männer miteinander rummachen, darzustellen. In den letzten Jahren ließ sich in der Tat zunehmend beobachten, daß Frauen gerne Schwulenpornos gucken. Der Reiz liegt darin, zwei (oder mehrere) gutaussehende männliche Körper in der Abwesenheit von Frauen zu beobachten – genauso wie die Girl-Girl-Szenen bei heterosexuellen Männern beliebt sind. Außerdem berichten Frauen, die gerne Schwulenpornos gucken, daß diesen Filmen der Sexismus, der dem Heteroporno oft inhärent ist, abgeht und sie sich somit beim Anschauen wohler fühlen. Auch literarischer Porno in Form der Slash Fiction (Sexgeschichten über Affären zwischen Film- und TV-Charakteren) erfreuen sich großer Beliebtheit.

Der feministische Porno präsentiert auch eine große Bandbreite von Körpern, häufig sind es Amateurdarsteller, die nicht in das Raster des blonden, aus Plastik modellierten Pornostars passen. Die Darsteller in einem feministischen Porno müssen kein bestimmtes Aussehen aufweisen. Viel wichtiger als das Aussehen ist die Bereitschaft, aufzutreten und eine authentische sexuelle Erfahrung zu erleben. Ebenso gibt es keine künstliche Trennung zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und es wird sich bemüht, diese authentisch darzustellen.

Ethik und Authentizität

Wegen der unterschiedlichen Strömungen im feministischen Porno läßt sich kein gemeinsames Merkmal dieses »Genres« ausmachen. Das einzig Verbindende beim feministischen Porno ist die Verpflichtung zur Gleichbehandlung und Authentizität bei der Produktion und Darstellung.

Eine häufige Kritik an der Pornographie ist, daß sie ausbeuterisch sei, daß die Darsteller schlecht behandelt und zum Sex gezwungen werden würden. Dieser Vorwurf wird oftmals von den Darstellern selbst vehement zurückgewiesen. Der queere Pornofilmstar Jiz Lee meint dazu: »Ich fühle mich nur dann ausgebeutet, wenn die Leute nicht für das Endprodukt bezahlen.« Die Pornoindustrie gehört zu den wenigen Branchen, in der Frauen mehr als Männer verdienen. Obwohl die Darsteller bei jedem Film einer Teilnahme schriftlich zustimmen müssen, hält sich hartnäckig das Vorurteil, daß die Frauen immer auf irgendeine Weise ausgebeutet werden, auch wenn sie das Gegenteil behaupten.

Die Darsteller des feministischen Pornos lehnen das Ausbeutungsargument klar ab. Damit würde man den Darstellern absprechen, eine bewußte Entscheidung getroffen zu haben und die Pornogegnerinnen würden sie zu unmündigen Menschen degradieren.

Beim feministischen Porno gehört es dazu, daß die Darsteller die Sexszenen aktiv mitgestalten. Häufig dürfen sie auch entscheiden, mit wem sie die Sexszene spielen wollen. Das bringt den Darstellern Respekt entgegen und stellt außerdem sicher, daß die Chemie zwischen den Darstellern am Set stimmt. Wenn eine Szene im Gonzo-Stil gedreht wird, dann entscheiden allein die Darsteller, wie die Szene gespielt werden soll. Sie entscheiden, wann was passiert. Anders als bei Pornos mit vorher eingeübten Stellungen ist das oberste Ziel die Lust.

Viele feministische Pornos enthalten Interviews mit den Darstellern, entweder vor oder nach einer Szene. Das hat einige Vorteile: Der Darsteller wird personalisiert und der Zuschauer kann ihn kennenlernen und etwas über die Person und die sexuellen Vorlieben erfahren. Das macht den Darsteller letztlich zu einem Menschen und er wird nicht mehr als reines Sexobjekt wahrgenommen. Zudem weiß der Zuschauer durch diese Zusatzinformation, was die Darsteller anmacht – und kann so die eigene sexuelle Lust bei den jeweiligen Szenen steigern oder abgleichen. Und letztlich liefern die Interviews den wichtigsten Kontext für die Szene, indem der Zuschauer nämlich die Motivationen und Beweggründe hinter dem Sex erfährt.

Die Frage der Motivation kann besonders bei BDSM-Szenen und harten Spielarten interessant sein. Feministische Pornogegnerinnen behaupten, daß Porno die Gewalt gegen Frauen verherrlichen würde und belegen dies oft anhand von BDSM-Szenen. Das zeigt, daß der Sex mit bestimmten Rollenspielen mißverstanden wird, aber auch, daß die bildliche Darstellung von BDSM-Szenen an sich problematisch ist, da die Motivation dahinter und die Beziehung der Darsteller zueinander nicht hinreichend dargestellt werden kann. Der feministische Porno versucht, die Abmachungen hinter dem BDSM-Sex offenzulegen.

