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Monty Python

#47 ¦ 03.2007

Mit Beiträgen von Hans-Dieter Gelfert, Jakob Krebs, Ulrich Wegenast, Oliver Baumgarten, Florian Schwebel, Cordula Stadter, Hennes Bender und einem Gespräch mit Alfred Biolek.
Life of Brian (1979): Die Volksfront von Judäa (nicht zu verwechseln mit der Judäischen Volksfront)

Monty Python bei »Brits« und »Krauts«

Von Hans-Dieter Gelfert Eigentlich erstaunlich, daß die kühle Chaos-Komik einer britischen Gruppe in Deutschland so erfolgreich war, schließlich unterscheiden sich die Humorkulturen beider Länder in soziologischer und historischer Hinsicht doch deutlich. Eine Suche nach dem gemeinsamen Spaßverständnis von respektlosen Briten und gemütlichen Deutschen.

Englischer Humor ist ein weltweit anerkannter Markenartikel, und Monty Python gilt als besonders typisches Beispiel dafür. Zumindest sehen die Deutschen es so, die den englischen Humor an ihrem eigenen messen und dabei feststellen, daß er nicht nur anders, sondern diesem entgegengesetzt zu sein scheint. Die Engländer sehen es ähnlich, gehen aber noch einen Schritt weiter und lassen den deutschen Humor gar nicht als solchen gelten. In ihren Augen sind die »Krauts« ein humorloses Volk, das zwischen sauertöpfischem Ernst und sentimentaler Romantik hin- und herschwankt und unfähig ist, sich vom Ernst des Lebens zu distanzieren. George Mikes, der gebürtige Ungar und naturalisierte Brite, der selber reichlich zum britischen Humor beigetragen hat, ging sogar soweit, die deutsche Humorlosigkeit als die Ursache der beiden Weltkriege zu bezeichnen, und er fügte hinzu, dies sei »kein Pauschalurteil, sondern die nüchterne Bewertung einer historischen Wahrheit«. Die Deutschen hingegen sind durchaus bereit, dem Humor der »Brits« Anerkennung zu zollen und ihn in seinen typischen Ausprägungen zu genießen, womit wir wieder bei Monty Python wären. Was macht die beiden Humore so unterschiedlich?

Vier Merkmale des englischen Humors

Schon bei einem flüchtigen Vergleich springt ein Temperaturunterschied ins Auge. Deutsche verbinden mit Humor warme Gemütlichkeit in geselliger Runde, sei es im Familienkreis oder in einer Fasching feiernden Menge. Die Sehnsucht nach Gemütlichkeit in einem störungsfreien Innenraum wird im deutschen Fernsehen durch Angebote bedient, die es in dieser Form in England nicht gibt. Es sind die so genannten Familiensendungen mit Volksmusik, Trachtenlook und heimatlicher Landschaftskulisse sowie Aufführungen der Volkstheater in regionalem Ambiente. Eine ebenso typische Unterhaltungsform ist das politische Kabarett à la Scheibenwischer. Hier äußert sich die Sehnsucht nach dem störungsfreien Innenraum darin, daß man Störenfriede moralisierend auslacht, wobei das Wort »auslachen« anschaulich das Hinauslachen des Störers beschreibt. Das Moralisieren und die Sehnsucht nach Gemütlichkeit sind die nationaltypischen Merkmale des deutschen Humors. Der englische liebt demgegenüber eine oft geradezu amoralische Grausamkeit und wirkt deshalb ungemütlich und kalt.

Mikes zählt Grausamkeit zu den drei charakteristischsten Eigenschaften des britischen Humors; die beiden anderen sieht er im Understatement und in der Selbstironie. Aus deutscher Sicht springen noch vier weitere Eigentümlichkeiten ins Auge, die hierzulande und auch sonst fast überall als typisch englisch gelten. Da ist zuerst die Exzentrik, die von Kontinentaleuropäern schon im 18. Jahrhundert mit Verwunderung an den Briten beobachtet wurde. Das Zweite ist die Vorliebe für Sprachspiele aller Art. Während bei Deutschen das Wort »Kalauer« negativ besetzt ist, genießt das »punning«, wie das Spielen mit mehrdeutigen Wörtern auf englisch heißt, bei Engländern hohe Wertschätzung. Das Dritte ist die Liebe zum Nonsens. Daß dies etwas typisch Englisches ist, läßt sich schon daran ablesen, daß Deutsche dafür gewöhnlich den englischen Begriff verwenden. Im übrigen hat England mit Lewis Carrolls »Alice in Wonderland« den ersten Nonsens-Klassiker zur Weltliteratur beigesteuert, auch wenn sich hinter dem Nonsens des Oxforder Mathematikprofessors mancherlei Tiefsinn verbirgt. Das vierte Merkmal ist der schwarze Humor, der ebenfalls so typisch englisch ist, daß er hierzulande oft als Black Humour bezeichnet wird. Alle vier Ausdrucksformen, insbesondere die letzten beiden, finden sich überreichlich versammelt bei den Pythons, die zudem an Grausamkeit nichts zu wünschen übrig lassen, so daß sie wie ein Kondensat des englischen Humors anmuten.

