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Faulheit im Film

#51 ¦ 03.2008

Mit Beiträgen von Thomas Warnecke, Tom Hodginkson, Natalie Lettenewitsch, Norbert M. Schmitz, Eleonóra Szemerey, Klaus Steffen und einem Gespräch mit Sven Regener.
Philippe Noiret in Alexandre le bienheureux (1968, Yves Robert)

Seht die Lilien!

Eine Einführung in die Faulheit

Von Thomas Warnecke »Warum tun Sie den ganzen Tag nichts?« Das ist der erste Satz aus dem Treatment Federico Fellinis zu I vitelloni (Die Müßiggänger, 1953). Die Frage legt ein Sozialdrama nahe. Das mag der fertige Film auch sein, vor allem aber ist er Genuß, denn: Sie tun den ganzen Tag nichts. Thomas Warnecke über Faulenzerfilme.

Wenn es um die Vorstellungen vollkommenen irdischen Glücks geht, gibt es zwei Blickrichtungen: Die eine geht zurück auf ein vergangenes, verlorenes Goldenes Zeitalter, die andere geht nach vorne und glaubt die Menschheit auf dem Weg zur Verwirklichung des irdischen Paradieses. Die erste ist vernünftiger, denn mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft wird doch nur Leid und Entbehrung in der Gegenwart erkauft. Der Faulenzer weiß, daß die Welt mal gut war und immer noch sein könnte, wenn der Mensch nur nicht eine so überzogene Vorstellung von seiner Tat- und Gestaltungskraft hätte. Und wenn Eva nicht so neugierig gewesen wäre: In Faulenzerfilmen verkörpern immer wieder Frauen die Strafe der Erbsünde, daß nämlich der Mensch sein Brot im Schweiße seines Angesichts verdienen müsse. Fausto hat sich nicht schnell genug nach Mailand davonmachen können und muß jetzt in einem Devotionalienladen herumstehen, um für Frau und Kind aufzukommen (Die Müßiggänger), Alexandre bekommt von seiner Frau einen minutiösen Arbeitsplan vom morgendlichen Kuhmelken bis zum abendlichen Sex vorgeschrieben (Alexandre, der Lebenskünstler [Alexandre le bienheureux], 1968, Yves Robert), Anita will von Martin Pünktlichkeit und verläßliche Zusagen inkl. Verlobung (Zur Sache, Schätzchen, 1968, May Spils), und Anna Henkel hüpft die ganze Zeit nackt durch Uli Schamonis Garten, um ihn vom Nichtstun abzuhalten (Chapeau claque, 1974, Ulrich Schamoni) – in jedem Fall gilt, daß »die Frauen, die wir uns wünschen, nicht mit ’nem Flaschenöffner durch den Westpark laufen« (Doppelpack, 2000, Matthias Lehmann).

