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Kinderdokumentarfilm

#44 ¦ 04.2006

Mit Beiträgen von Gudrun Sommer, Thomas Krüger, Claudia Töpper, Christiane Tefert, Dorothee Ulrich, Bettina Braun, Thomas Heise, Kerstin Isenbeck, Karin Jurschick, Jan Peters, Mark Stöhr und einem Gespräch zwischen Petra L. Schmitz und Calle Overweg.
Let's Play von Cassandre Hornez/François Lecauchois

Was, wenn es den Kinderdokumentarfilm gar nicht gibt?

Von Gudrun Sommer Kinderdokumentarfilme haben in Frankreich und den Niederlanden einen festen Platz – doch was ist mit Deutschland? Gudrun Sommer verrät, was ein deutscher Kinderdokumentarfilm nicht ist, wo er zu finden ist und was er mit einem leeren Wasserglas gemein hat.

Im 4. Jahrhundert vor Christus findet Aristoteles auf der Suche nach dem eigentlichen Sein die Unterscheidung zwischen aktuellem Sein (gr. enérgia) und potentiellem Sein (gr. dýnamis). Alles Wirkliche, so der Philosoph, impliziere einen Moment des Aktuellseins (aufgrund dessen das wirklich ist, was es aktuell ist) und einen Moment des Möglichseins, aufgrund dessen das Wirkliche die Möglichkeit hat, etwas anderes zu werden (ein leeres Wasserglas ist deswegen ein leeres Wasserglas, weil es potentiell mit Wasser gefüllt werden kann; es ist aktuell leer, gleichwohl aber potentiell voll). Im Übergang vom Potentiellen zum aktuell Wirklichen verortet Aristoteles den ontologischen Kern von Bewegung. Gleichzeitig beschreibt er, freilich ohne dies zu wollen, die Situation des Kinderdokumentarfilms in Deutschland anno 2006.

Das Genre Kinderdokumentarfilm, dem der aktuelle »Schnitt« einen Themenschwerpunkt reserviert, ist ontologisch betrachtet in einer prekären Situation, und es schadet daher nicht, sich der unterschiedlichen Seinsformen bei ausgewiesenen Meistern zu vergewissern. Daß Sie nun dieses Heft in Händen halten, ist nicht abzustreiten. Daß es aber in Deutschland ein Genre Kinderdokumentarfilm gibt, ist in Wahrheit alles andere als sicher. Fest steht: Das Genre Kinderdokumentarfilm, dessen Existenz wir behaupten, ist in Bewegung. Mit dem Themenschwerpunkt wird dieser Bewegung nachgespürt und Aktualität wie Potential des Genres in gutem aristotelischen Sinn deutlich gemacht: Wo findet in Fernsehen und Kino Kinderdokumentarfilm statt, in welchen cinephilen, kulturellen und bildungspolitischen Diskursen ist von dem Genre die Rede, was ist überhaupt ein Kinderdokumentarfilm und was könnte aus ihm werden?

Was ein Kinderdokumentarfilm nicht ist

Die Frage nach einer Definition des Genre Kinderdokumentarfilm stellt nicht nur die Fragen jeder Dokumentarfilmtheorie, sondern schließt auch Problemfelder des Kinderfilms mit ein und damit die Frage danach, wann, pädagogisch betrachtet, ein dokumentarischer Film für Kinder geeignet scheint. Nicht jeder Dokumentarfilm mit Kindern ist auch ein Dokumentarfilm für Kinder, und ein Dokumentarfilm, der auch für Kinder geeignet ist, bleibt ein Film für Erwachsene, der sich auch für ein jüngeres Publikum eignet. In pädagogischer Hinsicht unterscheidet Kinderdokumentarfilm und Erwachsenenkino das, was Kinder von Erwachsenen unterscheidet: Kinder haben weniger Lebenserfahrung und andere Sehgewohnheiten, sie können auf weniger kognitives und emotionales Vorwissen zurückgreifen, wenn es darum geht, Bilder und Dramaturgien einzuordnen. Insbesondere jüngere Kinder bedürfen eines Lernprozesses, um zwischen fiktiven und realen Sachverhalten unterscheiden zu können, und sie brauchen mehr Raum für Fantasie beim Erschließen der Welt.