»Top down« vs. »bottom up«

Was die vier genannten Merkmale miteinander gemein haben, ist, daß sie allesamt gegen eine Ordnung verstoßen. Exzentrik verletzt die Regeln gesellschaftlicher Umgangsformen, Sprachspiele untergraben die Ernsthaftigkeit der Kommunikation, Nonsens setzt deren logische Basis außer Kraft, und schwarzer Humor verstößt eklatant gegen die Moral. Alles dies ist dem deutschen Humor diametral entgegengesetzt; denn der lacht mit der Ordnung gegen den Störer, der englische mit dem Störer gegen die Ordnung. Ordnung hat etwas Autoritatives. Wer sich auf ihre Seite stellt und gegen den Störer lacht, tut es von oben nach unten, »top down«. Wer hingegen die Autorität der Ordnung von ihrem Sockel herunterlacht, tut es von unten nach oben, »bottom up«. Das ist, auf eine einfache Formel gebracht, der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Humoren. Heißt das nun, daß die Deutschen ein Gen haben, das sie zu einem autoritätshörigen Volk macht? Ganz sicher nicht, sonst würden nicht so viele von ihnen den respektlos anarchischen Humor von Monty Python’s Flying Circus (1969-1974) goutieren. Im übrigen gab es Zeiten, in denen die Deutschen den gleichen »bottom up«-Humor hatten. Till Eulenspiegel ist seine archetypische Verkörperung. Damals, im 14. Jahrhundert, hätte niemand die Deutschen für humorlos gehalten. Eulenspiegels Streiche wurden selbst in England weitererzählt. Ein Echo davon findet sich sogar in Chaucers »Canterbury Tales«, dem ersten humorgesättigten Beitrag Englands zur Weltliteratur.

Die soziale Funktion des Humors

Um zu verstehen, weshalb die Deutschen ihren einstigen »bottom up«-Humor gegen einen »top down«-Humor eintauschten, muß man sich klarmachen, welche Funktion der Humor in der Gesellschaft hat. Ganz offensichtlich befähigt er Menschen dazu, ernsthafte Spannungen unernst, nämlich lachend, aufzulösen. Diese Fähigkeit besaß der Mensch vermutlich schon, seit er zum Homo sapiens wurde; doch zu einem lebenswichtigen Sozialverhalten wurde sie erst in Städten, in denen viele Menschen auf engem Raum zusammenleben mußten. Das Lachen hat nicht nur eine spannungslösende, sondern auch eine nivellierende Wirkung. Deshalb gab es in vertikal organisierten Gesellschaften eine strenge Lachkontrolle. Ungehemmt lachen durfte nur das gemeine Volk, das kein Gesicht zu verlieren hatte, und der König, der sein Gesicht nicht verlieren konnte. Dazwischen aber herrschte strenge Lachzensur. Noch heute wird ungeniertes Gelächter in hierarchischen Organisationen als ungehörig empfunden. So verwundert es nicht, daß die Emanzipation des Stadtbürgertums von einer aufblühenden Lachkultur begleitet wurde, wofür Aristophanes im demokratischen Athen und Plautus im republikanischen Rom prominente Beispiele sind.