Auch im übertragenen Sinn lohnt es sich, zum Thema »Faulheit im Film« bei Adam und Eva anzufangen, zeigt doch der allererste Film nicht Menschen auf dem Weg zu oder bei der Verrichtung ihrer Arbeit, sondern beim Verlassen der Fabrik. Diesem Anfang sind die Faulenzerfilme treu geblieben. Sah sich die rasch entstehende Filmindustrie vor allem dazu aufgefordert, immer aufwendigere Zerstreuung für die Freizeit nach Schichtende zu produzieren und mit strahlend aktiven Helden in ausgefallenen Kulissen auch den Zuschauer mittels Verfolgungsjagden und Mord und Totschlag auf Trab zu halten, sind die Müßiggänger auf der Leinwand nichts anderes als eine Einladung unter Freunden, eine gute Zeit zu verbringen. Statt mit Suspense eine permanent angespannte Erwartungshaltung zu erzeugen, ist im Faulenzerfilm Zeit »keine abstrakte und dynamische Folie, kein vorgegebener Rahmen einer Erzählstruktur« (André Bazin). Stattdessen lassen sich die Helden der Faulheit treiben – und die Filme mit ihnen. Und das scheint der eigentliche Stein des Anstoßes zu sein: Die Faulheit schwimmt mit dem Strom. Das wird immer metaphorisch verstanden und widerspricht so vollkommen der (im Wortsinne) herrschenden Vorstellung, die auch dem überwiegenden Teil der (westlichen) Filmproduktion zugrundeliegt: Es muß gegen den Strom geschwommen werden, vulgo müssen Hürden überwunden, Hindernisse aus dem Weg geräumt, Herausforderungen angenommen und Gegner besiegt werden. Dröhnender Unfug!, lacht da der Faulenzer. Und spottet als Filmprotagonist auch der Aufteilung von Filmen in »action-« oder »character-driven«. Faule Filme sind ausschließlich »driven«, es passieren kaum einschneidende oder beschleunigende Wendungen, und die Charaktere ändern sich auch kaum. Es ließe sich eine Entwicklungsgeschichte des Faulenzerfilms nur anhand der Aufhänger bzw. Rahmenhandlungen schreiben, die die Nicht-Handlung in Gang setzen bzw. innerhalb derer sich der Müßiggang breitmacht: Vom sozialstudienartigen »Warum?« der Müßiggänger Fellinis über die unterminierte Dorfgemeinschaft in Alexandre bis zum besten, weil absurdesten Aufhänger in Zur Sache, Schätzchen, der damit beginnt, daß der Held nachts einen Einbruch beobachtet und am nächsten Morgen von seinem Freund mittels einer zufällig vorhandenen Pistole aus dem Bett und aufs nächste Polizeirevier gezwungen wird, um eine Aussage zu machen. Die er dann natürlich wort- und witzreich verweigert, um den Rest des Tages »auf der Flucht« zu verbringen. Vom konventionellen Standpunkt aus betrachtet sollten Szenaristen für Faulenzerfilme vor allem eins sein: faul.

»Faul« ist ja auch nur eine Metapher, faul werden irgendwann Obst und Gemüse, und das Tertium comparationis ist der Nutzen: Faules Gemüse ist ungenießbar und also für seinen Verzehrzweck nicht geeignet, faule Erwachsene sind zum Verzehr bzw. zur Verwertung durch die Gesellschaft nicht nutzbar. Faul wird aber irgendwann alles, was lebt, und wenn Montaigne schreibt, »Philosophieren heißt sterben lernen«, dann sind Faulenzer die wahren Philosophen (und umgekehrt; und mindestens jeder zweite Philosoph hat ein Loblied auf wahlweise die Vita contemplativa oder den Müßiggang oder Entschleunigung usw. geschrieben), denn anstatt den Gedanken an den Tod mit lachhafter Betriebsamkeit zu verdrängen, haben sie sich mit der Endlichkeit und kosmischen Unerheblichkeit ihres Daseins abgefunden. »Der vergeudet seine Zeit nicht damit, irgendwelchen Gazellen hinterherzujagen«, sagt Martin in Zur Sache, Schätzchen angesichts eines Löwen im Käfig, »der hat ganze Dramen im Kopp«. In der Wohnung, die Autor und Hauptdarsteller Werner Enke und Regisseurin May Spils ihrer Figur eingerichtet haben, macht Martin sein Leben zum Konzeptkunstwerk: An der Wand sind Striche aufgemalt, »soviel Tage gebe ich mir noch«, und jeden Tag wird einer durchgestrichen. »Ich kann das beobachten.« Darum geht’s. Nichtstun, Beobachten muß man aushalten können.

In anderer Hinsicht hat Fellini ein treffendes Bild dafür gefunden, daß Zuschauen provoziert. Als Fausto in Die Müßiggänger nämlich zur Festanstellung im Devotionalienladen verdonnert ist, gehört es neben Billardspielen usw. zu den abendlichen Vergnügungen seiner Freunde, sich ihren bedauernswerten Kumpel im Schaufenster anzuschauen, wie er zwischen Madonnenstatuen und Kerzenständern versauert. Nichts ist erbärmlicher als der Anblick von Lohnarbeit, das scheinen auch Arbeitgeber und Politik zu wissen, die offensichtlich einzig den Zweck der Abschreckung verfolgen, wenn sie Arbeitslose in orange Westen stecken und den Müll am Straßenrand aufpicken lassen.

