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Künstler | Euro | Paare

#42 ¦ 02.2006

Mit Beiträgen von Ute Holl, Sonja Neef, Ronald Hirte, Thomas von Taschitzki, François Bovier und Nina Rippel.
»14 Quadratmeter« von Sylvie Boisseau und Frank Westermeyer

1 1/2 {Anderthalb}: Künstler|Euro|Paare

Von Ute Holl Die Dynamik einer gemeinschaftlichen Kunstproduktion kann verwirrend sein: einzeln souverän oder zusammen anderthalb oder doch mit einem dritten? Das Verhältnis zur Kunst und das Verhältnis mit dem anderen, das Zusammenleben und Zusammenarbeiten verlangt gemeinsame Grenzüberschreitungen, individuell, sprachlich und kulturell.

Die Frage der Zusammenarbeit in der Kunst hat Godard für das Kino an den Anfang gestellt. Hollywood sei deshalb so gut gewesen, weil es eine Fabrik des Zusammendenkens gewesen sei, für Angestellte zwar, nine-to-five, aber regelmäßig und regellos. In Europa sei das schwieriger. Godard geht es außerdem nicht ums Fabrikmäßige, sondern um den Abschied vom Souverän im Kino. Zwei, drei oder vier Personen sollten, anstatt Autoren zu suchen, Filme machen. Schwierig ist allerdings die Suche nach den anderen zur Koproduktion: »Der einzige, den ich gefunden hatte – und da war es noch er, der auf mich zugekommen ist – war Jean-Pierre Gorin. […] Nach Gorin habe ich eine Frau gefunden, eine Freundin, aber wir sagen uns: wir sind anderthalb. Anderthalb, weil wir nur die Hälfte von dreien sind. Anderthalb heißt nicht einer und ein halber, es heißt die Hälfte von dreien. Ich habe es nie geschafft, zu dritt zu sein« (Godard, »Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos«, S.100). Bleibt die Vermutung, daß es den Dritten gar nicht geben soll. Daß es um Brüche geht. Um irrationale Zahlen, Relationen, die nicht aufgehen. Über und unter dem Strich nicht. Das scheint das Geheimnis der Künstlerpaare zu sein: den Dritten nicht zu kompensieren, sondern als Phantasma zu beschwören: als Anderen, als Anwesenheit oder als Leerstelle. Die Arithmetik in der Kunst von Paaren funktioniert wie ein Bärentanz des Binären, der die Tanzenden in seiner Bewegung verspeist und verwandelt. »Es gibt stets mehr als eines – und mehr oder weniger als zwei.«

Filmemachen zu zweit kommt öfter vor, gerade wenn die Kombination quasi natürlich angelegt ist, als brüderliche: Die Brüder Lumière, die Brüder Taviani, die Brüder Wachowski, die Coen-Brüder, die Dubinis. Große Regieschwestern im Kino gibt es dagegen kaum. Aber in der Kunst, da, wo es beweglicher wird, wo sich besser mischen läßt und wo die Macht der Regiekrieger am Set keine Rolle spielt, machen sie sich stark, die »reines prochaines«, mit ihren hyperartifiziellen Schwesternschaften, Pippilotti und Muda Mattis, Chicks on Speed, aber lange davor schon zwei, die mit ihren Arbeiten die große Genealogie der Engel durcheinander brachten: Maria Klonaris und Katerina Thomadaki, die das künstliche Dritte auf die Welt brachten als Kunst gegen autokratische und binäre Regime von Anfang an.

Komplexer als fraternité und anders als Sisters’ Performances ist die Zusammenarbeit von Paaren, die sich erstens erst in der Welt treffen und zweitens möglichst nicht konventionell zusammenschließen müssen. Auch da hat die Filmgeschichte ihre Vorbilder, vor allem als Bund von Regisseur und Schauspielerin: Gad/Nielsen, Sternberg/Dietrich, Fassbinder/Schygulla etc. Gemeinsame Regie ist seltener: Godard und Anne-Marie Miéville. Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, die man mit Fug und Recht nicht die Straubs nennen kann, denn es geht auch hier nicht um Einheit sondern um Differenz, den Schrägstrich zwischen Straub/Huillet. Die Inszenierung von Kluften, Abgründen, Disharmonien, Rissen zwischen Sprache und Stimme. Nicht zufällig ist die Filmarbeit von Straub/Huillet vom Rhythmus bestimmt, vom Rhythmus der Sprach- und Versfüße, der Stimmen, die die Einheit des Körpers skandieren. Von einem Dritten, der oder das stört. Offenbar erst in der freieren Kunst zeigen sich Paare, in denen auch die Frauen ihre Position stärken: legendär darunter Marina Abramovic und Ulay, gerade diese wiederum über Grenzen, Sprachen, Abgründe hinweg, auf dem Grat oder vielmehr auf dessen Schneide. Die Grenzen, Überschreitungen und Übersetzungen haben wir daher zum doppelten Thema unserer Auswahl gegenwärtiger Künstlerpaare gemacht.

Die erste Spielregel für die vorliegenden Texte zu Künstlerpaaren hieß, Paare zu suchen, die nicht nur gemeinsam produzieren, sondern auf irgendeine – schwer zu definierende – Weise darüber hinaus zusammenleben. Einen Raum teilen, Denkraum oder Organisationsraum. Nicht nine-to-five, sondern 24-Stunden-Paare. 12 Monate im Jahr. Die etwas Drittes teilen, das über gemeinsame Katalogtexte hinausgeht. Die Künstler in Paaren suchen den paranormalen Blick, der von außen kommt und das Künstler-Ich relativiert. In Beziehung setzt. In die Welt setzt. Der darauf aufmerksam macht, daß es das Verhältnis oder die Verhältnisse sind, die die Bilder der Welt modellieren. Darüber, daß man nie sich selbst beim Sehen sehen kann, kann sich ein einzelner täuschen. Zwei, die sich beim Sehen in die Karten und in die Augen sehen, können das nicht. Das Fehlen der Souveränität ist ihr Programm. Und auch das Fehlen des übergeordneten Dritten. Insofern wäre es viel eher das Begehren als die Liebe, die in diesen Konstellationen Kunst macht.

Die zweite Regel hieß, solche Paare auszuwählen, die in ihren Arbeiten über sprachliche, kulturelle Grenzen hinweg operieren. Die Notwendigkeit, stets aufs Neue Übergänge und Übersetzungen, Rauschabstände und Behelfskonstruktionen zu konstruieren, sollte das Diabolische der Paarproduktion in der Kunst noch einmal unterstreichen. Wo Paare sind, sind auch Parasiten. Und die kooperieren, fast immer, mit den Kritikern.

Die dritte Spielregel stellte sich von daher und von selber auf: geschrieben wurde über Freunde oder über Paare, deren Arbeit die Autorinnen und Autoren der Texte auf irgendeine Weise anging. Entsprechend kehrt sich das gewohnte Kritiker-Künstler-Verhältnis um: Diejenigen, die schreiben, sind nicht neutrale Dritte, sondern lassen sich leiten vom Mythos des Paares. Die Schreiber knüpfen Knoten und steigen ein in die Parasiten-Position. Ernähren sich vom Werk des produktiven Paares und lassen dabei dessen Struktur sichtbar werden: Der Witz des Möbiusbandes sind nicht die zwei Seiten, sondern der unsichtbare Übergang. Die Dritten sind dem Mythos der Zweiheit auf der Spur. Die Rechnung ist komplizierter als Godard sie aufgestellt hat und läßt sich vorerst nicht als Formel fassen. 2006-04-01 11:33

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