Als sich im Spätmittelalter das Stadtbürgertum auf breiter Front zu emanzipieren begann, entwickelte es einen Humor, der nach oben gegen Adel und Klerus, nach unten gegen tumbe Bauerntölpel und zur Seite gegen die konkurrierenden Mitbürger lachte. Diesen Stadtbürgerhumor verkörpert Eulenspiegel beispielhaft, und die reiche Schwankliteratur des Spätmittelalters belegt, daß er keine Ausnahme war. Es ist der Humor, den die Engländer noch heute haben. Den Deutschen wurde er genommen, als ihre Städte im Dreißigjährigen Krieg weitgehend vernichtet wurden. Seine Wiederauferstehung erlebte er im 18. Jahrhundert unter dem Banner der Aufklärung, doch nun nicht mehr als Stadt-, sondern als Staatsbürgerhumor. Für den Stadtbürger geht es darum, soviel Freiraum wie irgendmöglich zu erlangen. Diesem Zweck dient die unblutige Waffe des Humors, mit der man sich die Mitbürger vom Leibe hält. Dem deutschen Staatsbürger hingegen ging es nicht um Freiheit, sondern um Sicherheit. Da die Deutschen jahrhundertelang den Angriffen von Nachbarstaaten ausgesetzt waren, sehnten sie sich nach nichts so sehr wie nach Geborgenheit in einem machtvollen Staat, der aber nach den Prinzipien der aufgeklärten Vernunft organisiert sein sollte. Wer der Sicherheit den Vorrang gibt, der wird nicht gegen seine Mitmenschen lachen, sondern mit ihnen, um so einen spannungsfreien, also gemütlichen, Innenraum zu schaffen.

Die deutsche Sehnsucht nach Geborgenheit

Die Sehnsucht nach Geborgenheit ist das, was die Mentalität der Deutschen am tiefsten und durchgängigsten geprägt hat und noch heute prägt. Sie drückt sich in ihrem Heimatkult aus, sie liegt ihrer Kultur der Innerlichkeit zugrunde, sie ließ den Totalitätsbegriff zu einer Obsession der deutschen Philosphie werden, sie führte in der Ästhetik zu der spezifisch deutschen Hochschätzung des Erhabenen, und sie brachte auf dem hier betrachteten Feld den Gemütlichkeitshumor hervor, der bis in die ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg eine deutsche Besonderheit war. Erst als mit dem Untergang des Nationalsozialismus auch jene Kultur der »machtgeschützten Innerlichkeit« zusammenbrach, die Thomas Mann noch im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs als kulturellen Sonderweg für Deutschland reklamierte, öffnete sich Deutschland – anfangs widerstrebend, dann immer williger – der westlichen Bürgerkultur; und nun kehrte, sozusagen durch das Westtor, der alte Stadtbürgerhumor zurück, der aber den gemütlichen und moralisierenden Staatsbürgerhumor nicht verdrängte. Bis weit in die 1960er Jahre hielt das deutsche Publikum an seiner Sehnsucht nach Geborgenheit fest und befriedigte sie mit Heimatfilmen und Schlagerschnulzen. Erst die 68er-Bewegung ließ die Waage zur anderen Seite ausschlagen. Jetzt hielten die Beatles, die Rolling Stones, die immer härter und greller werdende Rockmusik, der Blödelhumor und schließlich auch Monty Python Einzug in die deutsche Populärkultur.

Auch für die Briten war der Flying Circus etwas Neues, sonst hätte die Fernsehserie nicht solche Furore gemacht. Dennoch wurzelte Monty Python tief in der englischen Humortradition und mutet wie die Frucht eines Pilzgeflechts an, das seit Jahrhunderten den britischen Boden durchzog und plötzlich ans Tageslicht brach. In ihm kommen, wie bereits oben gesagt, alle typischen Züge des englischen Humors zusammen. Das hervorstechendste Merkmal ist ohne Zweifel die radikale Respektlosigkeit gegenüber jeglichem Wertanspruch. Dem englischen Humor ist nichts heilig, wofür die Python-Truppe vier Jahre nach dem Ende der Serie mit dem Kinofilm Life of Brian (1979) den ultimativen Beweis erbrachte. Hier wird eine letzte Tabuzone tangiert, die bis dahin noch Respekt genoß: die religiöse.

Daß Engländer sich eine so radikale Respektlosigkeit leisten können, ohne rechtliche Sanktionen befürchten zu müssen, liegt daran, daß das englische Strafrecht den Tatbestand der Beleidigung nicht kennt. Ehrverletzungen können nur bei nachgewiesenem Schaden auf dem Wege der Zivilklage zu einer Entschädigung führen. Geschützt ist traditionell nur die Krone und Gott. Daß es auf der Insel dennoch kein verbales Hauen und Stechen gibt, ist dem von der Mehrheit verinnerlichten Code des Gentleman zu verdanken. Der hat allerdings seine Grenzen dort, wo Autoritäten den Freiraum des Einzelnen einschränken. Wer Engländern mit der Staatsmacht, der Moralkeule oder einer Geschmacksnorm droht, fordert ihren »bottom up«-Humor heraus. Das steht nur scheinbar in Widerspruch zu der Tatsache, daß die am Gentleman-Ideal orientierte Mittelschicht lange Zeit ein gesellschaftliches und moralisches Wohlverhalten an den Tag legte, das sich in der sprichwörtlichen englischen Höflichkeit ausdrückte. Zum Wesen des Gentleman gehört, daß er sein Gesicht nicht verlieren darf. Das bedeutet aber auch, daß jemand, der sich selbst ironisiert, der bewußt den guten Geschmack verletzt und aus der Reihe tanzt, für diese Normabweichung nicht getadelt werden kann; denn er kommt der Kritik zuvor und behauptet das höchste englische Gut: die persönliche Freiheit. Insofern ist Monty Python die Apotheose des freeborn Englishman, der bereits in der Magna Charta erwähnt wird.