Wie Filmemacher dieser Ausgangslage bestmöglich begegnen, wird diskutiert seit es dokumentarisches Arbeiten für Kinder gibt, und das ist auch in Deutschland bereits länger der Fall, als man vermuten würde. KlausDieter Felsmann schildert in seinem Beitrag für den Themenschwerpunkt eindrucksvoll den Stellenwert des Genres innerhalb der DEFA und macht auch die intellektuelle Diskussionskultur rund um die 1975 eingerichtete dokumentarische Produktionsabteilung Kinder- und Jugendfilm deutlich. Auch 15 Jahre nach Auflösung der DEFA bleibt die Frage aktuell: Was ist ein (guter) Kinderdokumentarfilm, was kann, soll, muß er leisten, worin liegt die filmsprachliche Besonderheit im dokumentarischen Erzählen für Kinder? Leontine Petit (Lemming Film), Produzentin zahlreicher niederländischer Kinderdokumentarfilme, insistierte in einem Gespräch: »In erster Linie ist ein guter Kinderdokumentarfilm ein guter Film.« Dieses Einfordern von Qualität im filmischen Handwerk scheint im Kinderfilm häufig von vermeintlich notwendigen pädagogischen, »kindgerechten« Vorsichtsmaßnahmen überlagert. Den Kindern wird dabei, wie Claudia Töpper in ihrer Bestandsaufnahme der deutschen Fernsehlandschaft in diesem Heft herausstellt, die Chance auf eigene Sinnerschließung oft genommen: »Kinder haben Dramaturgien verdient, die offene (Deutungs-)Räume schaffen und Platz lassen für eigenständige Reflexionen des Gesehenen.« Dokumentarisch, nicht pädagogisierend, bringt auch der DEFA-Dokumentarfilmer Konrad Weiß seinen filmischen Anspruch auf den Punkt: »Ein guter Kinderdokumentarfilm muß poetisch, vergnüglich sein, er muß faszinieren. Diese Poesie des Dokumentarfilms aber soll die Poesie der Wirklichkeit sein«. Als zweites entscheidendes Kriterium nennt Weiß: »Kindgerecht« heiße nicht »kindisch«, und die Perspektive von Kindern ist nicht die von Erwachsenen; was dem meistens »erwachsenen« Kameramann einiges abverlangt: Er »muß so in Kindergesichter schauen können, daß nicht die Erwachsenen ihren Spaß haben, sondern daß Kinder mit anderen miterleben, mitempfinden, mitdenken können. Und das hat wenig mit der Attraktivität der Zahnlücken zu tun, mit der man vielleicht Filme über Kinder, nicht aber für sie gestalten kann.«

Wo der Kinderdokumentarfilm nicht ist

Die Frage, was ein Kinderdokumentarfilm ist, ist auch die Frage, wo er ist. Denn Kinderdokumentarfilm ist nicht nur eine Nische, sondern mindestens drei: die Nischen Dokumentarfilm, Kinderfilm und Kurzfilm multiplizieren sich gegenseitig derart, daß man die Seinsfrage besser philosophisch klärt als empirisch. Mit der Gründung der Kindersektion doxs!, einem internationalen Dokumentarfilmprogramm für Kinder und Jugendliche, hat die Duisburger Filmwoche die ontologischen Leerstellen in der deutschen Produktionslandschaft um ein Festival zu bereichern versucht, das sich ausschließlich um dieses Genre bemüht. Unter dem gemeinsamen Dach der Filmwoche fällt beim Vergleich der kleinen und großen Marktgepflogenheiten umso mehr auf, daß vor allem im Kino der Kinderdokumentarfilm nur als Festivalbeitrag existiert.

Diese Leerstelle korreliert mit fehlenden Spielräumen bei den Sendern, um »kinotaugliche« dokumentarische Formen für Kinder und Jugendliche zu erproben. Der Kinderdokumentarfilm ist hierzulande – bei aller Vielfalt und Kreativität innerhalb von Formaten – dominiert von der Ästhetik des Fernsehens. Selten sind es Bilder, sondern Off-Kommentar und Moderatoren, die erzählen und dramaturgisch den Ton angeben. Die formalen und zeitlichen Formatierungen wiederum erschweren Kooperationen mit Filmförderungen und darauf aufbauend Produktionen für den Einsatz im Kino. Die im Dokumentarfilm für Erwachsene unabdingbare Kofinanzierung von Fernsehen und Filmförderung findet in der dokumentarischen Produktion für junge Zielgruppen in Deutschland nicht statt. Ausnahmen bestätigen die Regel kaum.

Diese Leerstelle in der Produktionslandschaft haben die Niederlande vor sieben Jahren behoben, indem ein Wettbewerb für die Produktion von Kinderdokumentarfilmen initiiert wurde. Der »Kids & Docs Contest«, den Christiane Tefert in ihrem Artikel vorstellt, ist ein Paradebeispiel dafür, wie das bewußte Fördern eines vermeintlich schwierigen Genres zu einer lebendigen Dokumentarfilmkultur führen kann, die Kinder und Branche gleichermaßen begeistert und über nationale Grenzen hinweg für Aufsehen sorgt. Im Zuge der Entwicklungen rund um den Wettbewerb hat die niederländische Kinderdokumentarfilmproduktion dermaßen Aufwind erfahren, daß auch Produktionen jenseits der »Kids & Docs«-Struktur mit thematischer und filmischer Vielfalt zu überzeugen verstehen.