Das versucht auch Tight Places: A Drop Of Color (2010), ein queerer Film der Regisseurin Nenna. In einer Szene fragt Brooklyn ihre unterwürfige Partnerin Vai, ob sie ihren Kopf in das Toilettenbecken drücken und sie mit einem Dildo »durchnehmen « könne. Nachdem sich Vai nach der Hygiene des Toilettenbeckens erkundigt hat, willigt sie ein. In der darauffolgenden Szene wird Vai durchweg von ihrer Partnerin herabgesetzt – in einer Weise, die feministische Pornogegnerinnen so ablehnen. Anders bei diesem Film jedoch ist, daß Vai einwilligt und sich nicht wirklich herabgesetzt fühlt. Der Film stellt sicher, daß der Zuschauer erfährt, daß es sich lediglich um ein Machtspiel handelt.

Ähnliche Beispiele, ebenfalls mit vielen Interviews vor den Szenen, gibt es in der Rough Sex-Reihe von Tristan Taormino. Die Darsteller besprechen vorab, was passieren wird, und es ist offensichtlich, daß das »Opfer« immer die Kontrolle behält. Die Szenen planen sie basierend auf ihren eigenen sexuellen Fantasien und können sie auf Wunsch jederzeit abbrechen. Da SM-Sex manchmal gewalttätig ist, sind gerade diese Hintergrundinformationen so wichtig.

Interviews haben sich auch bei Tony Comstocks Filmen im Doku-Stil als nützlich erwiesen. Er wollte mit seinen Filmen einen umfassenderen Blick auf Sex werfen, indem er ihn in den Kontext einer Beziehung stellte. In jedem der sechs Filme erweiterte Comstock das Filmmaterial und ließ das Paar darüber berichten, wie es sich getroffen hatte, warum es sich liebt und was ihnen im Bett Spaß macht. Trotz der ausgedehnten Sexszenen blieb dem Zuschauer bei Comstocks Filmen kein Zweifel, daß die Darsteller freiwillig, gerne und aktiv an dem Film mitgewirkt hatten.

Der Fokus auf den ethischen Umgang mit den Darstellern geht mit dem Entschluß einher, diese auch in respektvoller Weise zu zeigen. Neben der Art des Filmens und der Montage ist auch die Sprache in feministischen Pornos meist positiv. Es gibt keine »dumme Schlampen«-Terminologie, außer es wird von den Darstellern selbst ausdrücklich so gewünscht. Im feministischen Porno werden alle gleichbehandelt. Den Darstellern gebührt Dank und Applaus, weil sie ihre Sexualität mit dem Zuschauer teilen.

Herausforderungen

Die Zukunft des feministischen Pornos kann niemand vorhersagen. Er erfreut sich wachsender Beliebtheit, auch große Filmstudios haben sich diesem Trend bereits angenommen. Dennoch befindet sich der feministische Porno durch Raubkopien und die schlechte Weltwirtschaftslage in einer Sackgasse. Die meisten Produktionsfirmen für feministische Pornos arbeiten unabhängig, mit nur wenig Budget und ohne Filmverleiher. Natürlich spielen auch bei dieser Art von Porno Gewinnspannen eine Rolle.

Ungewiß ist auch, ob es den feministischen Porno auch weiterhin noch geben wird. Der Name ist nützlich, aber er grenzt sich von anderen alternativen Filmemachern ab, die ähnliche Filme machen, aber sich selbst nicht als feministisch bezeichnen würden.

Außerdem scheint es, als würde das männliche Publikum vollkommen außer Acht gelassen, obwohl das nicht der Fall ist. Natürlich gibt es auch viele Männer, die nach positiveren und gesamtheitlicheren Sexdarstellungen suchen, aber scheinbar stellt der klare feministische Fokus der Bewegung eine Hemmschwelle dar. Von der Filmindustrie wird der feministische Porno in letzter Zeit mit dem homosexuellen oder queeren Porno gleichgesetzt, da sich in der Tat viele queere Produktionen mit diesem Attribut schmücken. So wie der Porno für Frauen, der häufig mit Blumen und Softsex gleichgesetzt wird, läuft der feministische Porno nun Gefahr, nur mit queeren Inhalten assoziiert zu werden, so daß der Anspruch auf Ganzheitlichkeit übersehen wird.

Letztlich sind die Bezeichnungen in Hinblick auf das größere Vorhaben irrelevant. Entscheidend ist der Wunsch nach Veränderung. In den letzten zehn Jahren ist die Pornographie allgegenwärtig geworden – doch auch die damit einhergehenden moralischen Bedenken sind gewachsen. Politisch wird immer noch versucht, die Meinungsfreiheit zu zensieren, umso wichtiger werden positive und respektvolle Darstellungen von Sexualität. Feministischer Porno mit einer ethischen und politischen Vision dahinter ist ein Beispiel dafür, daß Pornographie nicht unbedingt böse und moralisch verwerflich sein muß. Tatsächlich offenbart er, wie einflußreich visuelle und literarische Darstellungen von Sex für Kultur und Gesellschaft sind.

Der feministische Porno setzt schließlich die Maßstäbe für die Zukunft der Pornographie. 2011-10-13 08:15

Info

Louise Lush ist Filmemacherin, Autorin, Webmistress und Feministin. Seit dem Jahr 2000 macht sie Pornowebsites für Frauen und betreibt ForTheGirls.com, eine große Sexwebsite für heterosexuelle Frauen. Sie ist Bloggerin bei MsNaughty.com. Einige Kurzfilme wurden für den Feminist Porn Award nominiert.

Aus dem Englischen von Nina Zaddach.

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

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