Der sogenannte gute Geschmack

Auch wenn der westliche Stadtbürgerhumor in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg stetig an Boden gewann und weiter gewinnt, hat er weder den deutschen Gemütlichkeitshumor noch den moralisierenden Humor des politischen Kabaretts aus dem Felde geschlagen. Beträchtliche Teile der älteren Bevölkerung, zumal im konservativen Bildungsbürgertum, können sich auch heute noch nicht mit Monty Python’s Flying Circus anfreunden. Den Nonsens und die Grausamkeiten mögen sie als Formen grotesker Komik akzeptieren, doch über die Verstöße gegen den guten Geschmack zu lachen, fällt ihnen schwer. Für das anspruchsvollere deutsche Publikum und selbst für die Schicht, die man früher als kleinbürgerlich bezeichnet hätte, sind große Teile der englischen Humorproduktion in den Medien geschmacklos bis zur Ungenießbarkeit. Engländer sehen das ganz anders. Für sie ist auch der sogenannte gute Geschmack eine Ordnung, gegen die sich ihr anarchischer Stadtbürgerhumor auflehnt. Dabei ist Monty Pythons Humor mit seinen skurrilen Einfällen, überdrehten Grausamkeiten und selbstironischen Verfremdungen intellektuell noch geradezu hochkarätig und insofern viel weniger geschmacksverletzend als vieles andere in den englischen Medien, das aus genau diesem Grunde gar nicht nach Deutschland gelangt.

Selbst da, wo der heutige deutsche Humor sich dem englischen annähert oder es ihm gleich zu tun versucht, sind fast immer Reste der unterschiedlichen nationalen Prägungen zu erkennen. Oft ist der Unterschied schon an den Gesichtern der Komiker abzulesen. Das deutsche Humorsignal ist das breite, zum Mitlachen einladende Lächeln. Dem steht auf englischer Seite entweder das unbeteiligte Gesicht, das so genannte »deadpan face«, oder der hinterlistige »tongue-in-cheek«-Ausdruck gegenüber. In beidem drückt sich das Kalte und Grausame des englischen Humors aus. Deshalb bleibt Otto mit seinem freundlichen Max-und-Moritz-Lachen bei allem Nonsens ein sehr deutscher Komiker. Dem englischen Humor am nächsten kommt wohl Harald Schmidt mit seinem ständigen Wechsel zwischen »tongue-in-cheek«-Gesicht und forcierter Grimasse. Selbst Loriot, der beliebteste und wohl auch beste deutsche Humorist der Gegenwart, der das Hinterlistig-Grausame mit raffinierten Mitteln ausspielt, läßt immer wieder den deutschen Humor durchscheinen, nicht nur, indem er krasse Geschmacklosigkeiten meidet, sondern auch durch das kurze Aufblitzen von Gemütlichkeitssignalen. So gibt es von ihm eine Karikatur, auf der man ein Wohnzimmer mit brennender Gardine sieht: während der Ehemann mit gefülltem Wassereimer quer durch das Zimmer eilt, hält seine Frau im Vordergrund das Telefon ans Ohr und ruft breit lächelnd: »Du störst überhaupt nicht, Elsbeth. Ich habe ja ewig nichts von dir gehört!« Loriot ironisiert hier den deutschen Humor, der selbst noch vor brennenden Gardinen die Störung wegzulachen versucht, aber er tut es mit dem typischen Gemütlichkeitssignal des breiten Lächelns. Zum Vergleich eine englische Karikatur von Arnold Wiles aus »Punch«: Es ist Nacht, man sieht ein brennendes Haus, die Feuerwehr spritzt aus allen Rohren, vor dem Haus steht bibbernd ein älteres Ehepaar. Da kommt ein Nachbar mit seinem Hund am Zaun vorbei und fragt über das Gartentor: »Und, wie geht‘s sonst so?“ Das ist englischer Humor, kalt und auf eine hinterhältige Weise grausam. Auch diese Karikatur hat eine satirische Spitze; denn sie entlarvt die vielgerühmte englische Scheu vor dem Eindringen in die Privatsphäre anderer Menschen als bloße Kaltherzigkeit. Als ich die beiden Karikaturen Engländern vorlegte, reagierten diese sofort auf den Witz der englischen, während sie der Loriotschen nichts abgewinnen konnten, offenbar wegen des störenden Gemütlichkeitssignals.

