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Ein Nachruf auf Dogma 95

#39 ¦ 03.2005

Mit Beiträgen von Christian Monggaard, Patrick Vonderau, Karl Prümm, Charles Martig, Sabina Ibertsberger, Andreas Jahn-Sudmann, Hans Schifferle und einem Gespräch mit Paprika Steen.
Thomas Vinterbergs Dear Wendy (2005), nach einem Drehbuch von Lars von Trier

Made in Denmark

Von Christian Monggaard Wenn man über das dänische Kino nach Dogma 95 redet, ist es wichtig zu verstehen, daß die Erfolgsgeschichte des dänischen Films weder mit der Dogma-Bewegung beginnt noch dort endet – obwohl kein Zweifel daran besteht, daß die Dogma-Filme seit zehn Jahren ein wichtiger Bestandteil davon sind.

Dank Dogma 95 und Lars von Trier, der immer nur seinen eigenen Zielen folgte, war das dänische Kino sowohl in der Heimat als auch in der Fremde sehr erfolgreich. Inzwischen hat man sich in diesem Land so sehr an die Aufmerksamkeit bei Festivals wie der Berlinale und den Filmfestspielen in Cannes gewöhnt, daß es schon als Enttäuschung angesehen wird, wenn es mal in einem Jahr keine dänische Produktion in die offizielle Auswahl schafft.

Natürlich hat dieser Erfolg dazu beigetragen, der dänischen Filmindustrie und ihren Regisseuren das Selbstvertrauen zu geben, um mutig eigene Wege zu beschreiten. Zudem spielte der Erfolg auch eine wichtige Rolle bei der Sicherung der so essentiellen staatlichen Förderungen für die Filmindustrie, und das derzeit gültige Filmförderungsgesetz, erstmals eingeführt im Jahr 1972, ist einer der Eckpfeiler für die jetzt einsetzende Blüte der Industrie.

Der neue dänische Realismus

Ole Bornedals Thriller Nattevagten aus dem Jahr 1994 – den er selbst als Remake unter dem Titel Nightwatch für Miramax in die USA brachte – war in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt für das dänische Kino. Es war der erste wirklich moderne dänische Film der 90er und der erste, der sich an ein populäres Genre heranwagte, um von jungen, ruhelosen Menschen zu erzählen, die sich mit wachsender Verantwortung und den Erwartungen der Gesellschaft herumschlagen müssen. Es war endlich ein Film für junge Leute, die heute ja den größten Anteil des Kinopublikums ausmachen. Der Film sprach ihre Sprache und plazierte seine Geschichte gleichzeitig in einer erkennbaren dänischen Realität.

Zur gleichen Zeit ging eine neue Generation von Filmemachern von der Nationalen Filmschule und der Filmakademie ab, und diese haben seitdem die Filmlandschaft dominiert. Diese jungen Kreativen schlossen sich zusammen, gründeten unabhängige Produktionsfirmen, und sie machten sich auf, Geschichten über ihre eigene Generation zu erzählen. Und sie nahmen die Vorlage von Bornedal an und wagten es, populäre Genres wie Komödien, Thriller, Actionfilme oder Melodramen dafür zu nutzen. Das war endlich das Ende für all die Literaturadaptionen, Schenkelklopfkomödien und tranigen Sozialdramen der 70er und 80er. Der dänische Film beschäftigte sich wieder damit, natürliche Geschichten zu erzählen – und ein neuer dänischer Realismus war geboren. Manche dieser jungen Filmemacher hatten schon gearbeitet, als die Dogma-Bewegung aufkam: Thomas Vinterberg, Ole Christian Madsen, Lone Scherfig oder Susanne Bier zum Beispiel. Andere sind seitdem gefolgt: Anders Thomas Jensen, Nicolas Winding Refn, Jonas Elmer, Per Fly, Jesper W. Nielsen, Anette K. Olesen, Nikolaj Arcel, Jannik Johansen oder Christoffer Boe.