Dabei tun Faulenzer ja nicht nichts: Wenn Hoffi und Lehmi in Doppelpack eine Kiste Bier durch den Dortmunder Westpark tragen, ist das ja im strengsten, im physikalischen Sinne Arbeit. Nur eben keine von gesellschaftlichem Nutzen. Und im Sinne des konventionellen »action-driven«-Films sind zwei Jungs, die eine Bierkiste tragen, auch nutzlos, wenn nicht das Tragen der Kiste oder ihr Inhalt eine Wendung in der Handlung verursacht. Regisseur Matthias Lehmann hat daraus eine Szene gemacht, die emblematisch nicht nur für Faulheit, sondern, weil sie auf einfachste Weise filmisch virtuos ist, auch für Faulenzerfilme ist: In einer Einstellung gefilmt, bewegen sich die Helden mit der Bierkiste in Richtung Imbißwagen, in der Kiste fehlen schon einige Flaschen, weshalb beide eher vorwärts fallen als gehen. Es scheint – ganz konkret physikalisch, aber gerne auch metaphorisch – die Bierkiste zu sein, die sie aufrecht und im Gleichgewicht hält. Hoffi dreht sich eine Zigarette, Lehmi versucht, ein weiteres Bier zu öffnen. Sie könnten die Bierkiste ganz einfach abstellen, um beide Hände frei zu haben. Doch das hieße, einen angenehmen, ausbalancierten Bewegungsfluß zu unterbrechen. Strukturierte Abläufe sind anstrengend.

Stattdessen muß das aufrecht erhalten werden, was Guy Debord (vgl. Schnitt Nr. 50) wohl mit »Situation« gemeint hat oder was, da ja die oft schwankenden Gestalten von Fellinis Müßiggängern bis zum »Dude« Jeffrey Lebowski vor allem das Bewußtsein ihrer eigenen Trägheit zu genießen scheinen, auch als Zustand bezeichnet werden könnte: so wenig Handlung wie möglich, überhaupt kein Ziel – liegen statt festgelegt sein. Wichtigstes Werkzeug, in Deutschland spätestens seit Zur Sache, Schätzchen 1968 ins Kino kam: Sprache. Oder besser: Sprüche. Faulenzer sind digressiv, nicht aggressiv. Ständig müssen sie sich vor Anforderungen und Inanspruchnahmen in Sicherheit bringen, und da Gewalt lästig und unschön ist, tun sie das verbal: ablenken, abschweifen, herausreden. A propos Philosophie: »Das wichtigste ist, daß am Ende nichts dabei herauskommt« (Enke).

Erstmals gab es mit Zur Sache, Schätzchen und dem ebenfalls 1968 in Frankreich erschienenen Alexandre, der Lebenskünstler Filme, die Faulheit nicht als Übergangsphase oder vorübergehende Auszeit behandeln, sondern als Lebensform propagieren. Fellinis Die Müßiggänger zeigte zwar auch ausschließlich Menschen beim Nichtstun, doch waren das Protagonisten, die ihre Jugend über Gebühr verlängerten, immer in Erwartung eines Zufalls oder einer Gelegenheit, mit der ihr »richtiges Leben« beginnen würde (damit hat er ein ganzes Subgenre begründet, an dem sich viele spätere Filmanfänger versuchten, z.B. George Lucas [American Graffiti, 1973] oder Barry Levinson [Diner, 1982]). Nicht so Alexandre: Für ihn beginnt das richtige Leben erst, als seine Frau tot ist. Der von ihr an die Tafel geschriebene Tagesplan wird ausgewischt, das Vieh sich selbst überlassen, und Alexandre kann endlich im Bett bleiben. Oder angeln gehen. Daß ein Film mit der Gegenüberstellung von Ausbeutung und vegetabiler Geborgenheit ’68 auch ein kommerzieller Erfolg wurde, verwundert nicht. Das filmisch Lustige an Alexandre ist, daß er ein konventionelles Handlungsmuster quasi so weit es geht ausdehnt, um möglichst viel Nichtstun zu zeigen: Alexandre im Bett, beim Schwimmen, in der Sonne auf der grünen Wiese. Idylle als Provokation (der Dorfgemeinschaft wird der nichtstuende Bauer zum Ärgernis, schlechtes Vorbild für die Jugend usw.). Alexandre hat seinen Matthäus 6, 25-34 verstanden.