Nischen im deutschen Fernsehen

Auch in Deutschland gibt es – im Fernsehen – gute Nachrichten. Nicht wegen der Produktionsbedingungen, aber unabhängig davon finden sich im deutschen öffentlichen Rundfunk Nischen für »dokumentarische Erzählweisen«. Neben Formaten wie Stark! (ZDF) oder der KI.KA-Reihe Fortsetzung folgt, der aktuell einzigen dokumentarischen Form jenseits der klassischen Wissensvermittlung mit einem 30minütigen Sendeplatz im deutschen Kinderfernsehen, haben sich eine Reihe etablierter und neuerer Formate als kreatives dokumentarisches Kinderfernsehen profilieren können. Löwenzahn (ZDF), Die Sendung mit der Maus (WDR), Felix und die wilden Tiere oder Willi wills wissen (beide BR) sind nicht zuletzt dokumentarische Erfolgsgeschichten deutschen Kinderfernsehens, die auf ihre Art unter Beweis stellen, daß Kinder mit Spaß und Neugier der filmischen Auseinandersetzung mit Wirklichkeit begegnen. Claudia Töpper untersucht in ihrem Beitrag die dokumentarischen Angebote im deutschen Kinderfernsehen und liefert eine präzise Bestandsaufnahme, die sechs Erzählmodi in den unterschiedlichen dokumentarischen Fernsehformen erkennbar macht.

Eine Erfolgsgeschichte jenseits etablierter Formate hat Calle Overweg zu berichten, der als Autor für Die Sendung mit der Maus über eine langjährige Erfahrung im dokumentarischen Arbeiten mit Kindern verfügt. Der Produktionsfirma Känguruh-Film und dem WDR (Redaktion Lachmuth) ist 2005 das rare deutsche Kunststück gelungen, einen »langen« Dokumentarfilm für Kinder und Jugendliche zu realisieren. Die Villa, ein Film über ein Kinderheim in Berlin, entspringt dem Geniestreich, einen Dreiteiler in eine dramaturgisch schlüssige 80 Minuten-Version zu übersetzen. Filmsprachlich zeichnet Overweg, der auch mit Dokumentarfilmen für Erwachsene erfolgreich reüssiert, eine genuine Handschrift in seinen dokumentarischen Arbeiten für Kinder aus, die – ein weiteres rar gewordenes Gut in Deutschland – von Autorenschaft im Kinderdokumentarfilm zu sprechen erlaubt.

Sehen alleine reicht nicht

Autorenkino und Filmkultur gehören in Frankreich zum guten Ton. Der Logik des »exigeance artistique« und dem damit verbundenen Verständnis von Film- und Kinokultur für Kinder und Jugendliche widmet sich die Leiterin des Goethe-Instituts in Lille, Dorothee Ulrich, in ihrem Beitrag. Am Beispiel Frankreich beschreibt Ulrich ein medienpädagogisches Paradigma, das Film als Kunstwerk und nicht als pädagogisches Bildungsmittel begreift. Erst neuerdings, so Ulrich, »besteht ein reelles Interesse an einer Auseinandersetzung mit Dokumentarfilm im Bereich filmerzieherischer Tätigkeiten«.

Auch in Deutschland sind es vor allem bildungspolitische und medienpädagogische Ambitionen, die dem Genre Dokumentarfilm neue Aufmerksamkeiten verschaffen. Das Kino wird verstärkt als Lernort in die Pflicht genommen. »Dokumentarfilme wirken«, schreibt Thomas Krüger. »Gerade weil dokumentarische Bilder so wirklichkeitsnah empfunden werden, sind sie ein hervorragendes Mittel, um Medienkritik zu schulen.« Film- und Medienerziehung, die ein kompetentes, d.h. kritisches Bewußtsein zum Ziel hat, muß Filmkultur einbetten in diskursive Zusammenhänge: »Sehen allein reicht nicht.« Daß Diskussions- und Filmkultur sich gegenseitig befruchten, ist nicht nur langjähriges Dogma der Duisburger Filmwoche, sondern für jeden medien- und filmpädagogischen Anspruch essentieller Ausgangspunkt. Diskutieren heißt: Stellung beziehen, sich austauschen und gegebenenfalls nicht der gleichen Meinung sein. Um eine andere, nicht gleiche Meinung haben auch wir gebeten: Die Dokumentarfilmer Bettina Braun, Karin Jurschick, Thomas Heise, Jan Peters, die Produzentin Kerstin Isenbeck und »Schnitt«-Redakteur Mark Stöhr haben für den »Schnitt« aktuelle Kinderdokumentarfilme visioniert und ihre Sicht auf die Filme in Kurzkritiken komprimiert.

Wo es Wirklichkeitssinn gibt, muß es auch Möglichkeitssinn geben, schreibt Robert Musil. Auf den folgenden Seiten wird das Genre Kinderdokumentarfilm zu Wirklichkeit und Möglichkeit befragt. Dafür ein herzlicher Dank an alle Autoren und Filmemacher.
Das Wasserglas füllt sich.
Aristoteles wäre begeistert. 2006-10-01 15:50

Abdruck

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