Die Dogma-Bewegung hat sich als sehr vielseitig erwiesen, und die Freiheit, die dieses angebliche
Keuschheitsgelübde den Regisseuren, Kameraleuten und Schauspielern gegeben hat, inspirierte wiederum andere Kreative, die die Energie, Konzentration und Dringlichkeit dieser Arbeitweise zu nutzen wußten. 1996 drehte zum Beispiel der Autodidakt Nicolas Winding Refn Pusher und nutzte hierfür das Genre des Gangsterfilms als Hintergrund, um mit einer Handkamera eine fiebrige, mitreißende Charakterstudie zu erzählen (der Film hat sich inzwischen zur Trilogie ausgeweitet, Pusher 3 kommt im August in die dänischen Kinos). Im Jahr 2000 drehte Per Fly in Guerilla-Manier sein Regiedebüt Bænken, der sich später mit den Filmen Arven (2003) und Drabet (2005) zu einer hochklassigen und politisch aufgeladenen Trilogie über das Klassensystem der dänischen Gesellschaft ausweitete.

Die Konzentration auf die leichtherzigen, alltäglichen und manchmal ironischen Komödien mit einem Hauch von Tragödie, die die dänischen Kinokassen in den späten 90ern und den ersten Jahren des neuen Jahrtausends zu bestimmen schienen – darunter Okay (2002), Se til venstre, der er en Svensker (2003), Små Ulykker (2002) und, die beiden größten Publikumserfolge der letzten Jahre, Susanne Biers Den Eneste Ene (1999) und Lone Scherfigs Italiensk for begyndere (2000) – hat inzwischen einem breiteren Spektrum Platz gemacht. In diesem Jahr treten nicht weniger als dreißig dänische Produktionen an den heimischen Kinokassen an.

Natürlich sind nicht all diese Filme hervorragend. Thomas Vinterberg, dem mit Festen (1998), dem ersten Dogma-Film überhaupt, ja ein riesiger Erfolg gelang, scheiterte mit seinen beiden englischsprachigen Arthouse-Filmen It‘s All About Love (2003) und Dear Wendy (2005) und wendet sich nun wieder dänischen Produktionen zu. Auch Lone Scherfig und Søren Kragh-Jacobsen, die beide große Erfolge mit ihren Dogma-Projekten feierten, haben sich mit Wilbur Wants to Kill Himself (2002) und Skagerrak (2003) an englischsprachige Produktionen gewagt, sind aber weder an der Kinokasse noch bei der Kritik ähnlich gut angekommen.

Die Grenzen verschieben

Trotzdem ist die generelle Qualität dänischer Filme weitaus besser als noch vor zehn Jahren. Hinzu kommt, daß gerade jetzt eine Handvoll Regisseure ansetzt, die Grenzen noch etwas weiter zu verschieben – mit höchst individuellen Methoden. Manche dadurch, daß sie die Optik der Dogma-Bewegung in Frage stellen – man beschwert sich zunehmend über diese Ästhetik der Häßlichkeit, die seekrank machende Handkameraführung und die grobkörnigen Bilder.

Der angesehene Drehbuchautor Anders Thomas Jensen etwa entwickelt sich zu einem eigenständigen Regisseur. Er gewann für seinen Kurzfilm Valgaften (1998) den Oscar und hat seither bei drei Spielfilmen Regie geführt, die allesamt von Jensens typischem Dialogwitz, schrägen Charakteren und grotesk anmutenden Szenarien leben. Zudem hat letztes Jahr Nikolaj Arcel zusammen mit Co-Autor Rasmus Heisterberg den dänischen Polit-Thriller wiederbelebt: Kongekabale ist ein intelligenter Kassenschlager geworden. Das Duo befindet sich gerade in der Vorbereitung für einen großen, mit Spezialeffekten vollgestopften Abenteuerfilm für Kinder mit dem Arbeitstitel Island of the Lost Soul. Ole Christian Madsen, der mit Pizza King, einem Drama über kriminelle Einwanderer in Kopenhagen, 1999 sein Debüt feierte, beeindruckte kürzlich mit Nordkraft (2005), einem energetischen und visuell einfallsreichen Film über eine verlorene Jugend in Aalborg. Gleichzeitig wurde Jacob Thuesens Anklaget (2005) von den Kritikern gefeiert, ein mitreißendes Porträt eines Mannes, der wegen Inzest angeklagt wird. Susanne Bier eroberte derweil die Kinokassen mit ihrem Film Brødre (2004), der ergreifenden Geschichte einer dänischen Familie, die vom Krieg in Afghanistan auseinander gerissen wird. Und Christoffer Boe, der vor zwei Jahren für seinen geheimnisvollen, hochgradig stilisierten Film_ Reconstruction_ (2003) die Goldene Palme in Cannes erhielt, beendet gerade Allegro, einen Science-Fiction Film – »nur ohne Science«. 2005-07-01 15:56

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