Faulheit ist immer anarchisch, deshalb paßt sie Rechten nicht, und Faulenzer sind zufrieden bis glücklich, deshalb sind sie für Linke unbrauchbar. Das allein macht Filme über sie zu Autorenfilmen par excellence: Nur sich selbst verantwortlich, wird nach Lust und Laune möglichst zweckfrei dahergeredet. In Uli Schamonis Chapeau claque z.B. gerne direkt in die Kamera. Mit der Geschichte des Firmenerben Hanno Giessen ist er dem totalen Faulenzerfilm schon sehr nahe gekommen. Er spielte selbst die Hauptrolle und mutmaßlich auch sich selbst, drehte mit kleinem ¬Budget und Freunden vor und hinter der Kamera im eigenen Haus und Garten an der Furtwängler-Straße in Berlin. Gerne genommene PR bekam der Film, als gerüchtehalber eine Jugendvertreterin aus Bremen bei der FSK forderte, der Film dürfe erst ab 18 freigegeben werden, er verführe Jugendliche zum Nichtstun. Ein Vorwurf, der seit Jahrhunderten schon der generell faulheitsaffinen Literatur gemacht wird. Daß aber Filme eine Faulheitswelle losgetreten hätten, so wie Goethes »Werther« angeblich eine Selbstmordwelle, ist bisher nicht bekannt geworden. Dabei scheint, alles in allem, kein anderes Genre so prädestiniert für den Zusammenfall von inner- und außerfilmischer Wirklichkeit zu sein wie der Faulenzerfilm.

Werner Enke und May Spils haben sich, ihrem Sujet und ihrem Helden die Treue gehalten, um nach ein paar weiteren Schwabinger Außer Atem-Variationen die Leinwand anderen zu überlassen. Zuletzt hat Enke ein Buch mit Strichmännchen herausgebracht (»Es wird böse enden«, München 2003). Darin ist auf Seite 15 der schlaffe Haro zu sehen, wie er im Bett liegt und denkt: »Bevor ich aufwachen muß, versuche ich langsamer zu schlafen.« Philippe Noiret ist 2006 gestorben und hat nach der Hauptrolle in Alexandre noch vielfach bewiesen, daß Faulheit eine schauspielerische Tugend ist (auf die sich ja zahllose seiner Kollegen auch gerne berufen). In den letzten Jahren kamen Faulenzerfilme im Gefolge von 101 Reykjavik (2000, Baltasar Kormákur) gerne aus Island. Vielleicht ein letztes Aufbäumen, bevor auch dort der Sozialstaat vom neoliberalen Beschäftigungswahn wegrasiert wird. Ob Matthias Lehmann wieder Geld bekommt, um mit Eckhart Preuß und Markus Knüfken in Dortmund zu slacken? Fest steht, daß Faulenzerfilme, ob sie an der Kinokasse erfolgreich waren, wie Adolf Winkelmanns Die Abfahrer (1978), oder weniger, wie Doppelpack, lange im Gedächtnis bleiben – der Ruhm und die Fangemeinde von The Big Lebowski (1998, Joel Coen) scheint noch zu wachsen, und selbst von Pulp Fiction (1994, Quentin Tarantino) hat man doch vor allem die Szenen zwischen der Arbeit, das endlose Schwadronieren der Protagonisten über vermeintlich belangloses Zeug, behalten. Vermutlich schreiben sich Filme, die nicht in erster Linie eine Handlung abspulen, sondern einfach Protagonisten (und Zuschauer) eine gute Zeit haben lassen, besser den je eigenen Erinnerungen ein. Zumindest den schönsten. Die Literatur hat’s vorgemacht: Unter ihren langlebigsten und einflußreichsten Figuren lauter Faulenzer: Taugenichts, Oblomow, Zeno Cosini, Ulysses, Frank Schulzens Bodo Morten… Und erst ihre bettlägerigen Urheber (Proust!). Das Kino hat demgegenüber den Vorzug der stärkeren Vergegenwärtigung, hier wird die anthropologische Konstante Faulheit zum konkreten Erlebnis. Es hängt halt nur davon ab, daß jemand den Spaß finanziert. 2008-07-07 12:01

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