Deutscher Humor in England

Von den deutschen Humorerzeugnissen seit dem Aufkommen des Staatsbürgerhumors hat nur ein einziges den Sprung über den Kanal geschafft. Bei Wilhelm Busch, der genügend Grausamkeit aufzuweisen hat, stand den Briten der didaktisch moralisierende Unterton im Wege, bei Morgenstern war der Nonsens mit zuviel potentiellem Tiefsinn befrachtet, bei den meisten anderen war viel zuviel Gemütlichkeit im Spiel, um sie für Engländer genießbar zu machen. Einzig und allein der »Struwwelpeter« fand in die Herzen der Briten. Das war aber der Tatsache zu verdanken, daß sie ihn anders lasen als die Deutschen. Heinrich Hoffmann schrieb das Buch für seine Kinder, um ihnen auf witzige Weise an warnenden Beispielen vorzuführen, welch üble Folgen Verstöße gegen die Ordnung haben können. Er wollte, daß sie auf Seiten der Ordnung gegen die Störer lachten. Die Engländer hingegen lasen das Buch ganz anders. Sie lachten mit den rebellischen Kindern gegen die Ordnung und empfanden die grausamen Strafen als schwarzen Humor.

Wenn gesagt wurde, daß der englische Humor aus dem spätmittelalterlichen Stadtbürgerhumor hervorging, muß hinzugefügt werden, daß eine Besonderheit der englischen Sozialgeschichte darin liegt, daß sich auf der Insel schon gegen Ende des 13. Jahrhunderts das Stadtbürgertum mit dem niederen Landadel verbündete, mit dem es gemeinsam im Unterhaus saß. Dieses Bündnis war der Grund dafür, daß der soziale Horizontalisierungsprozeß in England früher einsetzte und stetiger voranschritt als im übrigen Europa. Das nivellierende Lachen begleitete diesen Prozeß durch die englische Kultur- und Sozialgeschichte bis zum heutigen Tag. Die nostalgische Sehnsucht nach der Gentry-Sphäre, an der man durch den Besitz eines Cottage auf dem Lande teilhaben kann, ist das englische Äquivalent zum deutschen Heimatkult. Während wir Deutschen aber mit Heimat Geborgenheit und damit Gemütlichkeit assoziieren, bedeutet für Engländer das Cottage zuallererst Freiheit. John Bull, der archetypische englische Stadtbürger, und die trinkfreudigen, zur Fuchsjagd ausreitenden Country Squires aus dem niederen Adel, deren Archetypus Shakespeares Falstaff ist, sind die Repräsentanten jenes respektlos-anarchischen, grausamen und vor keiner Geschmacklosigkeit zurückschreckenden Humors, der seit dem Spätmittelalter die englische Alltagskultur durchzieht und in Monty Python’s Flying Circus einen auch außerhalb der Insel wahrgenommenen Gipfel erreicht.

Obgleich das »merry« in dem Ausdruck »Merry England« ursprünglich nur soviel wie »angenehm« bedeutete, haben die Engländer es schon bald im Sinne von »humorvoll« verstanden und den Humor zu ihrer nationalen Tugend erklärt. Das taten und tun sie mit solcher Entschiedenheit, daß neuerdings englische Kritiker ihre Landsleute auffordern, diesen Götzen vom Sockel zu stoßen. Der eingangs zitierte George Mikes beschließt sein Buch »English Humour for Beginners« (1980) mit dem Satz: »Der englische Sinn für Humor ist die wunderbarste Sache, auf die eine Nation stolz sein kann; wenn Großbritannien als eine der führenden Industrienationen überleben will, muß es sich schleunigst davon trennen.« Das würde bedeuten, daß der englische »bottom up«-Humor ein neues Opfer zum Herunterlachen hätte: sich selbst. 2007-11-13 15:29

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